NACHTS VOR PENNY

Teenager brutal verprügelt – Haftstrafe für Anklamer Wirt

Ein Gastwirt aus Anklam soll einen 15-Jährigen fast bewusstlos und in die Klinik geprügelt haben. Das Amtsgericht Pasewalk will ihn im Knast sehen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Vor diesem Pennymarkt wurde Teenager Tim mitten in der Nacht zusammengeschlagen. Ein Anklamer Gastronom soll der Täter se
Vor diesem Pennymarkt wurde Teenager Tim mitten in der Nacht zusammengeschlagen. Ein Anklamer Gastronom soll der Täter sein. Das Amtsgericht Pasewalk verurteilte ihn zum 18 Monaten Haft, das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. ZVG
Anklam.

Ein schockierender Gewaltausbruch in Anklam war diese Woche Thema vor dem Amtsgericht Pasewalk. Nach vielen Zeugenaussagen wurde eine Gefängnisstrafe gegen einen rechtsradikal vernetzten Anklamer Wirt verhängt, der sich wegen gefährlicher Körperverletzung hatte verantworten müssen.

Angeklagter schweigt

Der Gastronom soll im August 2019 einen Teenager, damals 15 Jahre alt, auf dem Parkplatz des Pennymarktes an der Friedländer Straße angegriffen und brutal zusammengeschlagen haben. Nach ausführlichen Zeugenbefragungen – der Angeklagte selbst schwieg vor Gericht – sah es der Vorsitzende Richter Gerald Fleckenstein als erwiesen an, dass es kein anderer als der Wirt gewesen sei, der den Jungen mit Faustschlägen und ungebremsten Tritten gegen den Kopf misshandelt und dessen Kopf im Rausch der Gewalt mehrfach hart auf ein Metallgeländer gestoßen hat.

Schwere Verletzungen bei dem Schüler

Schüler Tim K. (inzwischen 16, Name geändert) erlitt ein Schädelhirntrauma, eine blutende Kopfwunde, Verletzungen am Rücken, einen Trommelfellriss. In der Nacht des Angriffs konnte er nicht mehr ohne Hilfe gehen oder stehen. Mehrere Tage musste der Schüler in der Uniklinik Greifswald behandelt werden, bis heute leidet er an von der Tat ausgelösten Ängsten.

An besagtem Freitagabend war Tim mit seinem Freund Paul K. (damals 17, Name geändert) auf dem Anklamer Hansefest gewesen. Auf dem Supermarkt-Parkplatz warteten die Jungs um zwei Uhr morgens auf Freunde, die sie im Auto mitnehmen und nach Hause bringen sollten. Teenager Tim freute sich auf eine Übernachtung bei seiner Freundin, die Wartezeit überbrückten die Kumpels damit, mit Einkaufswagen über den Parkplatz zu rattern und – wie es im jugendlichen Überschwang passieren kann – dabei lautstark herumzualbern.

„Er schlug meinen Kopf auf das Geländer“

Die große Frage vor Gericht war am Dienstag, ob es wirklich der Anklamer Gastronom war, der in dieser Situation wie aus dem Nichts auftauchte und den ausgelassenen Abend der Teenies in einen Alptraum verwandelte. Opfer und Nebenkläger Tim K. sagt im Zeugenstand aus, er sei sicher, den Mann – einschlägig vorbestraft und in der Hansestadt kein Unbekannter – erkannt zu haben. Dieser sei in der Dunkelheit herangeeilt und obwohl alles ganz schnell ging, habe er sein Gesicht kurz erkennen können. Tims Freund Paul ist sich im Zeugenstand ebenfalls absolut sicher, den Angreifer erkannt zu haben. Er habe eine Zeitlang regelmäßig in dessen Restaurant gegessen, am Tatabend habe er den Gastronom im Laternenschein wiedererkannt.

Tritte gegen den Kopf des Jungen

Laut Anklage rief der Mann, offenbar erbost über die Aktion mit den Einkaufswagen (welche die Jungs zu diesem Zeitpunkt schon wieder in den Unterstand zurückgebracht hatten): „Was bist du für ein Held?“ – und soll dann ohne Umschweife auf Tim eingeprügelt haben. „Er hat mich beschimpft, mir ins Gesicht geschlagen und mein T-Shirt zerrissen“, berichtet der Junge dem Richter. „Nachdem ich zu Boden gegangen war, hat er mit seinem Turnschuh immer an der gleichen Stelle gegen meinen Kopf getreten.“ Das habe sehr wehgetan, in seinem Ohr habe es laut geknackt. „Irgendwann hat er mich gepackt und meinen Kopf auf das Metallgeländer, an dem die Einkaufswagen festgemacht sind, geschlagen.“ Wie oft, will der Richter wissen. Oft, antwortet Tim. Details habe er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr mitbekommen. Tims Eltern sitzen im Publikum. Seine Mutter weint, auch der Papa kämpft mit den Tränen.

