Wildvögel haben laut Wissenschaftlern die größte Aktie an der Übertragung der Vogelgrippe.
Wildvögel haben laut Wissenschaftlern die größte Aktie an der Übertragung der Vogelgrippe. Carsten Rehder
Wenn die Geflügelpest in Massetierhaltungen auftritt, müssen tausende Tiere getötet werden.
Wenn die Geflügelpest in Massetierhaltungen auftritt, müssen tausende Tiere getötet werden. Julian Stratenschulte
Elke Reinking vom Friedrich-Loeffler-Institut Riems
Elke Reinking vom Friedrich-Loeffler-Institut Riems Stefan Sauer
Krankheiten

Wie viel Angst vor Seuchen müssen wir haben?

Gehören Vogelgrippe, Rinderherpes, Schweinepest, Corona inzwischen zum Alltag? Was ist gefühlt und was Realität? Forscher aus MV können zumindest ein Stück weit Antwort geben.
Ludorf

Die Afrikanische Schweinepest, in Brandenburg und Sachsen schon vor Monaten angekommen, hat nun auch Mecklenburg-Vorpommern erreicht. Ein abgeschieden gelegener Mastbetrieb nahe Güstrow ist betroffen. Wie viele tausend Tiere in den kommenden Wochen ihre letzte Fahrt in die Tierkörperbeseitigungsanlage antreten, ist jeden Tag eine neue Rechnung. Doch nicht nur Schweine aus den Massentierhaltungen werden getötet. Parallel verenden Wildschweine an der Pest, kämpfen Landwirte in Tierbeständen gegen Rinderherpes. Offenbar nehmen die Tierseuchen kein Ende.

Vogelgrippe war nie wirklich weg

Und dann ist da ja noch eine alte Bekannte wieder aufgetaucht: die Vogelgrippe. Sie kam dieses Jahr früher als üblich und hartnäckiger. Im Grunde war sie nie wirklich weg in diesem Jahr, auch nicht im Sommer, wie Elke Reinking weiß. Die Diplom-Biologin vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) auf der Insel Riems bei Greifswald liefert gemeinsam mit ihren Kollegen wissenschaftliche Einschätzungen zu Tierseuchen.

Schaden von 5,7 Millionen Euro

Die Fachleute haben in diesen Tagen und Wochen alle Hände voll zu tun. Allein in Mecklenburg-Vorpommern waren dem zurückliegenden Seuchenzug nach Angaben des Schweriner Landwirtschaftsministeriums knapp 350.000 Tiere zum Opfer gefallen. Durch die Vogelgrippe sei ein wirtschaftlicher Schaden von etwa 5,7 Millionen Euro entstanden. Deutschland und Europa erlebten nach Einschätzung des FLI zwischen Ende Oktober 2020 und April 2021 die bisher ausgeprägteste Geflügelpestverbreitung.

„Wir müssen genau hinschauen, welche Viren unterwegs sind, wie häufig welche Art auftritt, ob es gegebenenfalls eine neue Art gibt. Das alles kommt in eine große Datenbank“, erläutert FLI-Sprecherin Reinking. Eigene Risikoeinschätzungen und -bewertungen müssten so lokal wie möglich getroffen werden.

Etwa bei der Geflügelpest. Aktuell gelte in etlichen Regionen noch Stallpflicht für Betriebe ab 1000 Tiere. Aber das könne sich rasch ändern. Gerade die kleinen Halter von Enten und Gänsen seien für den Seuchenschutz entscheidend. „Das ist nicht leicht, weil Gänsehalter Probleme haben, die Tiere lange in den Ställen zu halten. Aber mit dem Erreger ist nicht zu spaßen“, mahnt die Biologin.

Geflügelpest hat schon für Todesfälle bei Menschen gesorgt

Es gebe auch einige Vertreter unter den Viren, die auf andere Säugetiere und den Menschen übertragbar seien. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden seit 2003 zum Beispiel weltweit über 2300 humane Erkrankungen mit Vogelgrippe festgestellt, mehr als 1000 der Infizierten starben. In Deutschland sei bisher aber noch kein Mensch an den verschiedenen Virustypen der Geflügelpest erkrankt.

Das A und O sei die Biohygiene, macht Reinking deutlich. Das bedeutet: Keine Fremden in den Ställen, Desinfektion, Kontakt mit Wildtieren unterbinden, auf tote Tiere achten und diese melden sowie sehr penibel die Hygienebestimmungen befolgen. „Wenn ich Erkrankungssymptome bei meinem Geflügel beobachte, heißt die erste Devise, den Tierarzt zu verständigen und den direkten Kontakt zu den Tieren zu vermeiden.“ Denn schlimmstenfalls müssten ganze Bestände mit tausenden Tieren getötet werden. Einen anderen Weg gebe es nicht. Warum? „Die Geflügelpest ist eine Viruserkrankung. Die Tiere gehen elendig daran zugrunde. Das wäre sträflich, sie so leiden zu lassen“, klärt Elke Reinking auf.

