Fundstück des Monats

Wie ein Bergkristall vor tausend Jahren nach Vorpommern kam

Was dem einen ein Symbol der Reinheit war, war dem anderen vielleicht wertvolles Souvenir eines blutigen Raubzuges. Der Halbedelstein, der bei Gramzow gefunden wurde, gibt Rätsel auf, könnte aber auch Geschichte(n) erzählen.
Matthias Diekhoff Matthias Diekhoff
Der geschliffene und auch nach 1000 Jahren noch glasklare Bergkristall (Länge 2,85 cm, Breite 1,8 cm) wurde bei Gramzow
Der geschliffene und auch nach 1000 Jahren noch glasklare Bergkristall (Länge 2,85 cm, Breite 1,8 cm) wurde bei Gramzow in Vorpommern gefunden. LAKD M-V, Landesarchäologie
Kirchliche Ausstattungsstücke wurden im Mittelalter häufig mit Bergkristallen verziehrt.
Kirchliche Ausstattungsstücke wurden im Mittelalter häufig mit Bergkristallen verziehrt. Daniel Karmann
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Krusenfelde.

Was der Bergkristall dem Menschen bedeutet hat, der ihn vor vielleicht tausend Jahren in Gramzow – einem Ortsteil der Gemeinde Krusenfelde (Landkreis Vorpommern Greifswald) – zurückgelassen hat, das wird man nie erfahren. Vermutlich aber muss er einen sehr hohen Wert gehabt haben, denn Bergkristalle aus jener Zeit werden in der Region nur sehr selten gefunden. Daher wurde der knapp drei Zentimeter lange und zwei Zentimeter breite Bergkristall von Gramzow vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege jetzt zum Fundstück des Monats Juli erkoren.

Er hatte keine Fassung – woran liegt’s?

Gefunden wurde der vollständig von Hand geschliffene und immer noch glasklare Halbedelstein bereits im Sommer 2018 vom ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger Karl Rausch auf dem Gebiet eines spätslawischen Siedlungsplatzes. Im Gegensatz zu einer Bergkristallfibel, die fast zeitgleich in Vipperow im Süden der Müritz gefunden wurde, hat der Stein von Gramzow allerdings keinerlei Fassung. Das kann ganz profane Gründe haben. Vielleicht hatte er ursprünglich eine und ist nur unbemerkt herausgerutscht. Dr. Michael Schirren vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege hat aber noch eine andere, wenn auch etwas spekulative Theorie, wie dieser wertvolle Stein in eine ländliche Siedlung abseits der damaligen Zentren kam.

Bergkristalle wie der aus Gramzow wurden im Mittelalter in großer Zahl als Schmucksteine an kirchlichen Ausstattungsstücken wie Pracht-Kruzifixen, Reliquiaren (Behältnisse für Reliquien) oder Pracht-Einbänden von religiösen Büchern verwendet. Die slawischen Stämme des Lutizenbundes und ihrer Verbündeten, die zu jener Zeit in der Region lebten, standen dem Christentum jedoch ablehnend gegenüber und schafften es auch lange Zeit sich gegen die Übergriffe benachbarter christlicher Herrscher zur Wehr zu setzen und adäquat zurückzuschlagen. Beim Slawenaufstand von 983 zum Beispiel zerstörten sie den Bischofssitz im brandenburgischen Havelberg.

Der Fund passt nicht in das Bild

Jahrzehnte später sollen sie auch bis weit in die Hamburger Diözese vorgedrungen sein. Allerdings waren diese Kriegszüge nicht unbedingt allein auf die Zerstörung der kirchlichen Strukturen ausgerichtet und auch nicht nur darauf, Kirchen und Klöster auszuplündern, wie es die Wikinger im 8. Jahrhundert vorgemacht hatten, erklärt Schirren. Eine große Rolle dabei habe auch der Menschenraub für Lösegeldzahlungen und Sklavenhandel gespielt. Gut möglich also, dass der Bergkristall als eine Art „Edel-Souvenir“ mit einem Teilnehmer dieser Raubzüge nach Gramzow kam und noch tausend Jahre später für Erstaunen sorgt.

Das vor allem auch, weil der Fund nicht in das Bild passt, das man im Moment noch von der Region in jener Zeit hat. Ein Bild, das eventuell neu gezeichnet werden muss, auch dank der Funde ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger wie Karl Rausch.

 

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