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Mit 80 noch ackern. Und Siegfried hat sogar Spaß

Auch nach 50 Jahren als Kleingärtner kann man immer neue Tulpensorten entdecken. Und auch oder vielleicht sogar erst recht mit 80 Jahren kann man sich an einem sonnigen Frühlingstag an dieser Vielffalt erfreuen. Das kann man von Siegfried Stephan lernen.

VonJörg FoetzkeVor uns allen liegt ein wunderbar langes Wochenende, und doch: Viele Menschen wissen da nichts mit sich anzufangen. Einer wie Siegfried ...

VonJörg Foetzke

Vor uns allen liegt ein wunderbar langes Wochenende, und doch: Viele Menschen wissen da nichts mit sich anzufangen. Einer wie Siegfried Stephan kann da nur mit dem Kopf schütteln. Er ist 80 Jahre, seit rund einem halben Jahrhundert Kleingärtner. Er hat immer zu tun. Und immer Freude.

Anklam.Dass die Sonne das Duschwasser wärmt, ist heutzutage wirklich nichts Besonderes. Doch Siegfried Stephan braucht dafür keine speziellen Sonnenkollektoren. Zwei robuste, braun angestrichene Blechgießkannen aus DDR-Zeiten tun es ebenso. Lacht Klärchen vom Himmel, stellt der 80-jährige Anklamer die gefüllten Gießkannen in die Sonne und nach ein bis zwei Stunden hat sich das Wasser erwärmt. Auch in Phase zwei geht ohne die Gießkannen nichts: In das Vordach seine Laube hat Siegfried Stephan einen Haken eingeschraubt. Daran wird die Gießkanne gehängt und schon kann das Duschvergnügen beginnen. Weil die Kanne frei am Haken hängt, rutscht sie am Bügelgriff immer so in Position, dass der Inhalt bis zum letzten Tropfen aus der Tülle sprudeln kann. Diese simple Dusch-Technologie tüftelte Siegfried Stephan bereits vor Jahrzehnten aus.
Seinen Kleingarten in der Anklamer Sparte „Stiller Hort“ am Gneveziner Damm übernahm der Lehrer 1965 für 500 Ostmark. „Da stand damals aber auch nur ein Schuppen drauf“, erinnert er sich. Gedacht war der Garten, um die wirtschaftliche Lage der jungen Familie aufzubessern. Doch mit den Jahren wurde er auch zur Erholungsoase umgestaltet, auch wenn das zu DDR-Zeiten nicht immer einfach war. „Für Bretter brauchte man erst einmal einen Freigabeschein“, erzählt Siegfried Stephan. Und für Terrazzoplatten sind die Anklamer gar bis Neubrandenburg gefahren. Die Laube hat der Lehrer selbst gebaut. Das Gärtnern auf der gepachteten Scholle ist dem Anklamer so in Fleisch und Blut übergegangen, dass er gar nicht anders kann. „Ich bin jeden Tag im Garten, ich brauche den Ausgleich.“ Seinem Garten ist das anzusehen. Kartoffeln, Radieschen und Bohnen stehen in Reih und Glied. Und die Gurken im Gewächshaus können sich sehen lassen. „Wenn die richtig tragen, kann ich damit die ganze Sparte versorgen“, meint Siegfried Stephan.
Auch an diesem langen Wochenende kann man ihn in seinem Garten treffen. Und dabei nicht nur lernen, wie das mit den Gurken und Gießkannen so läuft, sondern auch, dass einem auch im Alter noch jeden Tag etwas blühen kann...