Neubrandenburg
Auf Kult folgt Insolvenz

Leslie Smith (rechts) und Matchbox-Erfinder Jack Odell (links) gründeten das Miniaturen-Imperium.

Jack Odell hieß der Tüftler, der 1952 Matchbox-Autos aus Metall entwickelte. Auf die Idee kam er durch seine Tochter Anne. In die Schule durften per Gesetz ...

Jack Odell hieß der Tüftler, der 1952 Matchbox-Autos aus Metall entwickelte. Auf die Idee kam er durch seine Tochter Anne. In die Schule durften per Gesetz nur Spielzeuge mitgebracht werden, die nicht größer als eine Streichholzschachtel, im Englischen „Matchbox“, waren. Deshalb bastelte er eine Mini-Dampfwalze, die winzig genug war, um sie darin unterzubringen. Bei den Klassenkameraden fand das Gefährt sofort großen Anklang und die Ära der Matchbox-Autos konnte beginnen.
Zu jener Zeit arbeitete Odell in der Modellbauwerkstatt der englischen Zinkguss-Firma Lesney, die 1947 von Leslie und Rodney Smith gegründet worden war. Die Modellloks, die sie bis dahin neben Türgriffen hauptsächlich produziert hatten, waren keine Kassenschlager. Simpler Grund war offenbar, dass sie für die junge Zielgruppe schlichtweg zu groß waren. Also meldete Odell seine stabilen Minifahrzeuge zum Patent an. Den durchschlagenden Erfolg sollte Lesney aber erst im darauffolgenden Jahr mit einer königlichen Kutsche erzielen.
Doch selbst damit gab es anfangs Probleme. Ursprünglich sollte das kleine Gefährt zum 15-jährigen Jubiläum der Thronbesteigung von George VI. am 12. Mai 1953 erscheinen. Der Monarch war jedoch kurz zuvor unerwartet verstorben. In der hunderttausendfach hergestellten Version befanden sich jedoch jetzt mit König und Königin zwei Figuren. In der Krönungskarosse durfte Elisabeth II. aber nur noch allein Platz nehmen. Die Lösung war aufwendig aber effektiv: Aus sämtlichen Kutschen wurde der Miniaturkönig entfernt. Fast vollständig, nur bei genauer Betrachtung des Originals sind neben der Königin noch ein Paar Schienbeine zu erkennen.

Erste Miniaturen im Zigarettenladen verkauft

Die achtspännige Kutsche „Coronation Coach“ verkaufte sich überraschend gut. Für Odell Anlass genug, an einer Reihe von weiteren Spielzeugfahrzeugen aus Metall zu arbeiten. Anfangs gab es lediglich vier. Neben der Walze wurden ein Muldenkipper, ein Trecker und ein Zementmischer ins Programm aufgenommen. Alle waren in einer pfiffigen gelben Schachtel verpackt und wurden in Süßwarengeschäften und Zigarettenläden verkauft, das Stück für siebeneinhalb Pence, heute etwa 87 Cent.
Das Erfolgsgeheimnis neben dem günstigen Preis war einfach: Kinder konnten die Spielsachen im Kleinformat mit einer Hand leicht umfassen. Außerdem lag die wahre Schönheit der Minirepliken in ihrer Präzision. Sie waren eine exakte Nachbildung des Originals, bis hin zu Details wie Armaturenbrett und Scheibenwischer. Mitunter bestanden Matchbox-Autos so aus über 100 Einzelteilen. Als die Firma größer wurde, flogen Firmenexperten rund um die Welt, um Fotos von Originalfahrzeugen zu schießen und Maß zu nehmen. Damit wurde sichergestellt, dass die Spielzeugautos im Maßstab 1:64 dem großen Vorbild genau entsprachen. Die Autohersteller kooperierten gern und freuten sich über die kostenlose Werbung.

Eine Million Fahrzeuge in einer Woche produziert

Zur ersten Matchbox-Serie „1 bis 75“ gehörten Nutzfahrzeuge und Baumaschinen. Tanklaster, Kranken- und Wohnwagen, aber auch ein Londoner Bus waren dabei. Sie erschienen bis 1959. Daneben wurden Limousinen wie der Citroën DS 19, der Aston Martin DB 2, der Rolls Royce Silver Cloud oder ein Ford Thunderbird zu beliebten Rennern. Jedes Jahr kamen weitere Fahrzeuge heraus. Zudem nahm Lesney sogenannte „King Size Modelle“ im Maßstab 1:43 in die Angebotspalette auf.
Ab 1956 gesellten sich noch die „Models of Yesteryear“ hinzu. Meist waren dies Pkws und Transporter aus der frühen Automobil-Ära zwischen 1910 und 1935 oder alte Dampffahrzeuge und Pferdefuhrwerke.
Während sich Leslie Smith um die geschäftlichen Dinge kümmerte, war Odell – inzwischen nach Rodney Smiths Ausstieg zum Geschäftspartner aufgestiegen – für das Design und die Herstellung verantwortlich. Innerhalb kürzester Zeit avancierte Matchbox zur bekanntesten britischen Spielzeugmarke.
1962 berichtete Odell in einem Interview mit der New York Times, dass Matchbox pro Woche eine Million Spielzeugautomobile auf den Markt bringe. Die Firma machte die Inhaber so zu Millionären. Ende der 1960er Jahre wurden die Fahrzeuge mit dem Stempel „Made in England“ in 13 Fabriken von 6000 Angestellten produziert. Die Autos eroberten sogar den US-Markt. Doch 1968 bekam das Unternehmen ernsthafte Konkurrenz von Mattels „Hot Wheels“, die in Hongkong unter billigen Arbeitslöhnen produziert wurden. Im Gegensatz zu den Matchbox-Autos hatten diese neuen Modelle der Amerikaner fast reibungslos laufende Achsen und erreichten höhere Geschwindigkeiten.
Lesney reagierte, stattete seine Modelle ebenfalls mit verbesserten Laufeigenschaften aus und vertrieb sie unter dem Namen „Matchbox Superfast“. Von 1969 bis 1982 lief die Herstellung weiter in Großbritannien. Die kleinen Metallflitzer reiften zu echten Kultobjekten heran.

Ein Kultobjekt verliert an Interesse

1973  zog sich Odell aus dem Tagesgeschäft zurück. Eine stärker werdende Konkurrenz und nachlassendes Interesse an handlichem Spielzeug ohne Batterien besiegelten den Niedergang. 1982 waren die finanziellen Schwierigkeit derart gewachsen, dass Lesney Konkurs anmelden musste. Die Rechte an der Marke wurden an Universal Toys verkauft, die 1992 von Tyco Toys übernommen wurden. Die wiederum gingen 1997 in Mattel auf. Heute befindet sich Matchbox im gleichen Besitz wie der langjährige Rivale „Hot Wheels“. Aber beide werden weiterhin produziert. Insgesamt wurden 12000 Matchbox-Modelle angefertigt. Die Gesamtzahl aller Fahrzeuge summiert sich auf über drei Milliarden.
Mittlerweile sind unter Sammlern die frühen Dampfloks aus der Regular Wheels-Periode 1 bis 75 besonders gefragt. Falls die Autos noch in der Originalverpackung stecken und keinerlei Gebrauchsspuren aufweisen, werden sie in Sammlerkreisen als „mint boxed“ bezeichnet und erzielen Höchstpreise. Teilweise können sie bei Auktionen fünfstellige Summen erreichen.
Ab 1963 fertigte übrigens die Lüdenscheider Firma Siku ebenfalls Mini-Fahrzeuge.