Mecklenburg-Vorpommern hat ein schwerwiegendes Problem: Schon bei der Einschulung sind viele Kinder zu dick für ihr Alter
Mecklenburg-Vorpommern hat ein schwerwiegendes Problem: Schon bei der Einschulung sind viele Kinder zu dick für ihr Alter. Die Corona-Krise hat die Lage weiter verschäft. Waltraud Grubitzsch
Seit 2019 kämpft Prof. Dietmar Enderlein, Geschäftsführer der Greifswalder Medigreif Unternehmensgruppe, um die
Seit 2019 kämpft Prof. Dietmar Enderlein, Geschäftsführer der Greifswalder Medigreif Unternehmensgruppe, um die Wieder-belebung des Netzwerkes. Dafür holte er auch Bildungsministerin Bettina Martin (SPD) als Schirmherrin mit ins Boot. Medigreif/ZVG
Dirk Scheer (2.v.re.), einstiger Sozialdezernent im Landkreis Vorpommern-Greifswald, will als Projektmanager das „Netzwe
Dirk Scheer (2.v.re.), einstiger Sozialdezernent im Landkreis Vorpommern-Greifswald, will als Projektmanager das „Netzwerk-Adipositas“ zum Erfolg führen. Medigreif
Zu den Projektpartnern zählt auch der AWO-Kreisverband Uecker-Randow, hier mit dem Geschäftsführer Helmut Grams
Zu den Projektpartnern zählt auch der AWO-Kreisverband Uecker-Randow, hier mit dem Geschäftsführer Helmut Grams (links) und Ulrike Dietrich, der Abteilungsleiterin des Bereichs Kita. Mit Projektmanager Dirk Scheel wurden viele Ideen entwickelt, die es nun umzusetzen gilt. Medigreif/ZVG
„Netzwerk-Adipositas”

Netzwerk in Vorpommern sagt Übergewicht bei Kindern den Kampf an

MV belegt einen traurigen Spitzenplatz: Nirgendwo sonst in Deutschland werden mehr übergewichtige Kinder eingeschult als im Nordosten. In der Pandemie hat sich dies noch verschlimmert.
Heringsdorf

Wer als Kind zu dick ist, bleibt es oft ein Leben lang. Doch starkes Übergewicht befördert Folgekrankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ist damit ein ernst zu nehmendes Problem. Laut Experten sollte deshalb schon früh interveniert werden, um Übergewicht vorzubeugen oder ein nachhaltiges Abnehmen zu ermöglichen. Greifswald.

Sportvereine, Ernährungsberater und Psychologen

Letzte Erhebungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) verdeutlichen das Problem: Immer mehr Kinder leiden bereits an Adipositas, also krankhaftem Übergewicht. Und die aktuelle Corona-Krise hat diese Entwicklung noch verstärkt. Demnach sind in Deutschland 15,4 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen drei und 17 Jahren übergewichtig, davon sind 5,9 Prozent adipös. Trauriger Bundesland-Spitzenreiter – bei Erwachsenen wie Kindern – ist dabei Mecklenburg-Vorpommern.

Aus diesem Grund ging 2006 das „Adipositas-Netzwerk MV“ an den Start und sollte zu einer intensiven Vernetzung der spezialisierten Behandlungszentren mit Ärzten und Kliniken führen. In das Netzwerk waren auch zahlreiche Sportvereine, Ernährungsberater und Psychologen integriert. Doch weil die Netzwerkkoordination nicht in die Regelversorgung überführt werden konnte, wurde das Projekt 2011 aufgrund fehlender Weiterfinanzierung eingestellt.

Test erstmal in einem Landkreis

Doch aus den Augen heißt in diesem Fall nicht aus dem Sinn. Im Hintergrund brodelte es weiter. So wurde die Problematik 2019 beim Branchentreff der Gesundheitswirtschaft unter anderem von Dietmar Enderlein, Geschäftsführer der Greifswalder Medigreif Unternehmensgruppe, erneut thematisiert. Und sehr schnell war klar, dass das Thema politisch verortet werden muss.