Gleiches Elend gelte im Falle weiterer Ansteckungen auch für die Schweinepest. „Die Lage in Brandenburg und Sachsen ist besorgniserregend und die Fälle reißen nicht ab. Das liegt daran, dass das Virus vor allem aus Polen immer wieder eingeschleppt wird“, weiß die Wissenschaftlerin. „In Mecklenburg-Vorpommern hatte man schon gute Vorkehrungen mit dem Zaunbau an der Grenze zu Polen getroffen“, schätzt die Expertin von der Insel Riems ein. Wie das Virus nun in einen Mastbetrieb mitten im Land kam, können die Experten bisher noch nicht mit Sicherheit sagen.

Sorgfalt bei Futterauswahl mindert Risiko für Bestände

Sind denn zusätzliche Maßnahmen gegen Tierseuchen nötig? Reinking: „Aus meiner Sicht derzeit nicht. Wir müssen nur die bereits getroffenen Maßnahmen der Kontaktvermeidung für jeden Einzelnen und die Biosicherheitsmaßnahmen in den Tierbeständen weiter intensiv und konsequent betreiben.“

Das ist zum Beispiel auch die Grundlage der Arbeit auf dem Hof von Jochen Mewes in Retzow bei Rechlin (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte), um die gefürchtete Rinderherpes zu verhindern.250 Mastbullen haben hier ihr Zuhause auf Zeit. Und bekommen Leckereien vom eigenen Hof. „Gerade das Futter ist eine Quelle, um Krankheiten einzuschleppen. Je mehr man selbst anbauen und den Tieren geben kann, desto besser“, weiß man dort. Der Kreislauf des Futters und bei Krankheit gegebenenfalls die Nachverfolgung seien so viel einfacher zu rekonstruieren. Krankheiten hätten in Retzow noch keine zentrale Rolle gespielt. Auch die frische Luft zähle für die Mastbullen, die meist auf der Koppel sein dürften.

Risiko-Ampel empfiehlt Präventionsmaßnahmen

Auch beim Bauernverband Ostvorpommern will man nicht von Seuchen-Zeiten reden und Panik verbreiten. Nach Angaben von Rieke Plenter ist die Interessenvertretung der Landwirte vor allem beratend im Einsatz. „Wir maßen es uns nicht an, den Landwirten Vorschriften zu machen. Wir informieren.“ Dennoch sei die Lage angespannt, keine Frage. Das zeige die enge Zusammenarbeit mit dem FLI und der Uni Vechta. Zum Beispiel bei einer sogenannten Risiko-Ampel. Diese zeigt angebrachte Präventionsmaßnahmen an. (https://risikoampel.uni-vechta.de/)

„Wir haben ja auch noch Ämter und Veterinäre, die die Landwirte unterstützen“, hebt Rieke Plenter hervor, die auch froh ist, „dass es noch keinen Schweinepestfall in unserer unmittelbaren Region gibt“. Sie hofft, dass mit dem Abschluss der Maisernte den Wildschweinen Raum und Futter genommen werden. Und auch die anstehenden Drückjagden sollen den Bestand weiter dezimieren.

Viele Transporte begünstigen Verbreitung von Tierseuchen

Und welchen Anteil an der Seuchenverbreitung hat der Verbraucher, der auf relativ günstige Fleischpreise aus ist? Zudem werden die Tiere, ihr Fleisch und teilweise auch Schlachtabfälle quer durchs Land und ganz Europa gekarrt. Einfacher kann man es einem Virus nicht machen, wissen Fachleute.

Doch Elke Reinking sieht nicht die Massentierhaltung als alleiniges Thema dabei. Gerade die Geflügelpest zeige, dass auch Halter ganz kleiner Bestände ein großes Risiko haben. Wo allerdings im Falle des Falles deutlich weniger Tiere getötet werden müssten. „Das ist ein gesellschaftspolitisches Problem, das so leicht nicht zu lösen sein wird“, verweist Elke Reinking auf den größeren Zusammenhang.

Wird es neue Viren geben, auf die man sich einstellen muss? „Es ist nicht ausgeschlossen, dass es immer wieder neue Erreger gibt. Dafür verschwinden aber alte, die dann keine Rolle mehr spielen. Ich denke, die Angst vor immer mehr Krankheiten ist vor allem aktuell eher ein Bauchgefühl, eine Wahrnehmung. Die Diagnostik wird immer besser, die Überwachungsprogramme und damit auch der Umgang und die Hilfen“, blickt Wissenschaftlerin Elke Reinking optimistisch voraus.

zur Homepage