Peenetal

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„Man kippt bald um, so schön ist das“

Holländerin organisiert Peenetal-Touren.

Ein Morgen am Wasserwanderrastplatz Alt Plestlin: Leute klettern aus ihren Zelten, Kaffeewasser brodelt, Duschen spülen Müdigkeit davon. Erste Boote ziehen vorbei, die Peene hinauf, Wellen plätschern an die Hafenwand. Ein Reiher beäugt das Ganze aus der Luft, segelt aufs gegenüberliegende dicht bewachsene Flussufer zu. Reiher – nur eine von vielen natürlichen Attraktionen, die das Peenetal zwischen Kummerower See und Anklam bereit hält, weiß Geranda Olsthoorn. „Wenn man das zum ersten Mal sieht, kippt man bald um, so wunderschön ist das,“ schwärmt die 33-jährige Holländerin über Deutschlands größte zusammenhängende Flusstalmoor-Landschaft.

Die Biologin lebt mittlerweile von diesem Potential, führt Touristengruppen per Kanadier den Fluss entlang, hat gerade mal wieder einen Stopp in Alt Plestlin eingelegt.Vor acht Jahren – sie studierte noch Meeresbiologie in den Niederlanden – kam die junge Frau das erste Mal nach Vorpommern. Wegen ihres Freundes, der für eine Diplomarbeit zum Peenetal bei Anklam forschte. „Es war schon ein bisschen wie Liebe auf den ersten Blick“, erinnert sie sich an ihre Begegnung mit der Landschaft. In deren Bann gezogen, ließ Geranda Olsthoorn das nach dem Studium auf sie wartende Wal-Projekt in Norwegen sausen, entschied sich aus Liebe zu Freund und Natur für die Rückkehr nach Vorpommern.

Dort wollte sie sich vor allem der Otter-Forschung widmen, insbesondere deren Jagd- und Fressverhalten.„Für europäische Verhältnisse ist das Peenetal sehr gut besiedelt. Das hier ist wie eine Otter-Quelle für andere Gebiete.“‹‹ Eigene Firma gegründet ››Aber alles gestaltete sich erstmal sehr theoretisch, finanzielle Unterstützung war kaum zu bekommen. „Da habe ich mir gesagt, dann mache ich mir eben mein eigenes Geld dafür.“ Kurzerhand hob sie 1999 „Aquila“ (lat.: Adler) aus der Taufe, bot ab 2000 unter diesem Namen selbst zusammengestellte und betreute Naturreisen durch die Region an. „Mein Ideal wäre gewesen, im Sommer das Geld zu verdienen, mit dem ich im Winter dann forschen könnte.“ Doch wie erhofft, klappte es nicht.

Denn auf sich allein gestellt, musste Geranda Olsthoorn die Winterpause vor allem nutzen, um Werbung, neue Kontakte und künftige Reiserouten auf die Beine zu stellen. „Es geht langsamer voran als gedacht, aber meine Kundenzahlen wachsen schneller als der Tourismus-Durchschnitt“, meint die 33-Jährige stolz.Im März startete sie mit einer Kranich-Wanderwoche in die zweite Saison, auch normale Kanu-Touren wie die jetzige und Rad-Kanu-Ausflüge stehen auf dem Programm. „Im Prinzip kann das jede Woche losgehen“, erzählt die in Mesekenhagen bei Greifswald wohnende Holländerin. Bis zu acht Personen betreue sie, manchmal fahre sie auch nur mit einem Gast die Peene herunter.

