NACH TÖDLICHEM UNFALL

▶ Vater fordert Psychiatrie statt Knast für seinen Sohn

Fahrlässige Tötung ist nur eines der Verbrechen, für das sich Jo S. verantworten muss. Vier Jahre und fünf Monate lautete das Urteil in erster Instanz. Sein Vater fürchtet, dass nun alles noch schlimmer und gefährlicher werden könnte.
Vater André S. (50) zeigt den Baum, gegen den sein Sohn mit dem BMW krachte.
Vater André S. (50) zeigt den Baum, gegen den sein Sohn mit dem BMW krachte. Holger Schacht
Anfang September wurde das Urteil gegen Jo S. gesprochen. Seine Anwältin hat Revision beantragt.
Anfang September wurde das Urteil gegen Jo S. gesprochen. Seine Anwältin hat Revision beantragt. Felix Gadewolz
Der geraubte Post-Transporter nach dem Unfall bei Jarmen.
Der geraubte Post-Transporter nach dem Unfall bei Jarmen. Felix Gadewolz
Busdorf.

André S. (50) sitzt auf seinem Gartenstuhl, nippt an einer Tasse Kaffee und ist den Tränen nahe. „Dieses Urteil ist für meinen Sohn, mich, und unsere gesamte Familie eine Katastrophe. Mein Junge braucht Hilfe!“, platzt es aus ihm heraus. Der Sohn von André S. ist Jo S. (21). Der sitzt inzwischen wieder in der JVA Neustrelitz, nachdem er zwischenzeitlich acht Monate im Maßregelvollzug der Uniklinik in Rostock psychiatrisch behandelt worden ist.

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Großteil der Strafe wäre bereits verbüßt

Vier Jahre und fünf Monate Haft als Jugendstrafe brummte ihm das Landgericht Neubrandenburg vor wenigen Wochen wegen fahrlässiger Tötung, mehrerer Verfolgungsjagden sowie des Diebstahls eines Postautos auf. Dabei flossen allerdings auch frühere Verurteilungen zu einer Gesamtstrafe mit ein. Rechtskräftig ist das Urteil noch nicht. Richterin Daniela Lieschke war beim Urteil Anfang September dem Gutachten eines Sachverständigen gefolgt, wonach Jo S. „erhebliche Reifedefizite“ habe, aber als „schuldfähig“ eingeschätzt wurde.

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Vater André S. rechnet vor: „Inklusive Maßregelvollzug hat Jo bereits 34 Monate abgesessen. Es kann doch nicht sein, dass, wenn er in anderthalb Jahren rauskommt, alles so weiterläuft wie vorher. Der Junge gehört nicht ins Gefängnis, sondern sollte weiter psychiatrisch behandelt werden.“ Im Prozess war die Öffentlichkeit auch deshalb ausgeschlossen, weil es vorab geheißen hatte, dass Jo S. an schweren Depressionen leide. Vermutet wurden sogar „psychosenahe Persönlichkeitsstörungen“, sodass seine Fähigkeit, Unrecht einzusehen, möglicherweise als eingeschränkt gelten müsse. Andere Menschen, so steht es in der Anklageschrift, seien ihm „egal“.

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Ein zehn Jahre altes Trauma

Wenn man den Worten von André S. glaubt, ist Jo durchs Raster des Systems gefallen: „Ich habe immer gesagt: Der gehört in psychologische Behandlung und nicht von Wohngruppe zu Wohngruppe, von Einrichtung zu Einrichtung verschoben. Er weiß einfach nicht, was richtig und was falsch ist.“ Bereits vor mehr als zehn Jahren, so der Vater, sei es mit Jo S. bergab gegangen. Zum Jahreswechsel 2009 auf 2010 war‘s. Damals sei André S. während der Silvesterfeier von Nachbarn überfallen und mit Springerstiefel-Tritten am Kopf schwer verletzt worden. „Der Junge musste alles mit ansehen, scheint die Erlebnisse nie verarbeitet zu haben.“

Zwei Komplizen seines Sohnes (18, 19) kamen vor Gericht besser weg. Einer erhielt eine Bewährungsstrafe, der andere als Verurteilung die Ableistung von 150 Arbeitsstunden gemeinnütziger Arbeit. Einmal hatte Jo S. mit ihnen im geklauten Kleintransporter „nach Italien fahren“ wollen, doch dabei rammten sie auf der Flucht unter anderem ein Polizeiauto – Schaden: 20 000 Euro. Kurz darauf schlugen Jo S. und seine Komplizen eine Postfrau bei Friedland nieder und stahlen ihr Dienstauto. Damit wurden sie nach einer Verfolgung erst nach 60 Kilometern und einem Unfall bei Jarmen gestellt. Einige Tage zuvor war der junge Mann für einen tödlichen Unfall bei Greifswald verantwortlich.

