CORONAVIRUS

Zahnärzte in der Krise – und ganz dicht am Virus

Kliniken werden seit Wochen angehalten, Operationen zu verschieben, die nicht dringend sind. Für Zahnärzte, bei denen viele Behandlungen nicht akut sind, gibt es bislang keine klare Richtlinie. In Anklam gehen die Mediziner ganz unterschiedlich mit der Corona-Krise um.
Mundschutz und Handschuhe – auch ohne Corona gelten strickte Anweisungen für Zahnärzte. Doch in einigen Praxen
Mundschutz und Handschuhe – auch ohne Corona gelten strickte Anweisungen für Zahnärzte. Doch in einigen Praxen wird das Material inzwischen knapp. Andreas Gebert
Anklam ·

Vor- und Nachsorge ist bei der Zahngesundheit entscheidend. Doch in Zeiten von Corona, wo „Abstand halten“ die Begrifflichkeit der Stunde ist und ein Mindestabstand von 1,5 Metern zwischen Personen verordnet ist, stellt sich die Frage: Was ist mit Zahnärzten und ihren Mitarbeitern, die Warteräume haben, die nur wenige Zentimeter vor dem möglicherweise infektiösen Rachenarbeiten, die mehrere Patienten pro Tag behandeln. Was ist vermeidbare Prophylaxe und was notwenige Behandlung?

Dr. Georg Becker arbeitet mit einer Kollegin in Anklam. Der Zahnarzt hat seine Praxis direkt am Markt, auch eine Kieferorthopädin praktiziert hier. Seit Corona ist jedoch vieles anders. „Wir haben Schichten und Teams. Ich mache zwei Tage, meine Kollegin macht zwei Tage, den Freitag machen wir abwechselnd. In der ganzen Zeit sehen wir uns nicht“, erläutert er. Becker nimmt die Pandemie sehr ernst, auch die Öffnungszeiten sind verändert. Anfangs hätten Patienten vor allem von alleine abgesagt, dann hat er selbst viele „vermeidbare“ Termine gecancelt oder verschoben. „Auch die Kieferorthopädie liegt größtenteils brach“, erklärt er die Situation. Für ihn geht es dabei nicht nur um den Schutz von Personal, sondern natürlich auch um die Patienten.

Ansteckungsgefahr gab es schon vor Corona

Um die geht es auch Anja Dabers, die in ihrer Praxis eine ganz andere Strategie, verfolgt. „Wir wollen für jeden Patienten da sein“, sagt sie. Dabers arbeitet deswegen nicht im Notbetrieb. Zu den normalen Öffnungszeiten gibt es hier auch normale Termine. „Wir sorgen nicht nur für ein weißes Lächeln, auch kleine Behandlungen sind wichtig für Patienten,“ ist ihre Meinung zu der Corona-Situation. Einigen Änderungen gibt es bei ihr trotzdem: Ein Notfallplan wurde ausgearbeitet, für den Fall der Fälle, um die Anklamer Praxis am Laufen zu halten.

+++Hier finden Sie alle aktuellen Corona-Artikel des Nordkurier.+++

Patienten müssen sich die Hände desinfizieren und vor jeder Behandlung eine halbe Minute lang den Mund ausspülen. Das sei sonst nur vor OPs so, erklärt die Ärztin und ergänzt: „Wir tragen so oder so bei jeder Behandlung eine Schutzbrille, Handschuhe und Mundschutz.“ Denn Ansteckungsgefahr zwischen Patient und Zahnarzt gab es schon vor Corona und wird es auch danach geben. Selbst wenn sie einen Patienten mit der neuen Krankheit behandeln müsste: Entsprechende Schutz-Ausrüstung sei vorhanden. Weder sie noch Georg Becker klagen derzeit über Versorgungslücken im Hygienebereich, etwa bei Masken oder Desinfektionsmitteln.

Kurzarbeit ist durchaus eine Option

Ganz im Gegensatz zur Zahnärztekammer, die vor einigen Tagen auf ihrer Internetseite schrieb: „Wir verstehen die Sorgen und Nöte, denen die Zahnärztinnen und Zahnärzte zurzeit tagtäglich gegenüberstehen. Wir wissen, dass vielen Praxen die Schutzkleidung ausgeht oder manche bereits keine mehr haben – wir arbeiten mit Hochdruck an einer Lösung.“ Auch Zahnärzte leiden unter den Versorgungsengpässen bei Mundschutz und Desinfektion, aber auch unter wirtschaftlichen Sorgen. Viele von ihnen, so auch Georg Becker und Anja Dabers sind Unternehmer, haben Praxen zu leiten und Angestellte zu bezahlen. Becker spricht offen über das Problem.

„Wir denken über Kurzarbeit nach“, erklärt er. Er habe Einbrüche, die nicht zu verachten sind, und blickt dabei auch etwas enttäuscht auf die eigene Kammer. Es gibt Empfehlungen, wie man sich verhalten soll, aber es sind eben nur Empfehlungen.“ Viele Ärzte und Zahnärzte halten sich nicht daran und machen einfach weiter. Das liege aber auch daran, dass Zahnärzte aktuell nicht durch die milliardenschweren Wirtschaftshilfen von Bund und Ländern gefördert würden.

Die Bundeszahnärztekammer hat die Regierung bereits mehrfach aufgefordert, finanzielle Hilfen zuzusagen – bisher vergebens. Dabers und Becker planen zunächst bis Ostern. Danach müssen auch sie weitersehen, als Ärzte und als Unternehmer.

Mediziner massiv unter Druck

Auch der FDP-Landesvorsitzende René Domke hatte mehr Aufmerksamkeit für die prekäre Situation vieler zahnmedizinischer Praxen gefordert: "Zahnärzte sind mit Untersuchungen und Behandlungen im Mundraum einem möglichen Infektionsherd am nächsten, unabhängig davon ob die Patienten positiv sind oder nicht. Auch sie stehen wie andere niedergelassene Mediziner im Land aktuell unter massiven Druck." 

Auch sie müssten den aktuellen extremen hohen Schutzstandards genügen, wahrgenommen werde dies aber kaum, so Domke weiter. Daher müssten sich die Praxen, beim Versuch die nötige Schutzausrüstung zu organisieren, zu absurden Preisen auf dem leergefegten Markt versorgen, sagte der FD-Politiker und weiter "die zahnmedizinische Versorgung muss mit allen damit verbundenen Kosten aufrechterhalten werden, insbesondere für Schmerzpatienten.“

Dieser Artikel wurde am Samstag um die Aussagen des FDP-Landesvorsitzende René Domke aktualisiert.

 

 

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Anklam

zur Homepage