SOHN BERICHTET

Mein Vater starb, um Deutschland vor Hitler zu retten

Vor 76 Jahren scheiterte das Attentat der Verschwörer vom 20. Juli auf Adolf Hitler. Einer der Verschwörer war Albrecht von Hagen, dessen gleichnamiger Sohn heute in der Nähe von Anklam lebt. Hier erinnert er sich an seinen Vater.
Albrecht von Hagen senior und junior in einer Fotomontage: Heute blickt der Sohn (rechts) mit 86 Jahren zurück auf das Le
Albrecht von Hagen senior und junior in einer Fotomontage: Heute blickt der Sohn (rechts) mit 86 Jahren zurück auf das Leben des Vaters, der nicht einmal halb so alt wurde wie er heute ist. NK-Montage
Albrecht von Hagen junior lebt heute in Japenzin.
Albrecht von Hagen junior lebt heute in Japenzin. Gabriel Kords / NK-Archiv
Japenzin ·

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im August 2019 als „Nordkurier Extra”.

Der 86-jährige Albrecht von Hagen, der den gleichen Vornamen trägt wie sein Vater, hat die Szene am 20. Juli 1944 noch immer vor Augen. Er lebte auf dem Gut seines Großvaters im hinterpommerschen Langen, das heute zu Polen gehört. Die ganze Familie aus Großeltern, Mutter, Schwester und ihm selbst hatte sich ums Radio versammelt – sie alle hörten, wie über das Attentat auf Adolf Hitler berichtet wurde. „Wir ahnten nicht, welche Familientragödie bald über uns hereinbrechen würde“, sagt Albrecht von Hagen.

Der Vater des Verschwörers frohlockte, weil Hitler überlebt hatte

Im Gegenteil: Sein Großvater, Parteimitglied und glühender Hitler-Verehrer, trommelte als Reaktion auf die ungeheuerliche Nachricht vom Attentat auf den „Führer“ den örtlichen Kriegerverein aus Veteranen des Ersten Weltkriegs zusammen. Gemeinsam marschierten sie zur Gedenktafel an der Dorfkirche, wo Großvater von Hagen eine Dankesrede auf das gerettete Leben Adolf Hitlers hielt. „Ich trabte beeindruckt nebenher“, sagt Albrecht von Hagen. „Aus Kinderaugen war das alles sehr spannend. Nur verstanden habe ich es nicht.“

Auch er selbst, der zehnjährige Junge, war schon voll eingebunden in Hitlers System. Erst Tage zuvor war er von einem Ferienlager der Pimpfe zurückgekehrt: „Ich sollte demnächst Gruppenführer werden, hatte bereits den ersten Winkel bekommen“, erzählt er. Und: „Ich war mächtig stolz darauf.“

Einstellung des Vaters war in der Familie kein Geheimnis

Bis dato war seine Kindheit kaum vom Krieg berührt worden, auf dem Land, so weit weg von den Zentren. Von Hagen erinnert sich an die wunderbare Landschaft, ans Reiten durch scheinbar unbegrenzte Weite und die Landwirtschaft, die ihn schon immer brennend interessierte. Auch die ersten Tage nach dem Attentat verliefen ruhig. „Vielleicht hatte Mutter eine leise Vorahnung“, sagt der Sohn heute. „Sie wusste, dass Vater mit Stauffenberg befreundet war und dass Vater kritisch über Hitler und die Führung dachte.“

Die Einstellung des Vaters war in der Familie kein Geheimnis. Über Politik wurde vielleicht auch deshalb zwischen Großvater und Sohn nicht gesprochen, zumindest nicht vor Zeugen. Und auch über das, was am 20. Juli geschehen sollte, darüber verlor der spätere Attentäter kein Wort.

Kurz nach dem Attentat kam die Gestapo

Trotzdem kam wenige Tage nach dem Attentat die Gestapo, und nicht nur Albrechts Mutter, sondern auch die Großeltern wurden abgeholt. Außer den dreien wurden noch weitere Familienmitglieder in Gestapo-Gefängnisse verschleppt, dort misshandelt und gefoltert.Der kleine Albrecht und seine Schwester blieben noch tagelang auf dem Gutshof, betreut von den Angestellten des Guts. Am 2. August feierte Albrecht in dieser bedrückenden Atmosphäre seinen elften Geburtstag. Wenige Tage später wurden die Kinder plötzlich abgeholt, „von zwei freundlichen Herren“, so hat Albrecht von Hagen das wahrgenommen. „Sie sagten uns, wir würden Mutter besuchen. Aber zu Mutter kamen wir nicht.“ Stattdessen kamen nun auch sie in Sippenhaft, in den Harz, in ein Kinderheim nach Bad Sachsa.

Von Hagen erinnert sich genau an die Internierung: „Wir gehörten zu den ersten, die ankamen, die acht Häuser waren noch ganz leer.“ Im Buben-Schlafsaal war erst ein Bett belegt, Berthold lag darin. „Erst später habe ich erfahren, dass es sich um Berthold Maria Schenk Graf von Stauffenberg handelte – den Sohn Stauffenbergs“, sagt von Hagen.

