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Sie wedeln die Kerze aus: Wer schön sein will, muss sich strecken

Pilates sollte nicht mit Yoga verwechselt werden. Es geht nicht darum, den Körper zu verbiegen, sondern um Körperspannung.

Vorpommern schläft nicht! Rund um die Uhr sind die Menschen auf den Beinen – und wir bleiben 24 Stunden wach, um sie für jeweilseine Stunde zu begleiten. ...

Vorpommern schläft nicht! Rund um die Uhr sind die Menschen auf den Beinen – und wir bleiben 24 Stunden wach, um sie für jeweils
eine Stunde zu begleiten. Von 17 bis 18 Uhr ist
unser Redaktionsmitglied Denny Kleindienst beim Pilates-Kurs in der Anklamer Volkshochschule gewesen, um seine Gliedmaßen in alle Richtungen zu strecken.

Anklam.Welche Muskeln der menschliche Körper überhaupt alles hat, lerne ich beim Pilates. Ich mache einen solchen Kurs zum ersten Mal mit und spüre den Muskelkater noch Tage später. Das Gute daran ist: Dadurch vergesse ich die Praxisstunde in Sachen Körperbau nicht so schnell. Der Kurs an der Anklamer Volkshochschule wird ausschließlich von Frauen besucht. Ein Mann habe den Pilates-Kurs auf Empfehlung seiner Krankenkasse einmal ausprobiert, sagt VHS-Mitarbeiterin Andrea Jager: „Der war einmal da und kam dann nie wieder.“ Elf Frauen im mittleren Alter kommen dahingegen jeden Mittwoch um 17 Uhr in die Volkshochschule. „Wir, die schon jahrelang gehen, haben keinen Muskelkater mehr“, sagt eine von ihnen.
Pilates sollte nicht mit Yoga verwechselt werden. Es geht nicht darum, seinen Körper verbiegen zu können und komplizierte Stellungen einzunehmen – sondern um Körperspannung. Arme und Beine werden ausgestreckt und angewinkelt, ohne dass sich die Teilnehmer dabei verknoten müssen. Das Schwierige ist, die Position zu halten.
Zu Beginn des Kurses lockern alle Teilnehmer erst mal ihre Schultern. Sie strecken ihre Arme in Richtung Zimmerdecke. Es sind Aufwärmübungen, die den Frauen noch genug Luft lassen, um sich zu unterhalten. In anderen Sportarten gehen die Teilnehmer nach dem Strecken zur eigentlichen Disziplin über. Beim Pilates geht es im Grunde eine Stunde lang so weiter. Von der aufrechten geht es in die Liegeposition. Es wird ruhiger in dem Raum, der wie eine kleine Turnhalle aussieht. Die Übungen werden jetzt anstrengender. Jeder hat eine rote Matte für sich. Auf dem Rücken liegend, wird ein Bein zur Decke gestreckt. Während es ausgestreckt bleibt, soll mit der Fußspitze der Boden berührt werden. Diese
90-Grad-Winkel-Bewegung wird mehrmals wiederholt. „Das ganze zehnmal in drei Durchgängen“, sagt Kursleiterin Anke Jahnke. Eine andere Übung heißt „Dreimal Einhundert.“ Wieder liegen die Kursteilnehmer auf dem Rücken, während beide Füße zur Zimmerdecke zeigen. In dieser Position müssen die Arme zügig auf und ab bewegt werden, so als würde man eine Kerze auswedeln. Hundertmal nacheinander. Nach der Übung werden die Gliedmaßen ausgeschüttelt. Dann wieder Anspannung. Beine anwinkeln und Hände an den Hinterkopf. „Der Ellbogen will ans Knie“, sagt die Kursleiterin. Als pilatesunerfahrene Person fühle ich mich bei diesen Übungen sehr unbeweglich. Die Muskeln ziehen und meine Bewegungen sehen äußerst ungelenk aus. Zum Sinn des Kurses sagt Anke Jahnke: „Es kräftigt die Muskulatur.“ Wer regelmäßig komme, habe eine bessere Körperhaltung.
Anke Jahnkes Köperhaltung ist tipptopp. Sie hat einen durchtrainierten Körper, kurze blonde Haare und ebenfalls eine roten Matte unter sich. Die Kursleiterin macht vor, wie es geht und gibt die Anzahl der Wiederholungen vor. Sie spornt an, ist aber kein Drill-Sergeant. Jeder Teilnehmer wiederholt die Abläufe so oft, wie er es schafft. „Enge Hose auf... und zu“, sagt Anke Jahnke immer wieder. Die Gruppe soll richtig ein- und ausatmen. Das spielt beim Pilates eine wichtige Rolle, erklärt die Trainerin später.
Nach fast einer Stunde Muskelbeanspruchung liegen alle Teilnehmer auf dem Rücken und schließen die Augen. Die Kursleiterin entlässt sie aber nicht einfach in das verdiente Kursende. Sie liest noch eine Geschichte vor. Die Teilnehmer lauschen der ruhigen Stimme. Anke Jahnke spricht von grünem Gras, in dem man liegt und der Spannung, die aus dem Körper heraus fließt. Wenn man die Augen nach wenigen Minuten wieder öffnet, fühlt man sich tatsächlich vollkommen gelöst. „Die Entspannung ist das Schönste“, sagt eine der Teilnehmerin.

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