Als Gefährt bei den fast eine Woche dauernden Wassertouren dienen Kanadier. „Die sind zwar langsamer als Kajaks, aber so bleibt mehr Zeit, sich umzugucken.“ Schließlich gebe es einiges bei den meist in Trittelwitz startenden und in Anklam endenden Ausflügen zu bestaunen. Das reiche von Eisvögeln über schwimmende Ringelnattern bis hin zu Turmfalken am alten Demminer Speicher. Interessant von der Artenvielfalt stellten sich zudem die kleinen Muschelbänke am Rand der Erlenwälder dar. „Und die Leute von außerhalb faszinieren immer die vielen Storchennester, das kennen viele nicht.“‹‹ Biber fast garantiert ››Noch mehr wirken natürlich die oft unverhofften Begegnungen mit den größten vierbeinigen Wasserbewohnern: „Einen Otter kann man da nicht garantieren, aber mit einem Biber klappt es eigentlich immer“, weiß die junge Biologin.

Doch kaum weniger spannend stelle sich die Tour dar, wenn die Gäste einmal nur die Spuren von Tieren sähen. Sie erkläre deren Bedeutung, was die Leute praktisch in eine völlig andere Wahrnehmung der Natur versetze, den Abenteuercharakter verstärke.Mitunter halte die Kanadier-Flotte auch mal am Ufer für einen kleinen Ausflug. Zum Beispiel auf die Anhöhe bei Upost, die einen wunderbaren Blick ins Peenetal biete. Standard seien die Wikingergräber bei Menzlin. Gleichzeitig gebe sie Erläuterungen zur Entstehung der hiesigen Landschaft und spreche über die Probleme der Moornutzung, verdeutlicht die Holländerin.

Schließlich engagiere sie sich trotz und auch wegen ihres Geschäftsfeldes weiter stark für den Naturschutz, sitze beispielsweise im Peenetal-Förderverein.‹‹ Kritik angebracht ››„Der Tourismus wird kommen, da braucht man sich nicht viel zu bemühen, dafür sorgt die Natur fast alleine. Aber man muss den Leuten erzählen, auch wenn sie es nicht hören wollen, dass es Grenzen für den Tourismus gibt“, unterstreicht Geranda Olsthoorn. Es gebe nämlich einige, die sich recht skrupellos gegenüber der Natur verhielten, andere störten einfach nur aus Unwissenheit.

Würde der Tourismus im Peenetal ordentlich gelenkt und besser kontrolliert, flösse unter anderem mehr Geld in die Wasserwanderrastplätze, profitierte die ganze Region davon. So habe sie beispielsweise alleine bei der jetzigen Tour an die 50 wilde Camper. „Die stellen einfach ihre Zelte auf und sehen natürlich die Grenzen der Tiere nicht. Da bin ich dann manchmal ziemlich aggressiv, weil mich das aufregt.“Sie fahre mit ihren Leuten zum Übernachten grundsätzlich die offiziellen Rastplätze an, auch wenn sich für Paddler das Ein- und Aussteigen dort nicht immer so einfach darstelle. Und noch etwas stört sie an diesen als Kanu-Oasen gepriesenen Orten. „

Da wurde oft ganz viel Geld reingesteckt, und jetzt sieht das eher wie ein Hafen aus, da wirkt wenig naturbelassen.“ Ansonsten jedoch gebe es kaum zu meckern, lediglich kleinere Dinge in Sachen Gäste-Service hinterließen einen unschönen Eindruck. „Zum Beispiel umherliegender Müll oder von der Feuchtigkeit schwarze Duschvorhänge, das müsste nicht sein.“ Denn für einige Touristen gäben solche Dinge den Ausschlag bei der Wahl künftiger Urlaubsziele.Sie selbst versuche, in den nächsten Jahren noch mehr Leute auf sensible Weise an das Peenetal und seine Bewohner heranzuführen. Gehe ihr Konzept auf, seien später vielleicht sogar mal Tagestouren denkbar. Aber auch dann wird sie wahrscheinlich immer ihr Notizbuch dabei haben, in das viele der Beobachtungen von unterwegs Eingang finden, um später einmal systematisch ausgewertet zu werden. Denn selbst für sie, die mittlerweile ständig auf dem Fluss unterwegs ist, gebe es ständig Neues zu entdecken.