Auch der kleine Albrecht kam in Sippenhaft

Die drei Monate im Kinderheim in Bad Sachsa erlebte der kleine Albrecht in aller kindlichen Unbekümmertheit: „Da war richtig was los. Viele Jungens, viele Kinder, ich unter den älteren, zumeist sportlicher als die anderen – das war eine tolle Zeit!“ Ja, es gab einen Zaun um das Heim. Aber der war völlig überwuchert, kaum zu sehen. Ja, der Ton der Erzieherinnen war bestimmt. Aber das war auf dem Gutshof der von Hagens auch nicht anders gewesen.

Warum sie dort waren, was aus ihnen werden würde – das alles berührte den kleinen Albrecht nicht im mindesten: „Die Älteren haben später gesagt, sie hätten Ahnungen gehabt, warum sie dort waren. Aber gesprochen wurde darüber nicht.“ Auch machte eine Krankenschwester einmal Andeutungen, wer dieser Berthold war und dass sein Vater erschossen worden war. „Das berührte mich zwar. Aber es hat mich nicht lange beschäftigt“, sagt von Hagen.

Der Vater wurde von „Richter” Freisler verhöhnt

Auch die Tötung seines Vaters, der kurz nach dem Attentat verhaftet, verhört und gefoltert wurde, fällt in diese Zeit. Am 8. August war der kleine Albrecht allenfalls ein paar Tage in Bad Sachsa. Am Vormittag stand Vater von Hagen vor dem Volksgerichtshof, der berüchtigte Roland Freisler führte den ersten Schauprozess gegen acht Verschwörer, darunter von Hagen. Das Todesurteil fiel noch vor dem Mittag, die Hinrichtung am Strang erfolgte am frühen Nachmittag. „Zu der Zeit haben wir wohl noch Mittagsschlaf gemacht“, sagt der Sohn.

Wie Freisler seinen Vater verhört, ihn anbrüllt, beschimpft und beleidigt – das alles ist gefilmt worden. Heute muss Albrecht von Hagen bloß den Namen des Vaters im Internet eingeben und kann die Videos sehen. Vieles hat er sich gefragt, hätte gern auch den Vater befragt. Was den Vater getrieben hat, sich gegen die Führung und den „Führer“ zu stellen in einer Armee, in der Gehorsam das oberste Gebot war. Wie er die Risiken in Kauf nehmen konnte, ob er sich klar darüber war, dass er auch seine Familie in Gefahr brachte.

Wie sehr kalkulierten die Verschwörer ihr Scheitern ein?

Das alles hat er nur aus Erzählungen rekonstruieren können. Mit der Mutter, die 1990 starb, hat er viel darüber gesprochen, Zeitzeugen aufgesucht. So ist sein Bild des Vaters entstanden. Jurist war der, aber sicher kein brillanter, erst im zweiten Anlauf bestand er das Examen. Er war eher ein Praktiker als ein Theoretiker, vielleicht kein Heißsporn, aber auch ganz bestimmt kein Grübler. Beim Rückzug der deutschen Armee vor Moskau soll er ganz allein ein deutsches Munitionsdepot zwischen den kämpfenden Linien in die Luft gejagt haben. 1942 lernte er dann in Afrika Graf Stauffenberg kennen und schätzen, der bald darauf wohl schon die ersten Attentats-Pläne hegte.

Wie genau dann auch beim Vater die Überzeugung entstand, dass Hitler weg musste, weil nur dann eine Chance bestünde, den aussichtslosen Krieg zu beenden – das vermag auch Albrecht von Hagen kaum zu sagen. Aber er fragt sich: Wie sehr kalkulierten die Verschwörer das Risiko ihres Scheiterns mit ein? „Ich glaube, sie waren sich selbst im Klaren, dass das alles nicht ganz durchgeplant war“, sagt er heute: „Aber sie müssen so überzeugt davon gewesen sein, dass der Krieg aufhören musste, dass sie diesen letzten Versuch, das zu erreichen, einfach unternehmen mussten. Und dann haben sie es einfach getan.“

Eine Heldentat? „Nein”, sagt der Sohn

Dass der Vater es schaffte, mit seiner Frau und den Verwandten nicht über das geplante Attentat zu sprechen, zeigt von Hagen, dass der Vater nicht rein emotional handelte – aber weil von Hagen eben auch einer war, der handelte, wenn andere noch nachdachten, spielte er eine wichtige Rolle in den Vorbereitungen. Gemeinsam mit Joachim Kuhn besorgte er Sprengstoff für die Attentate, er hatte sich dafür extra zum Oberkommando der Wehrmacht versetzen lassen.

