NEUER JOB FÜR WAHLVERLIERER

Wechsel nach Schwerin: Erst Wahlen verlieren, dann doch regieren

Sechs Jahre lang war Heiko Miraß der Hüter des Arbeitsmarktes im Kreis Vorpommern-Greifswald. Parallel dazu spielte er den Prügelknaben für die SPD, führte Wahlkämpfe, mit denen er selbst haderte. Die Niederlagen haben ihm nun aber den Weg nach Schwerin geebnet.
Carsten Schönebeck Carsten Schönebeck
Als Chef der Arbeitsagentur durfte Heiko Miraß sechs Jahre lang jeden Monat Rekordzahlen verkünden. Ob er als Staatssekretär aus Schwerin auch regelmäßig gute Nachrichten nach Vorpommern bringen wird?
Als Chef der Arbeitsagentur durfte Heiko Miraß sechs Jahre lang jeden Monat Rekordzahlen verkünden. Ob er als Staatssekretär aus Schwerin auch regelmäßig gute Nachrichten nach Vorpommern bringen wird?
Anklam.

Ein riesiger Landkreis, ein schwieriger Arbeitsmarkt und Hunderte Mitarbeiter in der Fläche. Und mittendrin als Dirigent stand über Jahre der gebürtige Greifswalder Heiko Miraß. Aber zuletzt ließ er auch deutlich blicken, dass ihm der Job als Chef der Arbeitsagentur trotzdem nicht mehr ausreicht. „Nein, da ist schon was dran. Auch wenn ich immer gerne bei der Agentur gearbeitet habe“, sagt er. 23 Jahre waren das, in verschiedenen Positionen. Dass der Behörden-Mensch Miraß seit zwei Jahren mehr und mehr die Fühler in die Politik ausstreckte, will er jetzt nicht kleinreden. Mit Anfang 50 sei das ein guter Zeitpunkt, um noch mal eine neue Aufgabe anzugehen. Am Montagabend wurde verkündet: Miraß wird auf dem Ticket der SPD neuer Staatssekretär im zuletzt krisengeschüttelten Finanzministerium.

Dabei sah es zuletzt nicht danach aus, als würde sein Einstieg in die Politik noch glücken. Als Überraschungskandidat zauberten die Genossen ihn 2017 als Bundestagskandidaten aus dem Hut. Der Partei war er erst wenige Wochen zuvor beigetreten. Miraß scheiterte krachend (13,9 Prozent).

Als Landratskandidat im Kreis wurde er gehandelt, es kam aber anders. Zuletzt mischte er im Europa-Wahlkampf der SPD mit – das Ergebnis ist bekannt. Dass er nun nach Schwerin berufen wird, passt ins Klischee so einiger Personalentscheidung aus der Staatskanzlei. Tatsächlich befasste sich Miraß bislang mit den Polit-Themen Wirtschaft und Integration, lebte im Ehrenamt seine Affinität zu klassischer Musik und Kunst aus.

Der Kampf mit sich, den Wählern, der Partei

Und nun also Finanzen? Was macht so ein Staatssekretär eigentlich? Miraß, studierter Volkswirt, sagt, dass das alles gar nicht so viel anders wird. Letztlich gehe es jetzt auch in Schwerin um die Leitung einer großen Behörde. Um Konzepte fürs große Ganze, um Personalentwicklung und Führung. Und dann noch ein bisschen Repräsentanz für die Landesregierung. Hat sich der Eintritt in die SPD im fortgeschrittenen Alter also doch noch gelohnt?

Das Klischee passt nicht ganz, denn Miraß stürzte sich zwar in zwei Wahlkämpfe, haderte dabei aber auch immer mit dem Parteienwesen und den Mechanismen der Politik. Er fremdelte mit dem Show-Aspekt so manchen Auftritts. „Hahnenkämpfe ohne echten Inhalt“, seien das nur all zu oft. Er litt augenscheinlich daran, dass politische Gegner ihm mangelnde Integrität vorwarfen, weil er als Behördenleiter offen in die Politik strebt. Trotzdem blieb Miraß bei der Entscheidung. Die Probleme dieser Zeit von der Globalisierung bis zur demografischen Entwicklung, das sei es, was vielen Menschen Angst mache. Für eine sozialdemokratische Partei sei das doch eigentlich ein Elfmeter. Ja, den habe man nun schon mehrfach verschossen, räumt er ein. „Wenn man sich das betrachtet, hat man zwei Möglichkeiten: Entweder wendet man sich mit Grausen ab, oder man nimmt sich vor, es besser zu machen“, sagt Miraß.

Er selbst sei ja auch ein bisschen überrascht gewesen, als der neue Finanzminister Reinhard Meyer (SPD) ihn anrief. Mit so einem Angebot habe er nicht gerechnet, auch nicht darauf hingearbeitet.

Schwerin und die Friedhöfe

Eine Woche Zeit habe er gehabt, um die Entscheidung zu treffen. Mehrere Telefonate und ein mehrstündiges Gespräch mit dem künftigen Chef hätten ihn überzeugt. „Ich kann nicht behaupten, dass ich auf dieses Amt hingearbeitet habe“, sagt er.

Jetzt bleiben Miraß noch ein paar Tage im alten Job. „Das wird nicht leicht, das Büro auszuräumen und sich zu verabschieden“, sagt er. „Aber“, fügt er an, „die Friedhöfe sind voll mit Leuten, die sich für unersetzbar hielten.“ Mal sehen, ob er das auch noch in zwei Jahren denkt, wenn die nächsten Wahlen im Land anstehen.

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Kommentare (1)

Bei der Ernennung von Beamten gilt das Leistungsprinzip (Art. 33 Abs. 2 GG), außer bei Staatssekretären. Da werden aus parteipolitischen Gründen Minderqualifizierte ernannt. Der Slogan der SPD "Arbeit muss sich lohnen" gilt nur für die eigenen Genossen und die Parteiarbeit... Ich hoffe das Postengeschacher und die Ämterpatronage von Schwesig & Co. haben bald ein Ende und die Partei verschwindet, zumindest aus der Regierungsverantwortung.