Die Zeitzeuging Gitta Kappe steht am „Grenzdenkmal Hötensleben” vor einem ehemaligen Wachturm.
Die Zeitzeuging Gitta Kappe steht am „Grenzdenkmal Hötensleben” vor einem ehemaligen Wachturm. Klaus-Dietmar Gabbert
Die Grenze wurde geschlossen, als Gitta Kappe gerade auf der für sie falschen Seite war.
Die Grenze wurde geschlossen, als Gitta Kappe gerade auf der für sie falschen Seite war. Klaus-Dietmar Gabbert
Am 26. Mai 1952 war die Gitta Knappe in Schöningen in der BRD bei der Arbeit, sie war als Kinder- und Hausmädchen de
Am 26. Mai 1952 war die Gitta Knappe in Schöningen in der BRD bei der Arbeit, sie war als Kinder- und Hausmädchen der gute Geist in einer Arztfamilie. Klaus-Dietmar Gabbert
Am 26. Mai 1952 wurde die deutsch-deutsche Grenze geschlossen.
Am 26. Mai 1952 wurde die deutsch-deutsche Grenze geschlossen. Klaus-Dietmar Gabbert
Die vier Kilometer bis in ihren Heimatort Hötensleben fuhr Gitta Knappe immer mit dem Fahrrad, erinnert sich die heute 90
Die vier Kilometer bis in ihren Heimatort Hötensleben fuhr Gitta Knappe immer mit dem Fahrrad, erinnert sich die heute 90-Jährige. Zu Hause, das waren ihre Eltern und ihr Verlobter. Klaus-Dietmar Gabbert
Deutsche Geschichte

Als die DDR vor 70 Jahren die Grenze schloss

Viele haben den Bau der Berliner Mauer als Zeichen für die deutsch-deutsche Teilung vor Augen. Deutlich früher aber machte die DDR die innerdeutsche Grenze dicht.
dpa
Schöningen

Die Grenze wurde geschlossen, als Gitta Kappe gerade auf der für sie falschen Seite war. Am 26. Mai 1952 war die damals 20-Jährige in Schöningen in der Bundesrepublik bei der Arbeit, als Kinder- und Hausmädchen war sie der gute Geist in einer Arztfamilie. Die vier Kilometer bis in ihren Heimatort Hötensleben in der DDR fuhr sie immer mit dem Fahrrad, erinnert sich die heute 90-Jährige. Zu Hause, das waren ihre Eltern und ihr Verlobter. Für Gitta Kappe war klar: „Ich wollte nach Hause.“

Vor 70 Jahren, vom 26. Mai 1952 an, riegelte die DDR-Staatsführung aber endgültig die innerdeutsche Grenze ab. Es war der Beginn eines immer strikteren Grenzregimes. Nach einfachen Zäunen und Bewachung kamen später Signalzäune, Minen und Selbstschussanlagen hinzu. Die DDR wollte Fluchten in den Westen verhindern, doch das kostete viele Menschen, die es doch versuchten, das Leben. Tausende wurden zudem in Nacht- und Nebelaktionen aus Orten an der geschlossenen Grenze zwangsumgesiedelt.

Gedenken an Opfer des Grenzregimes

In Hötensleben, wo die ehemalige Grenzanlage weitgehend im Originalzustand erhalten ist, wird am 26. Mai bei einer Gedenkstunde an die Opfer des Grenzregimes der DDR erinnert. Das Grenzdenkmal Hötensleben ist Teil der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn am ehemals größten deutsch-deutschen Grenzübergang an der Autobahn 2. Auch Gitta Kappe will bei dem Gedenken dabei sein.

Nachdem sie als Kinder- und Hausmädchen im Westen ausharren musste, sagte ihr Verlobter eines Tages „Du kannst kommen“ – so erinnert sie sich. Und ihr Kommentar dazu lautet heute: „Ich Dumme!“. Nicht nur, dass die Grenzsoldaten sie erstmal eingesperrt hätten und sie lange keinen Ausweis mehr hatte: Sie glaubt, dass sie gut ein Leben im Westen hätte führen können. Stattdessen arbeitete sie in einem Lebensmittelladen in Hötensleben, lebte Jahrzehnte mit Blick auf die Grenze.

