Seelsorge

Wenn Rettungskräfte plötzlich selbst Hilfe brauchen

Geht ein Notruf ein, sind sie zur Stelle. Doch mitunter verlangen diese Einsätze den Rettungskräften psychisch einiges ab. Wer kümmert sich dann um sie?
Es gibt Einsätze, die stecken manche Rettungsdienstler nicht einfach so weg, sondern die belasten die Psyche. Hilfe finde
Es gibt Einsätze, die stecken manche Rettungsdienstler nicht einfach so weg, sondern die belasten die Psyche. Hilfe finden Betroffene beim SbE-Team MV. Anja/Stock Adobe
Heiko Fischer ist Leiter der Landeszentralstelle für Psychosoziale Notfallversorgung MV (PSNV) mit Sitz an der Unimedizin
Heiko Fischer ist Leiter der Landeszentralstelle für Psychosoziale Notfallversorgung MV (PSNV) mit Sitz an der Unimedizin Greifswald. PSNV MV
Greifswald

Eigentlich sind sie von Beruf unter anderem Landwirt, Tischler oder Kfz-Mechaniker. Zugleich engagieren sie sich ehrenamtlich bei der freiwilligen Feuerwehr. Und dabei sehen, hören oder riechen sie manchmal Schreckliches, kehren anschließend ins Private zurück und müssen das Erlebte irgendwie verarbeiten. Und wie ihnen geht es auch anderen, hauptberuflichen Rettungskräften oder Polizisten. Sie alle sind Helfer, die nach traumatischen Einsätzen vielleicht plötzlich selbst Hilfe brauchen.

Team begleitet Rettungskräfte nach schwierigen Einsätzen

Diese Hilfe bekommen sie vom SbE-Team. Die Abkürzung SbE steht für Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen. Seit 2002 gibt es in Mecklenburg-Vorpommern dieses Nachsorgeteam, finanziert aus Haushaltsmittel des Landes für den Brand- und Katastrophenschutz. Es unterstützt und begleitet Einsatzkräfte nach schwierigen und belastenden Einsätzen und soll den Teilnehmern die Möglichkeit geben, das Erlebte zu verarbeiten, um die Entwicklung einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) zu verhindern.

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Derzeit besteht die Mannschaft, die ehrenamtlich arbeitet, aus landesweit 52 speziell ausgebildeten Einsatzkräften von Feuerwehr, Rettungsdienst, Polizei, Bundeswehr, THW, Wasser- und Seenotrettung sowie Psychologen, Fachärzte und Pastoren – fünf davon im Landkreis Vorpommern-Greifswald. Heiko Fischer, Leiter der Landeszentralstelle für Psychosoziale Notfallversorgung MV (PSNV) mit Sitz an der Unimedizin Greifswald, ist für die Gesamtkoordinierung der Einsätze verantwortlich, aber auch selbst für Schulungen bei den Rettungsdienstlern vor Ort. „Grundsätzlich kann jede Einsatzkraft eine Einsatznachsorge anfordern, auch außerhalb der Hierarchien“, sagt Fischer. „Aber meistens tritt der Wehrführer oder Einsatzleiter im Rahmen der Fürsorge an uns heran und fordert Hilfe an.“ Dabei wird versucht, jemanden aus derselben Einsatzstruktur zu beauftragen, denn dieser sei mit den dortigen Abläufen und Begrifflichkeiten besser vertraut, was vieles leichter machen würde, so Fischer.