Nein, als Heldentat möchte der Sohn die Tat des Vaters nicht verstanden wissen. „Dafür hätten sie Erfolg haben müssen“, sagt er. Aber als törichte Dummheit will er die Tat ganz bestimmt auch nicht verstanden wissen: „Vielmehr war das Attentat unzweifelhaft eine Grundvoraussetzung dafür, dass sich im späteren Westdeutschland so schnell eine stabile Demokratie entwickeln konnte.“

Ein Brief an den gehenkten Vater

Mehr als Dreivierteljahrhundert ist inzwischen vergangen seit dem Attentat. So wie heute konnte Albrecht von Hagen lange nicht über die Tat seines Vaters sprechen. Als kleiner Junge, heimgekehrt aus Bad Sachsa, begriff er zwar, dass sein Vater gestorben war, aber nicht warum. Kinder vergessen schnell, erst später setzte bei Albrecht von Hagen das Nachdenken ein. Doch davor lagen viele Jahre, in denen er nicht an das Geschehene dachte, auch nicht daran denken wollte. Heute, sagt von Hagen, sei er stolz auf seinen Vater.

Mit 80 Jahren, also 70 Jahre nach der Ermordung seines Vaters, hat Albrecht von Hagen junior sich dann hingesetzt und einen Brief an seinen Vater geschrieben, um seine Gefühle in Worte zu fassen. Sie gelten noch heute.

Brief an den gehenkten Vater

Vater, ich weiß von Dir und Deinem Leben eigentlich null, nichts direktes. Wir haben zwar elf Jahre unseres Lebens gleichzeitig gelebt, aber wir haben uns so selten gesehen, dass ich mich nur an ein kurzes Erlebnis mit Dir erinnere. Ich war damals zehn Jahre alt, es war in Sankt Anton in Österreich im Winter 1944, wir waren Skifahren. Du wolltest mir den Kristiania-Schwung beibringen, aber ich wollte viel lieber mit meinen Freunden auf den selbst gebauten kleinen Skischanzen springen. Du wurdest immer ungeduldiger und gabst schließlich auf.

Tage später kamst Du mit Mutter ein wenig zerzaust vom Skilaufen zurück. Du warst auf dem Ziehweg (damals sehr berüchtigt) geradeaus in den Wald verschwunden, sollst dann nur mit fremder Hilfe die Steilwand hinaufgezogen worden sein. Klein Matzi – so hieß ich damals – hatte innerlich eine klammheimliche Freude an Deinem Missgeschick, aber Leid tatest Du mir schon.

Das war‘s. Mehr ist an persönlichen Begegnungen nicht in meiner Erinnerung. Alles andere weiß ich nur aus Erzählungen. Ich muss mich deshalb auf das zurückziehen, was ich fühle und was ich aus all dem Gesagten herausgefiltert habe.

Du warst dicht am Intellektuellen dran durch Deine Ausbildung zum Juristen, aber grundsätzlich musst du Praktiker und Organisator gewesen sein. Dein Charme und deine Eloquenz sollen die Damenwelt reihenweise in Deinen Bann gezogen haben. Aus dem Krieg hörte ich von Deiner Organisationskompetenz und von Deiner diplomatisch-feinfühlenden, aber couragierten und fordernden Art, mit der Du die schwierigen Vorbereitungen für das Attentat durchzuziehen imstande gewesen sein musst. Du sollst bei Stauffenberg der Mann fürs Praktische gewesen sein: Was gibt‘s? Was muss getan werden? – Also wird das erledigt!

Vater, Du hast an das Gute im Menschen geglaubt und hast Dich dem Satan entgegengestellt. Du hast an eine übermenschliche Kraft (Gott) geglaubt. Nachträglich betrachtet: Mit dieser Grundlage musstest Du scheitern. Schließlich wolltet Ihr einen Menschen absichtlich töten, und das erfordert kriminelle Substanz. Du hattest an den Erfolg von „Hitler muss weg!“ geglaubt wie all die anderen auch, sonst hättet Ihr das Unternehmen nicht in die Tat umsetzen können. Ich glaube heute: Ich hätte genauso gehandelt und ich wäre auch genauso gescheitert.

Vater, viele wollen Dich in der Rolle eines Helden sehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Du das gutheißen würdest. Ich jedenfalls sehe Dich als Mensch und Teilnehmer am Attentatsversuch viel mehr in der Rolle Luthers: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“

Vater, diese Zeilen widme ich Dir hier in aller Öffentlichkeit. Sie sollen Dir und allen zum Ausdruck bringen, wie sehr ich Dein generelles Tun im militärischen Widerstand gutheiße. In dieser Hinsicht bist Du immer mein Vorbild gewesen. Durch die Kriegs-Zeit hat mir Deine Nähe gefehlt; „Vaterlos“ aufgewachsen zu sein war sicherlich ein Grund für mein nach außen robustes Auftreten trotz innerer Verletzlichkeit.

Mutter und Deine Kinder haben Dir sehr schnell verziehen, dass Du durch dein Handeln Deiner Familie vorübergehendes Ungemach bereitet hast. Ich bin davon überzeugt: Deutschland wäre ohne diese Tat von den Alliierten nicht so schnell in eine Demokratie umgewandelt worden. Das Attentat ist einer der Pfeiler unserer Staats- und Gesellschaftsform.

Ich bin stolz darauf, Dein Sohn zu sein!

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