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Spantekow statt Schweden: Jürgen fährt drauf ab

Elisa Lembke vertreibt sich die Zeit im Schulbus meist mit Musikhören. Das Beste am Bus sei, dass er manchmal nicht kommt, sagt sie mit einem Augenzwinkern.  FOTOs: Denny Kleindienst

Vorpommern schläft nicht! Rund um die Uhr sind die Menschen auf den Beinen – und wir bleiben 24 Stunden wach, um sie für jeweils eine Stunde zu ...

Vorpommern schläft nicht! Rund um die Uhr sind die Menschen auf den Beinen – und wir bleiben 24 Stunden wach, um sie für jeweils eine Stunde zu begleiten.
Von sieben bis acht Uhr ist unser Redaktionsmitglied
Denny Kleindienst im Schulbus mitgefahren und hat bei Busfahrer Jürgen Engelhardt so einige Anekdoten mitgenommen.
Anklam.Morgens um 7 Uhr herrscht auf Vorpommerns Straßen noch Chaos. Naja, zumindest ist es ganz schön voll. Denn wer jetzt mit dem Auto unterwegs ist, dem sitzt die Zeit im Nacken. Schließlich herrscht Berufsverkehr. Wer nicht selber fährt, nutzt den Nahverkehr.
Die Fahrzeuge auf dem Anklamer Busbahnhof stehen an diesem Dienstagmorgen dicht an dicht. Die durchnummerierten Haltestellen sind voll mit Menschen. Es sind vor allem Schüler, die dick eingepackt in ihre Jacken auf den richtigen Bus warten. Die Leuchtanzeigen an den Fahrzeugen geben an, wo es hingeht. An einem steht „Spantekow.“ Der Bus startet etwas verspätet kurz nach 7 Uhr. Hinter dem Steuer sitzt ein gut gelaunter Jürgen Engelhardt. In all dem Gewusel am Busbahnhof behält der 63-Jährige den Überblick, er sagt noch einen Satz zum furchtbaren Wetter, ehe er seinen Bus auf die Straße bringt – mitten rein in den frühmorgendlichen Straßenverkehr. Gleich an der nächsten Haltestelle schüttelt ein Mädchen den Kopf, als der Bus sich ihr nähert. „Manchmal genügt ein Handzeichen, um zu zeigen: Das ist nicht mein Bus“, sagt Jürgen Engelhardt und fährt weiter.
Eines merkt man schnell: Der Bus ist sein Reich. Schüler, die auf dem Weg einsteigen, wünschen ihm einen „guten Morgen.“ „Das gehört dazu“, sagt er. „Sie sollen nicht die Hand zur Faust ballen.“ Auch der Lärmpegel ist für einen Schulbus unerwartet niedrig. Lauter werde es erst bei 30 bis 40 Kindern. Gut, dass an diesem Morgen die Reihen nur lückenhaft gefüllt sind. Die Schüler schauen aus dem Fenster, erzählen mit ihrem Sitznachbarn oder hören Musik über Kopfhörer. Das Schöne am Busfahren sei, dass er manchmal nicht komme, sagt die 16-jährige Elisa. Das letzte Mal, als das passierte, liege aber schon eine Weile zurück.
Auch weil die Busfahrer sich zu helfen wissen. Als ein Fahrer über Funk meldet, er sei stecken geblieben, springt sofort ein anderer ein, der gerade eine Leerfahrt zurück nach Anklam hat. „So spontan geht das“, kommentiert Jürgen Engelhardt das Funk-Gespräch. Busfahrer lassen sich eben nicht so schnell aus der Ruhe bringen, Jürgen Engelhardt schon gar nicht.
Seit 47 Jahren arbeitet er in der gleichen Firma. Vor 20 Jahren hat er im Dienst der Verkehrsgesellschaft noch Reisebusse bis nach Schweden gefahren. Das erklärt auch die Wimpel, die am Fenster des Regionalbusses hängen. Auf ihnen stehen Europa, Deutschland und Vorpommern. Damit auch die Fahrten im Regionalverkehr nicht zu eintönig werden, gibt es keine Stammdienste bei der Anklamer Verkehrsgesellschaft. Die Fahrer tauschen regelmäßig, so dass jeder einmal eine andere Linie fährt.
Nach einer halben Stunde hält der Bus in Spantekow, die Schüler steigen aus und die ältere Generation steigt ein – Rückfahrt. Alfred und Hildegard Bilow fahren meist einmal im Monat nach Anklam. Die Rentner können nicht selbst Auto fahren. Der Bus ermöglicht es ihnen, ein Stück weit selbstständig zu sein, wie sie sagen. Auch Petra Sötmelk fährt mit in die Hansestadt. Da ihr Auto kaputt ist, fährt sie mit dem Bus zur Arbeit. Sie sagt: „Ich fange um acht an.“