KRIMINALDIENST VORPOMMERN

Polizei-Alltag sieht anders aus als in TV-Serien

Mord, Totschlag, zerstückelte Leichen: Die Beamten des Kriminaldauerdienstes haben schon alles erlebt. Die Realität ihres Alltags sieht völlig anders aus, als sie in Fernseh-Serien gezeigt wird.
Kriminaltechniker des KDD suchen in dieser Brandwohnung nach Spuren und fotografieren den Tatort. In aller Regel wird bei solc
Kriminaltechniker des KDD suchen in dieser Brandwohnung nach Spuren und fotografieren den Tatort. In aller Regel wird bei solchen Fällen ein Brandursachenermittler hinzugezogen. zVg/Polizei
An Tatorten werden mögliche Beweisstücke durchnummeriert. Am Messer (1), der CD-Hülle (2), dem Teller (3) und d
An Tatorten werden mögliche Beweisstücke durchnummeriert. Am Messer (1), der CD-Hülle (2), dem Teller (3) und der Decke (4) könnten sich Spuren vom Täter befinden. zVg/Polizei
Polizeikommissarin Emma W. nimmt einem Beschuldigten mithilfe eines Scanners die Fingerabdrücke ab.
Polizeikommissarin Emma W. nimmt einem Beschuldigten mithilfe eines Scanners die Fingerabdrücke ab. Holger Schacht
Nach der Festnahme eines mutmaßlichen Täters erfolgt die erkennungsdienstliche Behandlung. Dabei wird der Beschuldi
Nach der Festnahme eines mutmaßlichen Täters erfolgt die erkennungsdienstliche Behandlung. Dabei wird der Beschuldigte von vorn und beiden Seiten fotografiert. zVg/Polizei
Anklam.

Treffer bei Fingerabdrücken oder DNA-Abgleichen im Minutentakt, frisch gestylte Kriminal-Technikerinnen, die sich durch Tatorte auf Stilettos in modischen Röcken stöckeln. Beim Gedanken an TV-Serien wie „CSI Las Vegas“ huscht ein Lächeln übers Gesicht von Emma W. (23). Die Polizeikommissarin arbeitet beim Kriminaldauerdienst (KDD) der Polizeiinspektion Anklam.

Gibt‘s einen Verdacht auf Mord, Totschlag, Raub, Körperverletzung oder Einbruch im Landkreis Vorpommern-Greifswald, sind die Beamten des KDD zusammen mit Schutzpolizisten als Erste vor Ort, befragen Opfer und Zeugen, sichern Spuren, müssen die Weichen für eine schnelle Verbrechensaufklärung stellen.

Wechselkleidung gegen penetranten Leichengeruch

„An Tatorten mit verwesten oder zerstückelten Leichen sowie an Brandorten und bei Unfallschäden – da ist es eklig und dreckig. An solchen Orten arbeiten wir unter Vollschutz“, beschreibt Kriminalobermeister Daniel H. (45) die oftmals verstörende Realität, die im Gegensatz zur TV-Illusion steht.

Polizeikommissarin Emma bereitet vor Jobbeginn Wechselwäsche für alle Tatorte vor. „Dort ziehe ich in aller Regel das an, was ich normalerweise schon aussortiert hätte“, erzählt sie. Manchmal müsse sie, sagt Emma W., nach der Tatortarbeit duschen und die Kleidung wechseln. Der süßliche und penetrante Leichengeruch rieche tagelang an den eigenen Haaren, sogar die Fotoausrüstung stinke lange nach Verwesung, beschreibt Daniel H. Das sei schon „heftig“.

Über 15.000 Straftaten im letzten Jahr in Vorpommern

Weil Verbrechen bekanntlich rund um die Uhr geschehen, ist der KDD täglich 24 Stunden in Bereitschaft oder im Einsatz. Allein im Jahr 2019 gab es im Landkreis Vorpommern-Greifswald 15 239 Straftaten, darunter elf gegen das Leben, 1202 Rohheitsdelikte und Straftaten gegen die persönliche Freiheit, 201 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Hinzu kamen 138 Brandstiftungen. Viel Arbeit für den KDD, der mit 20 Beamten nicht gerade üppig besetzt ist.