Vater warnte die Polizei vor seinem Sohn

André S. steht inzwischen auf der Schotterpiste zwischen seinem Heimatort Busdorf in Richtung Weitenhagen bei Greifswald. Er zeigt auf einen Baum: „Das ist die Stelle.“ Hier verlor Nick W. (20) aus Greifswald im November vergangenen Jahres sein Leben. Jo saß ohne Führerschein am Steuer eines BMW, sein Bruder Max (17) daneben auf dem Beifahrersitz, Nick W. nicht angeschnallt auf der Rückbank. Vater André S. erinnert sich: „Jo und Max stritten sich und hauten dann mit dem Auto ab.“ Der Wagen mit den falschen Kennzeichen gehörte einem jungen Mann aus der Gegend.

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„Das Auto ging unter den Jugendlichen durch mehrere Hände, sie nutzten es für Spritztouren. Ich war damals bei der Polizei, warnte davor, dass eines Tages was Schlimmes passieren könnte“, sagt André S. Er habe an diesem Abend selbst die Polizei gerufen, die den BMW mit Blaulicht und angeschaltetem Anhaltesignal stoppen wollten. Als Jo S. das alles ignorierte, nahm die Polizei die Verfolgung auf, brach sie jedoch „aufgrund schlechter Straßenverhältnisse und zur Abwehr weiterer Gefahren für Leib und Leben“ nach 300 Metern wieder ab. Der BMW, so heißt es, sei mit „hoher Geschwindigkeit“ weitergefahren. Jo S. hatte Restalkohol im Blut – 0,6 Promille. In einer Rechtskurve geriet das Auto wegen einer Baumwurzel außer Kontrolle, krachte schließlich frontal gegen den Baum.

„Der andere Junge könnte noch leben”

Die Polizisten, die das Drama aus der Ferne beobachtet hatten, eilten sofort zur Unfallstelle. Jo S. und sein Bruder Max verletzten sich schwer, für Nick W. kam jede Hilfe zu spät. Kurz nach den Polizisten war auch Vater André S. am Unglücksort. Als er das Wrack sah, erlitt er einen Nervenzusammenbruch. Laut Unfallgutachten soll der Wagen mit Tempo „70 bis 75“ unterwegs gewesen sein. André S. zweifelt das an: „Wenn Jo so schnell gewesen wäre, hätten er und Max den Unfall nicht überlebt.“ Der Vater geht noch einen Schritt weiter: „Hätte die Polizei ihre Arbeit richtig gemacht, könnte auch der andere Junge noch leben.“

Der Pflichtverteidiger von Jo S., Stefan Pavilian, wollte sich auf Nordkurier-Nachfrage über das Verfahren nicht äußern. Inzwischen ist er laut André S. das Mandat los. Die neue Anwältin von Jo S. legte bereits Revision ein und beantragte Akteneinsicht.

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Kommentare (6)

Ausm Knast kommste in 9 von 10 Fällen untherapiert wieder raus, gerade Neustrelitz. Eher im Gegenteil. Irgendwie scheint hier in den Kommentaren nicht verstanden worden zu sein, dass sei Vater ahnt was in Zukunft passieren könnte und ihn deshalb in Behandlung wissen möchte.

Falls der Vater das unwahrscheinlicherweise lesen sollte: Es besteht kein wahrhaftes Interesse daran ihren Sohn zu therapieren. Das ist eine traurige Wahrheit. Er muss diesen Schritt selbst wählen. Nach dem Vollzug. Mit ewig langen Wartezeiten. Ich kann die Sorge nachvollziehen. Was die werten Mitmenschen hier kommentieren sehen sie ja. Sollte es irgendwann, aus einem dummen Zufall diesen oder jenen treffen, haben sie es wenigstens versucht zu verhindern. Mehr kann man nicht tun. Kind bleibt Kind. Vllt. tröstet es sie ja zu wissen, dass ihr Sohn lernen wird für sich selbst zu stehen und angstfrei leben kann.

👍🏼

Durchfüttern auf meine Kosten! Ich weiß was Besseres: Überlasst ihn mir für zwei Wochen, dann wär er therapiert für den Rest seines bis dahin sinnlosen Lebens.

Und du meinst, im Knast gibt es niemanden der Mitgefangene foltert bis sie stottern und sich freiwillig mit Fäkalien einreiben? Vllt. weil sie das von zuhause kennen? Sehr naiv zu glauben, dass sich die Opfer nicht dafür an anderen, schwächeren revanchieren werden.

Steigen - monatlich weniger Geld - denn Therapie verhindert mehr / auch wenn Sie in Ihrer kleinkarierten Welt anders denken und meinen Gefängnis käme günstiger..

eine Frechheit. Hier hat einer bei der Erziehung versagt und das ist der Vater. Aber es ist ja so viel einfacher jetzt der Polizei und der bösen Justiz die Schuld zu geben. Und wie immer wenn etwas völlig aus dem Ruder läuft, psychisch krank.
Entschuldigungen bei den Angehörigen der Opfer wäre angebracht statt jammern und Schuld abwälzen aber Eigenverantwortung ist heute total aus der Mode gekommen.