Für manche Menschen ist der Gedanke an eine Impfung mit großen Ängsten und quälenden Fragen nach Nebenwir
Für manche Menschen ist der Gedanke an eine Impfung mit großen Ängsten und quälenden Fragen nach Nebenwirkungen oder der Sicherheit des Impfstoffs verbunden. Oliver Berg
Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier leitet in Greifswald den Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie und ist di
Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier leitet in Greifswald den Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie und ist die Direktorin des Zentrums für Psychologische Psychotherapie (ZPP). Philipp Schulz/Archiv
Interview Impf-Beraterin

„Niemand soll zu einer Impfung überredet werden“

Die Gründe der Menschen, die eine Corona-Impfung ablehnen, sind vielfältig. Eine Initiative redet mit ihnen über Vor- und Nachteile einer Impfung.
Greifswald

Die Gründe von Menschen, die eine Corona-Impfung ablehnen, sind vielfältig. Einige haben ausgeprägte Ängste oder gar Phobien. Besonders an diese wendet sich ein Angebot der Initiative „Gemeinsam für psychische Gesundheit“ in Greifswald. Im Rahmen einer Beratung können Sorgen besprochen und persönliche Vor- und Nachteile einer Impfung abgewogen werden. Ob man sich danach für oder gegen eine Impfung entscheidet, bleibt immer noch jedem selbst überlassen. Dajana Richter sprach darüber mit Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier, der Leiterin der Initiative.

Seit wann bieten Sie die Beratung zur individuellen Impfentscheidung an und warum?

Die Beratung bieten wir seit Dezember vergangenen Jahres an. Die Idee ist im Kontext zu unserer Initiative „Gemeinsam für psychische Gesundheit“ entstanden, die wir im Oktober ins Leben gerufen haben. Hierbei möchten wir insbesondere die psychische Gesundheit unserer Mitmenschen mit möglichst niedrigschwelligen psychologischen Angeboten verbessern. Als im Spätherbst die vierte Corona-Welle anrollte, kam uns die Idee, dass es hilfreich sein könnte, gerade für die Menschen eine psychologische Beratung anzubieten, die sich bislang wegen ausgeprägten Ängsten und Unsicherheiten nicht gegen Corona haben impfen lassen. Durch die Cosmo-Studie, die Cornelia Betsch von der Universität Erfurt seit Beginn der Pandemie leitet und bei der regelmäßig Menschen aus der Allgemeinbevölkerung unter anderem befragt werden, wie sie die Corona-Pandemie aktuell wahrnehmen, wissen wir, dass sich etwa 26 Prozent der Ungeimpften wegen Ängsten und Unsicherheiten nicht impfen lassen. Und genau diese Menschen wollen wir mit der Beratung erreichen.

Welche Ängste und Unsicherheiten sind das denn?

Das sind an erster Stelle Ängste, die die Sicherheit des Impfstoffes betreffen. Dabei geht es zum Beispiel um mögliche Nebenwirkungen und um Befürchtungen, dass die Impfstoffe nicht ausreichend erforscht sind. An uns wenden sich zudem Menschen mit einer sogenannten Blut-, Verletzungs- und Spritzenphobie, woran immerhin drei Prozent der Allgemeinbevölkerung leiden, bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind es sogar 20 bis 30 Prozent. Bei der spezifischen Angst vor Spritzen hat der Betroffene oft schon in der Kindheit unangenehme Erfahrungen mit Spritzen gemacht, wobei in Folge eine intensive, schwer zu kontrollierende und anhaltende Angst vor Spritzen entstanden ist. Diese Menschen vermeiden häufig alles, was mit Spritzen zu tun hat – wie Arztbesuche und eben auch Impfungen. Diesen Betroffenen können wir durch eine gezielte Konfrontation mit der angstauslösenden Situation, also der Spritze, meist sehr gut helfen.

Und diese Menschen würden Sie auch zu einer Impfung begleiten?

Genau. Bei Wunsch können wir Personen auch diskret und unter strikter Verschwiegenheit zu einer Impfung begleiten.

Wie wurde Ihr Beratungsangebot bislang angenommen?

Bis jetzt führten wir 13 Beratungen durch. Insgesamt haben sich allerdings über 20 Menschen bei uns gemeldet, wobei es auch eine Personengruppen gibt, die wir aufgrund von komplizierten Vorerkrankungen oder Komplikationen bei früheren Impfungen direkt an unsere medizinischen Kollegen von der Universitätsmedizin Greifswald weitervermitteln können.

