REDAKTIONSBESUCH

Was Nordkurier-Redakteure dem Bundespräsidenten zu sagen hatten

Unter den vielen Terminen, die der Bundespräsident in Vorpommern absolvierte, war einer, der im offiziellen Programm nicht auftauchte: Steinmeier besuchte die Nordkurier-Redaktion in Anklam. Und sprach dort mit unseren Reportern über den „echten“ ländlichen Raum.
Jürgen Mladek Jürgen Mladek
Nordkurier-Reporter im Gespräch mit Steinmeier.
Nordkurier-Reporter im Gespräch mit Steinmeier. Philipp Schulz
Anklam.

Lebenswert, liebenswert, voller Chancen und außerdem wunderschön. Jaja. Blabla. Hört man oft, wenn Politiker sich doch einmal in den ländlichen Raum verirren. Aber Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist natürlich viel zu erfahren und von seinen Mitarbeitern viel zu gut beraten, um beim Redaktionsbesuch beim Nordkurier im Rahmen seiner Besuchs-Tour in Vorpommern die Phrasenmaschine anzuwerfen.

Denn damit – das wurde schon in den Vorbereitungsgesprächen für den Besuch klar – kann man die Spaltung der Gesellschaft, die vor allem auch eine Spaltung zwischen Stadt und Land ist, nicht überwinden. Dass der Bundespräsident die sehr ernst nimmt, zeigt, wie viel Zeit und Energie er in seine Touren in die vermeintlich verlorensten Ecken Deutschlands steckt. Wo er dann aber auch wieder nur bei Vorzeigeprojekten landet, die schick und öko und kreativ sind, in denen die Trendvokabeln Teilhabe und Nachhaltigkeit ein großstädtisches Publikum gönnerhaft mit der Zunge schnalzen lassen.

Aber nicht die normalen Leute vor Ort.

Und genau das will Steinmeier dann auch beim Nordkurier erfahren. Was hören die Reporter da jeden Tag so von den Leuten? Was nervt an der Politik? An den Themen der überregionalen Medien, die häufig einen sehr städtisch geprägten Blick auf die Realität vermitteln?

Was macht die Gesellschaft hier wirklich stärker?

Die Funkloch- und Internet-Misere war schnell abgehakt. Alle einig. Kann ja wohl nicht wahr sein, dass es da immer noch diese riesigen Löcher gibt. Steinmeier nickt. Er findet es auch unglücklich, dass manche Politiker meinten, „nicht jede Milchkanne“ müsse schnelles Internet haben.

Natürlich geht es dann auch um Rechtsextremismus, man ist ja in Anklam und Steinmeier war vor seinem Redaktionsbesuch beim Regionalzentrum für demokratische Kultur (RAA). Und das ist ja nicht die einzige Einrichtung, die sich in Anklam für „eine stärkere Zivilgesellschaft“ und den Kampf gegen Rechts einsetzt – es gibt auch noch den Demokratiebahnhof, den Demokratieladen und manches andere. Steinmeier wirkt leicht entgeistert, als ein Nordkurier-Reporter in Frage stellt, ob das Geld, das in diese Projekte fließt, dort wirklich so gut aufgehoben ist.

Wäre ein Teil dieser finanziellen Mittel vielleicht nicht besser investiert, wenn er in die ganz normale Jugendarbeit der ganz normalen Vereine fließen würde? So würde man Zivilgesellschaft vielleicht mehr stärken als durch ständige Forderungen nach einer stärkeren Zivilgesellschaft. Die Nordkurier-Reporter führen aus: Ein Rückzug des Staates nicht nur in diesem Bereich, sondern auch durch den Wegfall von Institutionen wie Gerichten und Verwaltungen habe ja erst den Nährboden für viel Unzufriedenheit und Protest gelegt.

Es gibt keine gleichen Lebensverhältnisse – und es wird auch nie welche geben

Und dann wird’s ganz grundsätzlich, kann man ja mal machen, wenn der Bundespräsident zuhört – vielleicht nimmt er ja wirklich was mit nach Berlin und spricht mit einigen Leuten darüber, so dass man irgendwann vielleicht, ein wenig, naja, zumindest darüber nachdenkt.

Es geht um die gleichwertigen Lebensverhältnisse in ganz Deutschland. Gibt‘s nicht und wird es nie geben. Sagt die Redaktion und behauptet ganz frech, dass das die Leute auch ganz genau wissen. „Die sind ja nicht blöd“, heißt es aus der Runde. Die wissen, dass die Straßen hier immer etwas schlechter sein werden als in der Stadt. Dass zu ihnen der Krankenwagen immer später kommen wird als in der Stadt. Die wissen auch, dass in der Stadt bei einem Herzinfarkt oder Schlaganfall das nächste Spezialkrankenhaus deutlich näher ist. Wir sterben früher, sagt ein Reporter, das ist so.

Und andere Dinge werden sich auch nicht so einfach ändern lassen. Fachärzteversorgung, Einkaufsmöglichkeiten. Aber kann man dann nicht wenigstens darüber nachdenken, dass man den Leuten auf dem Land mehr Freiheiten gibt als denen in der Stadt? Warum müssen überall die gleichen Auflagen gelten? Warum kann man Regulierungen nicht lockern? Im Baurecht, bei Umweltauflagen oder sonstwo.

Wir produzieren so viel Ökostrom wie niemand anders – und wir müssen sehr weit Auto fahren

Und überhaupt die Umwelt. Warum nimmt eigentlich niemand die Uckermark und Mecklenburg-Vorpommern aus, wenn es darum geht, wie schrecklich Deutschlands Klimabilanz doch sein soll und dass jetzt radikal umgesteuert werden muss. Wir produzieren doch schon viel mehr Öko-Strom, als wir selbst verbrauchen. Und zur Arbeit müssen wir in Zukunft ja auch alle bezahlbar kommen. Wie soll das gehen mit den weitesten Pendelwegen, dem höchsten Öko-Strom-Erzeugungsanteil und einem relativ niedrigen Lohnniveau, wenn das alles noch teurer werden soll?

Eine Stunde hört Steinmeier zu. Fragt nach. Erzählt zwischendurch von ähnlichen Erlebnissen in anderen Regionen. Es wirkt, als habe er einiges verstanden. Immerhin ist er ja auch der Bundespräsident. Aber ob er irgendwie Veränderungen anschieben kann? Immerhin ist er ja nur der Bundespräsident.

StadtLandKlassik - Konzert in Anklam

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