VORFALL IN KREUZBERG

Berliner Polizei wegen Angriff in Erklärungsnot

Als die Polizei in Berlin einen mutmaßlichen Fahrraddieb stellen wollte, eskalierte die Situation. Die Polizisten wurden mit Gegenständen beworfen und gingen dann offenbar selbst zum Angriff über.
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Ein Einsatz der Polizei in Berlin lief aus dem Ruder. Offenbar wurde die Polizei erst angegriffen, hat dann aber unverhältnismäßig darauf reagiert.
Ein Einsatz der Polizei in Berlin lief aus dem Ruder. Offenbar wurde die Polizei erst angegriffen, hat dann aber unverhältnismäßig darauf reagiert. Twitter
Berlin.

„Drei Polizisten verletzt” steht über einer aktuellen Pressemeldung der Berliner Polizei. Darin geht es um einen Polizeieinsatz in Berlin Kreuzberg. Was verwundert: Auf Twitter kursieren parallel dazu Videos, in denen zu sehen ist, wie einer von mehreren Beamten am Boden fixierter Bürger von einem Polizisten mehrfach getreten wird. Von den Verletzungen, die er dabei davongetragen haben dürfte, ist weder in der Überschrift, noch im Rest des Textes die Rede – auch nicht von dem Angriff durch die Polizei.

Aber der Reihe nach: Am Donnerstagnachmittag hatte ein Zeuge die Polizei nach Kreuzberg gerufen, weil er einen 22-jährigen mutmaßlichen Fahrraddieb wiedererkannt hatte. Die Beamten nahmen die Personalien des jungen Mannes auf und waren bereits in Begriff, ihre Streife fortzusetzen, als der Mann erneut auf den Einsatzwagen zukam.

Laut Darstellung der Polizei trat er dann gegen das Polizeiauto und riss die hintere Tür auf. Die Polizisten nahmen ihn fest. Bereits zu diesem Zeitpunkt hätten sich mehrere Personen um das Geschehen herum versammelt. Kurz darauf seien die Beamten aus der Gruppe heraus mit Steinen, Blumentöpfen, Aschenbechern und Glasflaschen beworfen worden.

Vier Männer vorläufig festgenommen

Erst als die herbeigerufenen Unterstützungskräfte eintrafen, beruhigte sich die Lage, so die Beamten. Die Polizisten nahmen vier Männer im Alter von 16 bis 36 Jahren vorläufig fest und brachten sie zur erkennungsdienstlichen Behandlung in eine Gefangenensammelstelle. Insgesamt erlitten drei Beamte Verletzungen, die in Kliniken ambulant behandelt werden mussten.

Hier endet die Pressemitteilung. Die Pressestelle der Berliner Polizei war am Freitag für eine Stellungnahme auch nach mehrfachen Versuchen nicht zu erreichen, verteidigte den Vorfall aber auf Twitter: „Kursierende Videos zeigen lediglich einen Ausschnitt der Geschehnisse zu einem Zeitpunkt, an dem unsere Kolleg. bereits angegriffen worden waren.”

Dies lässt zwei Schlussfolgerungen zu. Zum einen scheint das Video tatsächlich echt und zumindest einen Teil des Einsatzes zu zeigen. Zum anderen soll offenbar der vorangegangene Angriff durch den Bürger, die anschließende Gewalt gegen ihn rechtfertigen.

Es fällt schwer, dieser Argumentation zu folgen und auch auf Twitter ist die Empörung darüber groß:

Internetnutzer verteidigen Verhalten der Polizei

Auch die gut gemeinten und berechtigten Genesungswünsche an die Kollegen wirken für einige wie Hohn. „Wir wünschen den verletzten Kollegen gute Besserung und hoffen, dass alle eingesetzten Kräfte das Geschehene gut verarbeiten”, twittert die Polizei. Denn davon, dass auch der mutmaßliche Fahrraddieb einiges zu verarbeiten haben dürfte, ist kein Wort zu lesen.

Inzwischen ist auch ein weiteres Video von dem Vorfall aufgetaucht:

Gerade auf der Nordkurier Facebook-Seite häufen sich aber auch die Stimmen, die den Einsatz und das Verhalten der Polizei als gerechtfertigt empfinden. Der Tenor: Wer die Polizei angreift, muss mit solch heftigen Gegenmaßnahmen rechnen.

Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung

Schließlich scheint der öffentliche Druck jedoch Wirkung gezeigt zu haben. Am frühen Freitagnachmittag teilte die Polizei Berlin mit, dass ein Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung im Amt eingeleitet wurde.

Um 15 Uhr schaltete sich dann auch die Berliner Polizeigewerkschaft mit einem Statement in die Diskussion ein. „Wir kennen die kursierenden Aufnahmen und wir brauchen nicht lang darum herumreden, dass uns die Bilder nicht gefallen. Es wäre aber anmaßend, unsere Kollegen anhand bloßer Videosequenzen zu bewerten.“

Dieser Artikel wurde am Freitag, 28. September 2018, mehrfach aktualisiert.

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Kommentare (1)

Es ist wieder einmal mehr ersichtlich welche rechte Gesinnung, Populismus und rechte Hetze die GdP vom Stapel lässt. Ohne Ermittlungsergebnisse abzuwarten, wie auch im Neubrandenburger Kioskfall prescht die GdP wieder mit vorschnellen Äußerungen vor. Warum muss die GdP die Berliner Polizei denn verteidigen, wenn doch wie immer alles mit rechten Dingen zugegangen sein soll? Nachdem sich wieder einmal die ganze Brutalität, die menschenverachtende Polizeigewalt der Berliner Polizei gezeigt hat, ist es doch sehr vorschnell hier wieder ein Statement zu schreiben, wo die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind - was herauskommt wissen wir alle, das mal wieder mit Notwehr haussieren gegangen wird, Staatsanwälte ohnehin wieder Polizeigewalt mit großzügigen Auslegungen der Gesetze das Unrecht zum Recht erheben, die Polizei weiter ungestraft sich als brutale Institution aufführen darf und wie immer es zu keinen Konsequenzen kommen wird. Naja, dann können die "Rechtfertiger der Polizeigewalt" wieder im Chor ihre Platte herunterleiern mit der "verrohrten Gesellschaft“, wenn ein Beamter bei einem Einsatz ein Bein gestellt bekommt, dann können die Staatsanwälte wieder durchdrehen und versuchten Mord anklagen. Warum äußert sich denn die Berliner Polizei nicht dazu? Oder hat man einfach für die Brutalität keine Erklärung mehr parat um dem Bürger wieder die Machtdemonstration des Staates zu zeigen? Weil die Polizei offenbar mal bei ihrer Brutalität gefilmt wurde? Aber bei diesen Aktionen, die die Polizeigewalt betreffen ist man als Polizeibehörde ja immer zu feige zu antworten.