Der Einzug topmoderner Glasfaserkabel ist nach Ansicht vieler Experten die große Chance für den ländlichen Rau
Der Einzug topmoderner Glasfaserkabel ist nach Ansicht vieler Experten die große Chance für den ländlichen Raum. Jens Büttner
Digitales Modell-Projekt

Vom Pferdestall zur Coworking-Zentrale in Vorpommern

Wie kann die Digitalisierung die Probleme auf dem platten Land lösen? Der Landkreis Vorpommern-Greifswald könnte zeigen, wie sich die Welt im „smarten Doerp“ verändern wird.
Greifswald

Leerstehende, einst landwirtschaftlich genutzte Gebäude; viele Alte im Dorf – junge Leute zogen zu Jobs im Westen weg; freigewordene Wohnhäuser werden Wochenendgrundstücke für Städter. So stellt sich die Situation mehr als 30 Jahre nach der Wende in vielen vorpommerschen Dörfern dar. Immerhin: Das Glasfaserkabel hält Einzug auf dem platten Land, und die Digitalisierung soll bald alles zum Besseren richten.

Vorreiterrolle für Vorpommern?

„Die Situation in den Dörfern wird sich verändern, daran kommt keiner vorbei“, sagt Landrat Michael Sack (CDU). Digitale Projekte würden vielen Bewohnern im ländlichen Raum neue Chancen eröffnen und die bunte Lebensvielfalt der Welt bis in die Wohnzimmer hineintragen. Und der Landkreis Vorpommern-Greifswald wolle dabei eine Vorreiterrolle spielen.

Der Nordosten gehört zusammen mit den sechs Kreisen Uelzen (Niedersachsen), Potsdam-Mittelmark (Brandenburg), Coesfeld (Nordrhein-Westfalen), Neustadt a. d. Waldnaab (Bayern), Lörrach (Baden-Württemberg) und Berndkastel-Wittlich (Rheinland-Pfalz) zum Modellprojekt „Smarte.Land.Region“, in dem das Bundeslandwirtschaftsministerium jeden Landkreis bis zum Jahr 2024 mit jeweils einer Million fördert.

Ein Greifswalder Projektteam soll nun eine Digitalisierungsstrategie erstellen, die im Herbst kommenden Jahres dem Kreistag vorgelegt werden soll. Dabei gehe es um Netzwerke, die Gemeinschaft und Ehrenamt im ländlichen Raum stärkten, sagt Projektleiterin Andrea Ludwig. Erste Vorstellungen gebe es bereits. So werde an einer App gearbeitet, die Bildungs- und Kultureinrichtungen miteinander verbindet und zunächst den Kitas zur Verfügung stehen solle. Weitere Ideen würden derzeit gesammelt.

Wie sich das Leben auf dem Dorf verändern kann, das haben kürzlich Anne-Laure und Markus von Fuchs auf einer ersten Digitalisierungskonferenz in Greifswald vorgestellt. „Wir sind sprichwörtlich in die Pampa nach Zahren im Landkreis Ludwigslust-Parchim gezogen und haben dort das heruntergekommene Gutshaus übernommen und ausgebaut“, sagen sie. Maßgebend für die Entscheidung, hier etwas aufzubauen, sei der Anschluss an das superschnelle Glasfasernetz gewesen.

Arbeitsraum und Schlafzimmer im Stall

Das weitläufige und komplett sanierte Gebäude wird nur zu einem Teil von der Familie mit drei Kindern bewohnt. Im Rest des Gutshauses entstanden vier Wohnungen und ein Gesellschaftsraum. Auch im benachbarten ehemaligen Pferdestall wurden ein 200 Quadratmeter großer Arbeitsraum inklusive Küche und Besprechungsraum sowie zwölf Schlafzimmer eingerichtet.

Dabei geht es der Familie Fuchs nicht einfach um die Vermietung im Sommer an Feriengäste. Das Zauberwort, das in dem 50-Seelen-Dorf jetzt die Runde macht, heißt Coworking. Unter einem Dach sollen sich Freiberufler, kleine Start-up-Unternehmen und digitale Nomaden ansiedeln, die nicht mehr im Ballungsraum, sondern in einer dörflichen Gemeinschaft arbeiten und leben wollen.

Auch im Landkreis Vorpommern-Greifswald gibt es inzwischen eine Reihe vielversprechender oder schon sehr erfolgreicher Projekte, die vor dem Zeitalter der Digitalisierung schier undenkbar gewesen waren. Der Telenotarzt in der Rettungszentrale Wusterhusen zum Beispiel, der rund um die Uhr mit inzwischen sechs technisch aufgerüsteten Notarztwagen verbunden ist.

Kreativwerkstatt mit vielen Möglichkeiten

Ausgestattet mit Dachantennen, Videokameras, Drucker und Online-Kommunikations-Systemen können vor Ort alle Patientendaten wie Verletzungsbilder, Medizinpläne oder EKG-Ergebnisse in Echtzeit an den Telenotarzt gesendet werden, der wiederum Zugriff zu Datenbanken bis hin zur Giftruf-Notzentrale hat und entsprechende Behandlungen anweisen kann. Die Rettungswache gehöre inzwischen zu den modernsten in Mecklenburg-Vorpommern, sagt ihr Leiter Andreas Schössow. „Bislang haben wir mit dem Telenotarztsystem rund 6.500 Einsätze gefahren.“

Auch die in Neubrandenburg ansässige IKT Ost als IT-Dienstleistungszentrum und Auftragnehmer der Landkreise Vorpommern-Greifswald und Mecklenburgische Seenplatte ist so ein wichtiger Partner, um die digitale Vernetzung auf dem Lande voranzubringen. „Wir wollen unter anderem den Schulen den elektronischen Zugang erleichtern und integrierte Software-Lösungen entwickeln“, sagt Vorstandschef Richard Nonnenmacher. Geplant sei zum Beispiel ein Schul-Dienst-Management über das die Unterrichtsgestaltung oder Dienstpläne organisiert würden.

Welche vielfältigen Möglichkeiten das digitale Zeitalter bietet, zeigt auch das Greifswalder Projekt „makerspace“, ein Zusammenschluss von technikbegeisterten Menschen, die sich miteinander vernetzt haben. In Ladebow betreiben sie eine Werkstatt, in der man notfalls auch mal nachts den Trennschleifer ansetzen kann. Die Kreativwerkstatt biete inzwischen eine Vielzahl von Leistungen an, sagt ein Sprecher. Das reiche von der Metall- und Holzbearbeitung, verschiedenen Schweißtechnologien bis zur Programmierung zum dreidimensionalen Drucken.

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