Meldepflichtiges Ereignis

Zwischenfall im alten Atomkraftwerk Lubmin

Bei Proben für eine neue Zerlegetechnik im Atomkraftwerk Lubmin hat es eine Verpuffung gegeben, die so gravierend war, dass der Vorfall an die zuständige Atombehörde gemeldet werden musste.
Gabriel Kords Gabriel Kords
dpa
Das Atomkraftwerk Lubmin war das größte in der DDR. Es ist seit 1990 nicht mehr in Betrieb und wird inzwischen zurückgebaut.
Das Atomkraftwerk Lubmin war das größte in der DDR. Es ist seit 1990 nicht mehr in Betrieb und wird inzwischen zurückgebaut. Stefan Sauer
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Lubmin.

Im stillgelegten Block Vier des Kernkraftwerks Lubmin bei Greifswald hat es am 26. April eine Verpuffung gegeben. Wie das Innenministerium in Schwerin erst diesen Montag mitteilte, war der Vorfall so gravierend, dass er der Atom-Aufsichtsbehörde gemeldet werden musste. Er habe allerdings die niedrigste Kategorie auf der Skala für atomare Störfälle – Meldestufe N – gehabt.

Das Kraftwerk war einst das größte in der DDR und ist seit 1990 stillgelegt. Es wird seit Langem zurückgebaut. Wie es in der Mitteilung der Schweriner Behörde heißt, habe man eine neue Zerlegetechnik unter Wasser an einem nicht radioaktiven Versuchskörper erprobt. Dabei sei es zu einer Verpuffung gekommen. Vor Ort seien auch ein Vertreter des Innenministeriums sowie Sachverständige gewesen.

Keine radiologischen Auswirkungen

Weiter schreibt das Ministerium: „Es gab weder Personen- und Sachschäden, noch radiologische Auswirkungen oder eine Gefahr für die Bevölkerung. Die Erprobung fand auch nicht im Bereich der abgestellten Castoren statt. Die Ursachenermittlung läuft.”

Innenstaatssekretär Thomas Lenz (CDU) beteuerte: „Die kerntechnische Sicherheit der Anlage stehen ebenso wie der Strahlenschutz des Personals und der Bevölkerung zu jeder Zeit im Mittelpunkt, deshalb ist es wichtig, dass Verfahren vor ihrer Anwendung erprobt werden.”

Weiter hieß es, der bundeseigene Kraftwerksbesitzer EWN habe das Ereignis der Aufsichtsbehörde am 2. Mai 2018 genehmigt und sich damit an die atomrechtlich vorgegebene Frist von fünf Werktagen gehalten. Auch alle übrigen erforderlichen Meldungen an Behörden seien erfolgt.

Warum die Öffentlichkeit jetzt über den Vorfall informiert wurde, teilte die Behörde nicht mit. Das atomare Zwischenlager, das sich direkt neben der Kraftwerksruine befindet, stand zuletzt wiederholt wegen Sicherheitsmängeln in der Kritik.

Dummy sollte probeweise zerlegt werden

Die Verpuffung hatte sich nach Angaben des bundeseigenen Betreibers EWN (Entsorgungswerk für Nuklearanlagen) im Beisein von Vertretern der Aufsichtsbehörde und Gutachtern bei einem genehmigten Versuchsaufbau für das Unterwasser-CNC-Schneiden mit einem nicht kontaminierten Versuchsteil im Kontrollbereich des Blockes 4 ereignet.

Um später ein kontaminiertes Bauteil - ein sogenanntes Havariestrukturstreuteil – zerlegen zu können, wurde ein Dummy gebaut, das probeweise zerlegt werden sollte, wie EWN-Anlagenleiter Volker Utke sagte. Zu Beginn der Arbeiten sei es dann zu einem knallartigen Geräusch und der Verpuffung gekommen. Die Arbeiten seien sofort abgebrochen worden.

Zur genauen Unfallursache können Behörde und Unternehmen noch keine Angaben machen. Ergebnisse sollen in spätestens sechs Wochen vorliegen. Der Test war nicht in dem bislang für Zerlegearbeiten genutzten Wasserbecken, sondern in einem mit Wasser gefüllten Revisionsschacht durchgeführt worden. Untersucht wird nun unter anderem, ob sich durch den Kontakt von Wasser- und Sauerstoff ein Knallgas gebildet, das dann verpufft sei.

„Der Vorfall ist ärgerlich"

Nach Angaben von EWN-Chef Henry Cordes handelte es sich bei der beim Probeschnitt eingesetzten Technologie um ein Standardverfahren. „Der Vorfall ist ärgerlich, weil das Unternehmen grundsätzlich viel Erfahrung in der Unterwasserzerlegung hat.„ Die Unterwasserzerlegung wird seit zwei Jahrzehnten angewandt, um große, radioaktiv belastete Reaktor-Komponenten in kleinere Einheiten zerlegen zu können.

Seit 2007 haben sich in den Bereichen der stillgelegten Blöcken nach EWN-Angaben damit insgesamt sechs meldepflichtige Vorfälle ereignet, davon drei in der Kategorie N, drei in der höheren Kategorie E, weil erhöhte Kontaminationswerte gemessen worden waren. Meldungen der höchsten Kategorie S habe es nicht gegeben.

Im Zwischenlager Nord, wo insgesamt 74 Castoren mit hochradioaktiven Abfällen lagern, war 2015 die Abluftanlage ausgefallen, ein Ereignis der Meldestufe N. Das Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) dokumentiert die Unfälle und Störfalle in seinen Jahresberichten. Zum Vergleich: 2015 gab es bundesweit 60 Unfälle und Störfälle in laufenden, gerade abgeschalteten oder stillgelegten Reaktoren. Bei allen Vorfällen in Lubmin gab es nach Angaben der EWN keine Personenschäden.

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