Wolf Biermann sang im Juli beim Festakt zur Übergabe seines Archivs an die Staatsbibliothek zu Berlin. Foto: Bernd von Ju
Wolf Biermann sang im Juli beim Festakt zur Übergabe seines Archivs an die Staatsbibliothek zu Berlin. Foto: Bernd von Jutrczenka
Wolf Biermann

DDR-Liedermacher feiert 85. Geburtstag

Er ist ein deutsch-deutscher Dichter. Der Liedermacher Wolf Biermann kennt sich in den Welten Ost und West aus, mit und ohne Mauer. Nun wird er 85 – und kaum leiser.
dpa
Berlin

Es gibt einige Menschen, die haben das unterschiedliche Leben in Ost und West kennengelernt. Aber kaum jemand hat über Anspruch und Realitäten, Widersprüche und Widerstände in den beiden deutschen Staaten DDR und BRD so viel geschrieben und gesungen wie Wolf Biermann. Songs wie „Ermutigung“ mit dem kämpferischen Einstieg „Du, lass dich nicht verhärten / In dieser harten Zeit“ oder „Warte nicht auf bessre Zeiten“ sind Klassiker des Aufbegehrens gegen Obrigkeiten. Heute wird der deutsch-deutsche Liedermacher 85 Jahre alt.

Zwischen Berlin und Hamburg hin und her gerissen

Er lebt in Hamburg, feiert in Berlin. „Das Thema ist unlösbar. Der Wolf ist ein Hamburger und Biermann ist ein Berliner“, sagt der Lyriker beim Gespräch in Berlin. „Das Schöne ist, dass die Frage Hamburg oder Berlin inzwischen keine Religionsfrage mehr ist auf Leben und Tod, sondern so schön privat geworden ist seit der Wiedervereinigung.“

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Apropos Religion. Biermanns jüngstes Buch „Mensch Gott!“ befasst sich ausgiebig mit dem Thema. Eine Altersfrage für denAtheisten? „Mit meinem Alter hat das überhaupt nichts zu tun“, widerspricht er. „Seitdem ich Gedichte und Lieder schreibe, befinde ich mich in einem Disput mit Gott, an den ich allerdings nicht glaube.“ Er schreibe in der deutschen Sprache, die nur verstehen könne, wer Martin Luthers Werk gut kenne. „Er ist der Schöpfer unserer deutschen Sprache. Egal ob jemand an Pflaumenmus oder an die Liebe glaubt, er muss Luther lesen und gerät so automatisch in diesen Disput.“

Biermann will neben Bertolt Brecht beerdigt werden

Alter ist auch ein Hinweis auf Endlichkeit. Er möchte dann einen Platz auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin. Dort erwarten ihn Bertolt Brecht, Heiner Müller, Anna Seghers, Helene Weigel, Hanns Eisler und Stephan Hermlin. „Wenn ich irgendwann mal begraben werden muss, möchte ich gerne dort leben, wo ich wirklich viele vertraute Freunde habe und auch treue alte Feinde, mit denen ich mir die Zeit vertreiben kann, wenn ich tot bin.“

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Freunde und Feinde sind Teil seines Lebens. Der in Hamburg Geborene zog 1953 in die noch junge DDR. In Ost-Berlin kann er am Theater seines Vorbilds Bertolt Brecht arbeiten, wird von Hanns Eisler gefördert. Biermann bot mit seinen poetischen wie subversiven Liedern den Machthabern mutig und anhaltend die Stirn. 1965 kam das Berufsverbot. Die Auseinandersetzungen mit Staat und Partei gipfelten 1976 in seiner Ausbürgerung, die in Ost und West einen Sturm der Entrüstung auslöste. Eine Protestresolution gegen die Ausbürgerung liest sich wie eine Top Ten der DDR-Literatur. Bis heute wird der Rauswurf des Sängers häufig als Anfang vom Ende der SED-Diktatur interpretiert.

Viel Verständnis für die Ostdeutschen

Den Systemwechsel musste er verdauen. „Ich brauchte viele Jahre, um die Demokratie unserer Gesellschaft zu lernen.“ So hat er heute viel Verständnis für die unterschiedlichen Entwicklungen im geeinten Deutschland. „Die Ostdeutschen haben eben das Pech, dass sie nicht eine Diktatur hinter sich haben, sondern zwei Diktaturen.“ Das brauche Zeit. „Die Verwüstungen in den Menschen sind komplizierter, komplexer und langwieriger.“

Über die Jahrzehnte hat Biermann ein enormes Werk geschaffen: 24 Alben, mehr als 40 Publikationen von Gedichten, Übersetzungen, Nachdichtungen, Essays, Noten, Hörbüchern. In mehr als 100 Kisten hat er sein privates Archiv bereits der Staatsbibliothek Berlin vermacht. „Ich habe viel mehr erlebt, als ich schreiben kann. Ich habe auch viel mehr erlebt, als ich begreifen konnte.“ Da gehe es ihm wie den meisten Menschen. „Ich gehöre zu den Dichtern, die sich nichts ausdenken.“

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