Vielen hilft schon, über das Erlebte zu sprechen

Das SbE-Team hat im Jahr durchschnittlich 60 Einsätze, etwa die Hälfte davon für Schulungsmaßnahmen zur psychosozialen Notfallversorgung, die präventiv mit Einsatzkräften durchgeführt werden. Die andere Hälfte sind die Nachsorgemaßnahmen. Diese können im Rahmen einer Gruppenintervention erfolgen oder auch als Einzelgespräche. Mit den Jahren sei die Zahl ihrer Einsätze deutlich nach oben gegangen. „Wir haben erstens eine höhere Sensibilisierung in der Bevölkerung als noch vor zehn Jahren“, erklärt Heiko Fischer. „Zweitens wurde eine Angebotsstruktur für die Einsatzkräfte geschaffen, die diese auch annehmen, weil sie merken, wie hilfreich eine solche Unterstützung ist. Wir merken auch, dass es vermehrt zu Rückfragen von Feuerwehren kommt, seit wir dort Lehrgänge zu Prävention und Nachsorge im Rahmen einer Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) machen.“

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Zudem hätte die Fürsorge untereinander im Laufe der Jahre noch mehr zugenommen. „Ich finde es sehr gut, dass die Führungen der Einsatzkräfte so sensibilisiert sind, dass sie jüngere Kameraden entweder ganz langsam heranführen oder erst einmal von belastenden Situationen fernhalten. Zuerst gehen erfahrene Kollegen voran und verschaffen sich einen Eindruck von der Lage“, sagt Fischer. Für viele Wehren gehört die PSNV zum festen Bestandteil der Nachbereitung eines Einsatzes. Einfach noch mal zusammensetzen und über das gerade Erlebte sprechen – vielen hilft schon das. Wenn mehr Hilfe vonnöten ist, hilft das SbE-Team. „Eigentlich führen wir das Nachsorgegespräch mit einem zeitlichen Abstand von zwei Tagen bis zu einer Woche nach dem Ereignis. Bis dahin hat sich die erste Euphorie ein bisschen gelegt“, sagt Fischer. „Es gibt aber Ausnahmesituationen, wo wir gleich nach einem Einsatz vor Ort sind, um eine Nachsorge sicherzustellen, zum Beispiel bei der Bergung von Kindern.“

Die meisten Kräfte haben gelernt, damit umzugehen

Doch wie kann den Einsatzkräften überhaupt geholfen werden, wenn sich schlimme Erinnerungen im Kopf gefestigt haben? „Wichtig ist erst einmal, alle auf einen einheitlichen Stand zu bringen. Jeder hat im Einsatzgeschehen einen anderen Blick. Und wir bieten eine Plattform an, wo jeder offen sprechen und man sich untereinander austauschen kann“, erklärt Heiko Fischer. „Im nächsten Schritt geht es darum, was das Belastendste an dem Einsatz war. Das kann bei jedem anders sein. Aber das hilft den Einsatzkräften, ihre Gefühle einzuordnen.“ Der letzte und wichtigste Schritt sei die Frage nach körperlichen Reaktionen. Denn im schlimmsten Fall könne eine solche Belastung auch zu Krankheitssymptomen führen – und solchen posttraumatischen Erkrankungen soll vorgebeugt werden.

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„Die meisten Einsatzkräfte sind gefestigt in ihren Strukturen, können also auch mit Belastung ganz gut umgehen, weit über das, was die normale Bevölkerung in einer solchen Situation ertragen könnte“, macht Fischer deutlich. „Sie haben gelernt, damit umzugehen. Sie wissen, wenn sie an einen Unfallort kommen, dass dort Verletzte oder auch Tote sein können. Damit haben sie sich vorher auseinandergesetzt. Und das ist ein ganz wichtiger Faktor.“

So erreichen Sie das SbE-Team MV

- Leitstelle Greifswald: 03834 777870 (im Einsatzfall / rund um die Uhr)

- Fachlicher Leiter: Dr. med. Lutz Fischer, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst im Landkreis Vorpommern-Greifswald, Telefon: 03834 87602822, E-Mail: [email protected]

- Organisatorischer Leiter: Pfarrer Hanns-Peter Neumann, Beauftragter der Nordkirche für die Polizei- und Notfallseelsorge in MV, Telefon: 0160 8408691, E-Mail: [email protected]

- Geschäftsführer und Leiter der Landeszentralstelle PSNV-MV: Dipl.-Päd.Heiko Fischer, Telefon: 03834 865695, E-Mail: [email protected], über jede andere Leitstelle in Mecklenburg-Vorpommern

Weitere Informationen unter www.psnv-mv.de

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