Viele Familien traf es hart

An welche Einschränkungen erinnert sie sich besonders? „Man hatte keine Bekannten aus anderen Orten“, sagt die 90-Jährige. Sie habe überall hinfahren können innerhalb der DDR, habe aber im „Sperrgebiet“ an der Grenze selbst keinen Besuch empfangen dürfen. Wegziehen aus dem Ort, in dem sie geboren und aufgewachsen war, wollte sie nicht.

Manche Familien traf es noch härter: Sie wurden zwangsweise umgesiedelt. 1952 und nach dem Bau der Mauer 1961 wurden nach Schätzungen von Historikern etwa 12.000 Menschen in Nacht- und Nebelaktionen aus dem unmittelbaren Grenzgebiet der DDR zu Westdeutschland ins Hinterland gebracht. Die DDR-Operationen trugen zynische Tarnnamen wie „Aktion Ungeziefer“, „Aktion Kornblume“ oder „Aktion Blümchen“.

Grenzöffnung erkämpft

Oft wurden die Betroffenen denunziert, die DDR-Staatsführung bewertete sie als „politisch unzuverlässig“. In Thüringen, wo etwa die Hälfte der ehemaligen DDR-Grenze zu Westdeutschland verlief, betraf das nach Schätzungen des Bundes der in der DDR Zwangsausgesiedelten etwa 4200 Menschen. In vielen Fällen war nach Verbandsangaben nach der Wiedervereinigung eine Rückgabe des verlorenen Eigentums nicht möglich, weil Häuser abgerissen oder Immobilien verkauft waren. Thüringen legte deshalb bereits in den 1990er Jahren im Alleingang eine Zwangsausgesiedelten-Hilfe auf.

1989 erkämpften sich die DDR-Bürger die Öffnung der Grenzen – in Berlin wie an der Grenze zu Westdeutschland. „Das konnte man gar nicht fassen, dass es noch mal anders wird“, sagt Gitta Kappe heute. Sie machte sich auf nach Schöningen, das sie von Hötensleben all die Jahre sehen, aber nicht erreichen konnte. Kontakt zu „ihren Kindern“ bei der Arztfamilie hatte sie über die Jahrzehnte mit Briefen und Päckchen gehalten. Als dann die Mietwohnung in Hötensleben verkauft wurde und sie ausziehen musste, zog sie schließlich doch nach Schöningen – mitten in Deutschland.

Grenzturm wird saniert

Auch im Vogtland wird dieser Tage an die Grenzschließung erinnert. „Die Teilung Deutschlands zerstörte nicht nur das gesamte gesellschaftliche Leben einer zusammengehörenden Region und brachte persönliches Leid, Schicksale und Todesopfer an dieser Grenze mit sich, sie teilte auch einen freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat von einer kommunistischen Diktatur. Erst die Friedliche Revolution 1989, besonders auch hier in Plauen, beendete diese bitteren Erfahrungen unserer Bevölkerung“, sagt der Landrat des sächsischen Vogtlandkreises, Rolf Keil.

Deshalb sei wichtig, dass im Deutsch-Deutschen Museum in Mödlareuth in Thüringen diese Geschichte sichtbar gemacht wird und Sachsen mit der Einbeziehung des Grenzturms Heinersgrün einen Anteil einbringt. „In einer Zeit, in der wieder einmal ein Diktator ein Nachbarland mitten in Europa kriegerisch überfällt, ist das Wachhalten der Geschichte, insbesondere für unsere jüngeren Generationen, besonders wichtig“, betont Keil. Der Turm in Heinersgrün wird derzeit mit einem Aufwand von rund 200.000 Euro saniert.

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