„Ein solches Projekt kostet viel Geld, und da ist es wichtig, auch die Politik zu begeistern und mit ins Boot zu holen“, betont Dirk Scheer, einstiger Sozialdezernent im Landkreis Vorpommern-Greifswald, der nun als Projektmanager einen Neustart des Netzwerkes koordiniert. Anders als beim ersten Anlauf, wird es vorerst nur im Landkreis Vorpommern-Greifswald agieren, bei Erfolg soll es auf das gesamte Bundesland ausgeweitet werden.

Krankenkassen überzeugen

Das mit der Begeisterung der Politik hat auf jeden Fall schon mal geklappt, denn das Projekt hat jede Menge Unterstützer aus Schwerin. So ist unter anderem Bettina Martin, Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur, die Schirmherrin des Netzwerkes. Mit dabei sind zudem das Wirtschafts-, das Sozial-, das Landwirtschafts- und das Energieministerium. Auch der Kreissportbund Vorpommern-Greifswald, mit rund 40.000 organisierten Sportlern, und Ernährungsberater sind mit am Start. Nun sollen noch die Krankenkassen von einer Teilnahme überzeugt werden, sagt Scheer.

Nicht nur die Region wurde beim Neustart eingrenzt, auch das neue Konzept ist fokussierter und richtet sich nun konkret an Kindergartenkinder, um frühzeitig die Weichen für eine gesündere Lebensführung zu stellen. „Die Kita-Träger, die wir kontaktiert haben, sind sehr offen auf uns zugekommen und haben mit der Medi-greif Inselklinik Heringsdorf Kooperationsverträge abgeschlossen“, zeigt sich Scheer zufrieden. So arbeiten sie derzeit mit fünf Kita-Trägern des Kreises zusammen und erreichen damit in 135 Kindergärten um die 14.000 Kinder. Bislang beteiligen sich das Institut Lernen und Leben, der DRK-Kreisverband Uecker-Randow, der ASB Regionalverband Vorpommern-Greifswald, der Awo-Kreisverband Uecker-Randow sowie der Eigenbetrieb „Hansekinder“ der Stadt Greifswald.

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Studenten haben eine Reha-App entwickelt

Gestartet wird bei den „Hansekindern“ – mit wissenschaftlicher Begleitung durch die Universitäten Greifswald und Stettin. Dort sollen zunächst mit Fragebögen für die Kinder und Eltern Daten erhoben und Erfahrungen gesammelt werden. Erst dann sollen Methoden zur Gewichtsreduktion und Prävention entwickelt werden. Dabei könnten Ernährungswissenschaftler vor Ort Kochkurse geben, auch Sportkurse sind angedacht.

Neben einer Schulung des Personals ist es zudem bedeutsam, Eltern über gesundes Ernährungsverhalten aufzuklären. „Wir wollen die Kitas nutzen, um Eltern und Erzieher zu sensibilisieren“, erklärt Scheer. „Nach einigen Monaten wird man dann sehen können, inwiefern solche kurzfristigen Maßnahmen Erfolge bringen.“ Und natürlich werden auch erste Ideen in den anderen Kindergärten umgesetzt, jedoch ohne wissenschaftliche Erhebungen.

Neben der Zusammenarbeit mit den Kindergärten gibt es noch einen weiteren Punkt, den das Netzwerk angehen möchte: eine vereinfachte Antragsstellung für Rehabilitationsmaßnahmen sowie eine Nachhaltigkeit der Reha auch über den Aufenthalt hinaus. Dafür haben Studenten der Hochschule Wismar das Konzept einer Reha-App vorgelegt. Sie möchten damit Antragsformulare vereinfachen, und die App soll es auch ermöglichen die neuen Kontakte über die Reha-Maßnahme hinaus aufrechtzuerhalten. So finden Betroffene bei Problemen schnell einen Ansprechpartner, können sich untereinander von Erfolgen berichten oder auch einfach nur Mut machen. So soll der Behandlungserfolg per App manifestiert werden.

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