Einige wollen sich nicht impfen lassen, weil es in ihrem Umfeld Personen gegeben hätte, die von schweren Impfnebenwirkungen betroffen waren. Hatten Sie auch schon Klienten mit solchen Ängsten?

Nein, eher im Gegenteil. Ich habe zum Beispiel mit einer Rheuma-Patientin gesprochen, deren Mutter auch Rheuma hat. Diese hatte sich impfen lassen, was ohne Komplikationen ablief. Nun wollte die Tochter das auch tun, hatte aber trotzdem Angst vor dem Schritt. Wir bestreiten bei den Beratungen nicht, dass es Impfnebenwirkungen geben kann. Und je näher so ein negativer Fall aufgetreten ist, desto bedrohlicher wirkt er natürlich. Hier kann eine objektive Risikoeinschätzung jedoch sehr hilfreich sein. Wir finden heraus: Wie wahrscheinlich ist es, dass dieses Ereignis als Nebenwirkung der Impfung eintritt und wie wahrscheinlich ist es, dass dieses Ereignis oder andere eintreten, wenn man sich als Ungeimpfter mit dem Corona-Virus infiziert? Diese Gegenüberstellung kann für die Entscheidungsfindung sehr hilfreich sein.

Die Klienten mit Vorerkrankungen, die sich bei uns melden, sind oft sehr frustriert, weil sie bereits versucht haben, Meinungen von Fachärzten einzuholen. Sie erzählen uns, dass sie entweder keine Rückmeldung erhalten, weil natürlich auch Fachärzte gerade sehr überlastet sind, oder sie unterschiedliche Meinungen bekommen, was zur weiteren Verunsicherung beiträgt.

Das heißt, wenn man sich an Sie wendet, erhält man auch schneller die Expertise eines Facharztes?

Darum bemühen wir uns zumindest, denn wir haben enge Kontakte mit den jeweiligen Professoren der Unimedizin in Greifswald.

Sind Sie bislang mit der Anzahl der Anfragen zufrieden?

Wir sind davon ausgegangen, dass sich mehr Menschen in diesem Angebot wiederfinden. Wir freuen uns jedoch über jeden Einzelnen, den wir unterstützen können und denken, dass sich in den nächsten Wochen noch einige Menschen melden. Unsere Beratung kostet nichts; Betroffene müssen uns nur eine E-Mail schreiben. Wir können die Gespräche per Videokonferenz, am Telefon oder auch hier bei uns im Zentrum für Psychologische Psychotherapie (ZPP) in Präsenz unter3G-Bedingungen durchführen. Manchmal reicht bereits ein Termin aus, bei Bedarf kann die Beratung aber auch mehrmals stattfinden.

Wissen Sie, ob diejenigen, die Sie beraten haben, anschließend auch beim Impfen waren?

Eines ist wichtig zu betonen: Unsere Beratung ist ergebnisoffen. Hier soll niemand zu einer Impfung überredet werden. Bei manchen wissen wir, dass Sie sich anschließend auch haben impfen lassen, bei anderen nicht. Wir senden den Teilnehmern im Anschluss der Beratung einen kurzen Fragebogen, der freiwillig ausgefüllt werden kann. Darin wollen wir unter anderem wissen, wie hilfreich sie das Angebot finden. Und wir fragen vor und nach der Beratung, wie groß die Ängste sind und die Wahrscheinlichkeit, sich impfen zu lassen. Nach unserem Gespräch sind bei vielen die Ängste kleiner und die Wahrscheinlichkeit, sich impfen zu lassen, größer geworden.

Was aktuell für Unsicherheit bei vielen Eltern sorgt, ist die Möglichkeit des Impfens für Kinder ab fünf Jahren. Jeder möchte das Beste für sein Kind, aber was ist das Beste? Sind auch diese Eltern bei Ihnen in der Beratung richtig?

Auch diese Eltern sind natürlich bei uns willkommen. Wir können in einer Beratung beispielsweise in Ruhe gemeinsam die Risiken auf Basis der bisherigen Befunde und des individuellen Falles abwägen.

Bei Interesse an einem Beratungsgespräch ist eine Anmeldung unter [email protected] möglich. Weitere Informationen unter psychologie.uni-greifswald.de/gemeinsam

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