Freund Paul, der immer wieder versuchte, zu helfen und dabei selbst Prügel kassierte, sagt aus, der Gastronom habe, während er Tim misshandelte, immer wieder gebrüllt: „Ich schlag dich tot! Ich mach‘ dich fertig!“ Irgendwann seien zwei Mädchen (18 und 20 Jahre alt) – auch sie wurden als Zeuginnen vernommen – hinzugekommen, hätten sich mutig dazwischengestellt und Tim von seinem Angreifer abgeschirmt. Der Mann sei in Rage gewesen. „Er versuchte sogar noch, an mir vorbei auf Tim einzuschlagen“, erzählt eine der jungen Frauen dem Richter. Die Statur, die Kopfform, die kurzen Haare mit Seitenscheitel – auch sie will den Anklamer erkannt haben. Ganz so sicher wie die beiden Jungs ist sie allerdings nicht. Nach einigem Gerangel, kurzzeitig mischte auch noch ein gänzlich Unbeteiligter mit, der sich vor Gericht an fast nichts mehr erinnern will, ließ der Angreifer endlich von Tim ab und verschwand.

Anwalt war NPD-Landtagsabgeordneter

Paul: „Tim blutete am Kopf, humpelte und konnte sich fast nicht bewegen. Er sagte, dass ihm schlecht ist.“ Wieder hakt Richter Fleckenstein nach, ob der Koch-Azubi sicher ist, dass es der Anklamer Gastronom war, der seinen Freund so zugerichtet hatte. „Ja“, antwortet Paul. „Ich kannte das Gesicht gut.“

Auch die Sitzungsvertreterin der Staatsanwaltschaft hielt es in ihrem Plädoyer „im Wesentlichen für erwiesen“, dass der Angeklagte der Täter sei. Zeugenaussagen und DNA-Spuren an Tims zerrissenem T-Shirt sprächen dafür. Der Anwalt des Wirts, der ehemalige NPD-Landtagsabgeordnete Michael Andrejewski, forderte Freispruch für seinen Mandanten. Die Beweislage sei mehr als dünn. Die Jugendlichen hätten nach der Tat auf Facebook einen Schuldigen gesucht, dessen Äußeres ihrer Erinnerung halbwegs nahekam, führt Andrejewski in seinem Plädoyer aus. Wirklich erkannt hätten sie den Angeklagten nicht.

Richter zeigt sich unbeeindruckt

Amtsrichter Gerald Fleckenstein zeigte sich wenig beeindruckt von den Argumenten des Strafverteidigers. Sein Urteil: 18 Monate Haft für den Anklamer. Dass die Jugendlichen nach der Tat im Internet recherchiert hatten, ob der Angreifer der Gastronom war und zu diesem Zweck Bilder von ihm ansahen, sei heutzutage normal, begründete er seine Entscheidung unter anderem. Auch das Vorstrafenregister des Angeklagten sei ein gewichtiger Grund, ihn nicht mehr mit milderen Maßnahmen davonkommen zu lassen.

„Mein Mandant und seine Eltern sind erst mal erleichtert über das Urteil“, so Rechtsanwalt René Neumeister aus Greifswald, der Tim K. vertritt, gegenüber dem Nordkurier. „Es ist aber damit zu rechnen, dass der Wirt und sein Anwalt Berufung einlegen.“ Dann würde der Fall vor dem Landgericht Neubrandenburg noch mal neu aufgerollt – und der Mann muss seine Haftstrafe bis auf Weiteres nicht antreten.

Der Nordkurier hat auch den Verteidiger des Anklamers um eine Stellungnahme zu dem Urteil des Amtsgericht Pasewalk gebeten. Dieser äußerte sich nicht.

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Kommentare (4)

Widerlich. Hoffentlich bald Haft für den Täter.

Wie hier vom NK immer wieder die Assoziation zum rechten Spektrum betont wird.
Was hat die Gesinnung von den Leuten mit der eigentlichen Tat zu tun?

Extremisten - besonders wenn sie einschlägig vorbestraft sind, haben, egal welcher Couleur sie sich zuordnen einen aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur zugehörigen Hang zur Gewalttätigkeit. Dazu gibt es seit Anfang des 20. Jahrhunderts klinische Forschungsarbeiten aus der Forensik und das Ergebnis sind zich therapeutische Ansätze z. B. für Anti-Aggressions-Trainings oder Problembewältigungskursen.

Kurzgesagt haben die meisten Extremisten selbst Gewalt in der Kindheit erfahren und reichen das weiter. Die Ideologie der Nazis war schließlich deshalb so erfolgreich, weil sie den vermeintlich Schwachen (also den Verlierern von Versailles) die Stärke der gewaltfähigen Autorität suggeriert hat. Durchhalteparolen für geschlagene Heimkinder.

18 Monate für den versuchten Totschlag (Tritte gegen den Kopf und selbigen gegen einen Gegenstand zu hämmern ist eine vorsätzliche, die Tötungsabsicht unterstreichende Vorgehensweise) durch einen vorbestraften Täter? Widerlich.