„Um immer flexibel auf das Kriminalitätsgeschehen reagieren zu können, sind unsere täglichen vier Schichten jeweils mit drei bis vier Beamten als feste Teams besetzt. Unsere Themen sind zu sensibel, um ständig Kollegenwechsel zu haben“, sagt KDD-Dienstgruppenleiterin Christin S. (34). Wenn sie ihren Dienst antreten, wissen sie nie, was auf sie zukommen wird. Den Ermittlern ist kein menschlicher Abgrund fremd.

„Es gibt Schichten, die gehen nicht spurlos an einem vorbei. Da bleibt keine Zeit, sie emotional zu verarbeiten. Dann helfen Gespräche mit Kollegen oder Vorgesetzten“, sagt Kriminaltechniker Daniel H., der als „Schutzreflex“ beispielsweise Leichen als „Sache“ sieht. Was mit zunehmendem Hintergrundwissen über Todesursache und Umstände „manchmal jedoch schwierig“ sei. Dann heißt es, Distanz zu wahren und Ruhe zu bewahren.

„Hinweisgeber können auch Täter sein”

Mulmig wird den Ermittlern die Tatortarbeit bei Nacht und Nebel selbst auf abgelegenen Bauernhöfen nicht. „Die ist uns sogar lieber als Leichen am Strand oder in der Bahn. Dort herrscht viel Publikumsverkehr, auf den wir reagieren müssen“, sagt Kriminalhauptkommissarin Christin S.

Emma W. hat Respekt bei Einbrüchen, nach denen Schutzpolizisten sehr schnell am Tatort waren. „Täter könnten sich noch in der Wohnung verstecken und plötzlich hinter mir stehen“, sagt sie. Daniel H. kennt einen Fall dieser Art, bei dem eine Waffe gezogen wurde. „Wir müssen stets mit gewisser Vorsicht an die Fälle herangehen und können nicht wissen, ob uns die Wahrheit gesagt wird. Hinweisgeber können auch Täter sein“, sagt Daniel H.

Ausdrücklich in Schutz nimmt Christin S. Streifenpolizisten, die Tatorte beim Gehen mit ihren Schuhen zertrampeln könnten. „Schon bei der ersten Begehung können Spuren vernichtet werden, aber die Kollegen kommen da zu einem Zeitpunkt hin, an dem die Lage noch unklar ist. Solange es so ist, müssen sie sich an den Tatorten bewegen. Sie sind aber sehr rücksichtsvoll“, sagt Christin S.

Auch die Beamten erfahren oft über den Ausgang der Fälle in den Medien

Nach Bränden befragen die KDD-Beamten auch die Feuerwehrleute. „Wir müssen natürlich wissen, was sie verändert oder aufgeschlossen haben und was wo stand“, sagt Daniel H. „Wir stehen bei unseren Ermittlungen ja auch nicht allein da“, ergänzt Emma W. Sollten sich Sachverhalte durch den Einsatz des KDD nicht aufklären lassen, würden Brandursachenermittler, die Dekra oder die Rechtsmedizin zur Begutachtung herangezogen. Ziemlich rasch übernehmen Fachkommissariate dann die Fälle, über deren Ausgang die KDD-Beamten häufig erst aus den Medien erfahren.

Was der KDD an Spuren sichert, geht ans Labor des Landeskriminalamtes in Schwerin. Wie schnell sie ausgewertet werden, hängt von der Schwere der Straftat ab. Mord hat absoluten Vorrang. Bei anderen Delikten können Tage, Wochen oder Monate vergehen.

Schreibarbeit kann auch mal drei Stunden dauern

„Unsere Ermittlungen sind trockener, als sie in TV-Serien dargestellt werden. Da wird nie gezeigt, wie viel Schreibarbeit man bei der Kripo hat. Real sind wir eine Stunde draußen und sitzen anschließend drei Stunden am Schreibtisch“, resümiert Daniel H. Der stellt beim Thema Krimi übrigens selten den Fernseher an, sondern greift lieber zu einem guten Buch.

„Bei uns gibt es viele erfahrene Kollegen, die genau wissen, wonach sie suchen müssen, keine Scham haben. Wir haben aber auch personellen Durchlauf. Leichen, Wildunfälle, häusliche Gewalt, da sagen viele Leute ‚Das ist nicht meins‘ und wechseln die Dienststelle“, sagt Dienstgruppenleiterin Christin S. „Wer beim KDD anfängt, gewinnt einen guten Einblick in die Polizeiarbeit. Wir müssen viel wissen. Bei mittelschweren Delikten ist man nach einem Jahr gut aufgestellt“, sagt Emma W.

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