Matthias Schnaack, 1971 in Anklam geboren, lebt seit 14 Jahren östlich von Montreal in Kanada. Dort, im Bundesstaat Québec, musste er sich an extreme Wetterbedingungen von -30 bis +30 Grad gewöhnen.
Matthias Schnaack, 1971 in Anklam geboren, lebt seit 14 Jahren östlich von Montreal in Kanada. Dort, im Bundesstaat Québec, musste er sich an extreme Wetterbedingungen von -30 bis +30 Grad gewöhnen. Ultima_Gaina, privat
Heimweh

Wie ein Anklamer nach Kanada kam – und zurück blickt

Matthias Schnaack ist gebürtiger Anklamer und nach Kanada ausgewandert. Obwohl er schon seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr in Vorpommern lebt, zieht es ihn immer wieder zurück. Hier erzählt er seine Geschichte.
Montréal

Wegen des Jobs zog ich 1993 von der Mini-Hansestadt im Peenetal in die Große und Freie Hansestadt an der Elbe. In Hamburg gründete ich meine Familie, um dann schließlich wegen des Heimwehs meiner ersten Frau 2007 nach Kanada auszuwandern. Hier lebe ich nun seit 14 Jahren (und seit zehn Jahren in einer neuen Beziehung) etwa 100 Kilometer östlich von Montréal entfernt in einer 70.000 Einwohner zählenden Stadt, mitten im Herzen der Provinz Quebec in Kanadas französisch angehauchten Osten.

Neben dem französischen Dialekt, für einige Europäer klingt er etwas seltsam, habe ich mich an Einiges gewöhnt. Die Winter in Québec sind lang und kalt (aber wenigstens schneereich!). Das Tempolimit auf Autobahnen ist 100 Kilometer pro Stunde – aber schneller sollte man auf den vielen Schlaglochpisten eh nicht fahren, denn aufgrund der extremen Wetterbedingungen (bis zu -30°C im Winter und +30°C im Sommer) sind diese örtlich oft in einem desolaten Zustand.

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Alles ist größer, die Menschen sind entspannter

Strom ist billig und Wasser ist kostenlos, weshalb auch fast jedes Haus hier einen Pool hat. Pommes werden hier als „Fries“ oder „les frites“ bestellt. Der Hardcore-Quebecker ertränkt diese übrigens am liebsten in Unmengen brauner Bratensoße und Käsebruch, was dann liebevoll Poutine genannt wird. Es ist jedenfalls kein guter Currywurstersatz oder wenn man die Pommes – ähm „les frites“ – eher knusprig mag! Und ansonsten ist hier einfach alles ein wenig größer, die Menschen etwas entspannter und weltoffener, der Nationalsport ist Eishockey anstatt Fußball und der einzige (!) Grenznachbar des gesamten Landes sind die (Dank des neuen Präsidenten nun wieder etwas normaler wirkende) USA.

Touristen glauben oft, daß man Montréal, Toronto und Ottawa mit einem kurzen Tagestrip erledigen kann, aber dann unterschätzt man doch die Entfernungen auf der Landkarte. Ein Flug von Montréal and der Ostküste nach Vancouver im Westen dauert tatsächlich länger als nach Europa.

Mit 14 in Anklam die ersten Computer kennen gelernt

Beruflich gesehen war mein ganzes Leben der Informatik treu. Mit 14 Jahren fing einmal alles an in einer Arbeitsgemeinschaft der „Station junger Naturforscher und Techniker“ mit Computerspielen auf einem Commodore C64. Nach meiner Ausbildung zum Facharbeiter für Datenverarbeitung mit Abitur in Rostock ging es ein Jahr zur Bundeswehr. Kurze Zeit später machte ich mich in Hamburg heimisch, arbeitete dort im PC Handel sowie etliche Jahre im IT und Data Center Support bevor mich die Ferne rief.

Nach 5 Jahren in Kanada und ähnlichem Tätigkeitsfeld machte mich mit 41 Jahren schließlich selbstständig. Heute arbeite ich als IT Prozess Spezialist für Air Canada. Hier bin ich jetzt im Prinzip in so gut wie jedes IT-Projekt eingebunden um geschäfts- und betriebskritische IT-Abläufe zu entwickeln und deren geordnete Übergabe in den geregelten IT-Betrieb sicherzustellen. Das hört sich vielleicht erstmal etwas langweilig an, ist aber ganz spannend da man mit fast allen Bereichen der Fluggesellschaft zusammenarbeitet und so einiges lernt was dem normalen Fluggast verborgen bleibt.

In Anklam die Fliegerei in die Wiege gelegt

Viele Anklamer sind ja Dank ihres bekannten Sohnes und deutschen Gleitflugpioniers, Otto Lilienthal (nein, er ist KEIN Berliner!), sowie des örtlichen Flugplatzes oft irgendwie mit der Fliegerei verbunden. Gut, freilich nicht zwingend, aber mein Vater war schon sein ganzes Berufsleben im Agrarflug tätig. Ich könnte also abschließend sogar sagen, daß sich mit meinem aktuellen Brötchengeber der Kreis des (Berufs)Lebens geschlossen hat!

Tja, und zum Glück gibt es dann noch diesen tollen Nordkurier Newsletter, der mir das Heimweh immer mal wieder etwas leichter macht, insbesondere dann wenn man nicht so einfach in den nächsten Flieger Richtung Heimat springen kann.

 

Nachdem Matthias Schnaack seine Geschichte erzählt hat, haben wir ihm noch ein paar Fragen gestellt.

Spielen Sie mit dem Gedanken, zurück zu kehren?

Bei meiner Trennung vor zehn Jahren ist mir das zum ersten Mal in den Sinn gekommen. Für meine Kinder da zu sein war mir dann aber wichtiger. Im Moment kommt die Rückkehr aber eher nicht in Frage, schon alleine aus beruflichen Gründen. Denn mit 49 hat man es im deutschen IT-Jobmarkt oft sehr schwer. Aber vielleicht hat sich das inzwischen ja geändert?! Falls dann Rente und Erspartes in etwa 15 Jahren ausreichen, könnte ich es mir aber durchaus vorstellen!

Was vermissen Sie am meisten an der alten Heimat?

Tja, diese Frage wird mir hier auch oft gestellt. Neben Familie und Freunden sage ich dann meistens:

- Bestimmte Lebensmittel (z.B. Salzlakritze, Lebkuchen, Brot- und Brötchen frisch vom Bäcker)

- Autobahn ohne Geschwindigkeitsbegrenzung und deutlich diszipliniertere Autofahrer.

- Traditionen, die ich aber im Kreise meiner Familie versuche, aufrecht zu erhalten (Weihnachtsgans, Ostereiersuche, Silvesterfeuerwerk – was hier kaum jemand macht, weil es einfach zu kalt ist am 31. Dezember!)

Gibt es etwas, was Sie überhaupt nicht vermissen?

Ja, da fallen mir spontan drei Dinge ein.

- Den deutschen Durchschnittsnörgler, der immer irgendwie mit etwas unzufrieden ist.

- Deutsche Bürokratie.

- Angela Merkel? Nein, kleiner Scherz! Für mich ist es eher der sich anscheinend immer weiter ausbreitende Rechtsextremismus.

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