Corinna Harfouch möchte Theater spielen und drehen – aber nicht mehr so viel.
Corinna Harfouch möchte Theater spielen und drehen – aber nicht mehr so viel. Paul Zinken
Interview

Corinna Harfouch – „Osten lässt sich nicht so richtig in den Griff kriegen“

Loslassen, festhalten, Ost, West: Schauspielerin Corinna Harfouch erzählt im Interview über das Leben als Ostdeutsche, das Älter werden und warum sie jetzt doch im Tatort mitspielt.
Berlin

Corinna Harfouch ist die Hauptdarstellerin des Films „Das Mädchen mit den goldenen Händen“, der in einer ostdeutschen Kleinstadt spielt und Mitte Februar in die Kinos kommt. André Wesche hat sich mit der Künstlerin über Frauen aus der DDR, über Identität und über den Missbrauch des Begriffs „Solidarität“ unterhalten.

Frau Harfouch, wenn einem eine Kollegin ein Drehbuch anbietet, ist man dann sehr erleichtert, wenn es richtig gut ist? Andernfalls wäre es ja irgendwie peinlich …

(Lacht) Ich kannte Katharina Marie Schubert vom Deutschen Theater, wo wir in Gorkis „Wassa Schelesnowa“ zusammen gespielt haben. Ich schätze sie sehr, auch als besonders kluge Kollegin. Dann hat sie mir dieses Buch gegeben. Ich hatte das Gefühl, dass das jemand aus dem Osten geschrieben hat. Als gäbe es die Kenntnis einer bestimmten Stimmungslage. Das fand ich sehr beeindruckend.

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Katharina hat sehr darauf gebaut und vertraut, dass so viele Menschen wie möglich aus dem Osten beteiligt sind. Das Drehen war dadurch auch so herrlich, weil es wie ein Klassentreffen war. Es herrschte eine fantastische Atmosphäre, auch durch die Besetzung.

Im Film treffen Personen mit unterschiedlichen Ansichten aufeinander, die man aber alle irgendwie verstehen kann. Fällt es Ihnen mit zunehmender Lebenserfahrung leichter oder schwerer, eine Position einzunehmen?

Schwerer. Erst mal glaube ich, dass mein Beruf darin besteht, mich in sehr verschiedene Ansichten, Leben und Charaktere einzufühlen und einzudenken. Das hat sich inzwischen in einer Art und Weise in mir ausgebreitet, dass es mir sehr schwer fällt, so richtig: „Nein!“ zu etwas zu sagen. Mich interessieren Fragen wie: „So denkt er, aha. Wie kann das sein? Wie denkt sie? Wo kommt das her?“ Diese Fragen begleiten mich pausenlos.

Ich höre sehr gern zu. Dinge zu beurteilen ist heutzutage wirklich ein Sport. Jeder kann irgendwie ganz viel beurteilen. So krass, dass man staunt: „O Gott, woher weißt du denn das alles?“ Das fällt mir mit mehr Lebenserfahrung schwerer, muss ich sagen.

Hatten Sie in der Zeit der Filmhandlung, also um 1999, auch Schwierigkeiten mit dem Loslassen und dem Festhalten?

Dass man das in dieser Zeit so wahrgenommen hätte, glaube ich eben eher nicht. Aber ich denke schon, dass in dieser Zeit oder in der Zeit davor unendlich viele und grobe Fehler gemacht worden sind, die man nicht alleine damit entschuldigen kann, dass alles so schnell gehen musste. Kein Mensch weiß, warum das alles so schnell gehen musste und warum alles Mögliche geopfert wurde.

Ich habe neulich einen Film von meiner Freundin Sabine Michel gesehen. Sie hat eine Dokumentation über die Frauen im Osten gemacht. Die Frauen im Osten waren nach der Wende einfach stark. Sie waren fast alle berufstätig, sie hatten etwas vor und haben sich etwas vorgestellt. Und sie dachten selbstverständlich, dass ihre Rechte aus der DDR bleiben und noch ein paar mehr dazu kommen. Dafür haben sie auch gekämpft. Sie wurden dann von Männern zurückgescheucht, die damals ja meistens Politik gemacht haben und diejenigen waren, die wirklich etwas zu sagen hatten. Und das auf eine Art und Weise, die sehr verblüffend war. Keine Frau hatte damit gerechnet, dass es so wird, dass du arbeitslos bist, plötzlich eine Hausfrau sein sollst und nicht darüber bestimmen darfst, wann du deine Kinder bekommst und wann nicht. Dass du plötzlich alle möglichen Rechte verlierst. Das war unglaublich.

In einem Höhepunkt des Films spricht Gudrun davon, dass man den Menschen im Osten alles weggenommen hat, was einmal von Wert war und die Lebensleistung der Menschen nicht gewürdigt wird. Sie stellt die Frage, ob es nicht etwas dazwischen geben kann. Spricht sie Ihnen damit aus der Seele?

Absolut. Und von heute aus gesehen scheint das der Dreh- und Angelpunkt zu sein: Dass sich der Osten nicht so richtig in den Griff kriegen lässt und dass die Leute sich alle möglichen Widerstandsnischen suchen. Als Ostmensch ist die Karriere nicht glatt durchgegangen, bei keinem von uns. Das macht eine Lebenserfahrung aus, dass man nicht grundsätzlich auf „die da“ vertrauen kann. Das konnte man vorher nicht und dann hat sich herausgestellt, dass man es jetzt auch wieder nicht konnte. Diese Erfahrung, die es im Osten sehr, sehr häufig gibt, macht so etwas Widerständiges aus.

Ich traue mich kaum, es zu sagen. Aber wir trauen uns ja sowieso im Moment kaum etwas zu sagen. Das ist auch so schrecklich und erinnert einen furchtbar an alles Mögliche. Die Menschen im Osten empfinden das Gefühl möglicherweise stärker als die im Westen, dass etwas komisch daran ist, dass wir plötzlich alle die gleiche Impfung kriegen und plötzlich Worte wie „Solidarität“ auf eine Weise missbraucht werden, dass es einem schaudert und man sich fragt: Wie kann man denn das ganze Alphabet nach rückwärts drehen? Das kann doch gar nicht sein.

Haben Sie Angst vor einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft?

Angst würde ich das nicht nennen. Angst habe ich persönlich nicht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das so noch lange gut geht. Wieso sollen sich die Leute das alles wie die Schafe gefallen lassen? In allen möglichen Sparten dieses Lebens gibt es so große Ungerechtigkeit, so großes allein gelassen Sein, so viel über den Mund gefahren Werden.

Der deutsche Mensch ist leider sehr, sehr träge in seinem Bedürfnis, sich nichts gefallen zu lassen. Wir sind nicht Frankreich. Wir haben diese große Erfahrung eben nie gemacht, wir haben nie eine große Revolution zustande gebracht. Die Geduld der Leute ist grenzenlos. Ich warte. Ich weiß auch nicht, wie und mit welcher Art von Gewalt der Staat darauf reagiert, wenn die Demonstrationen größer und mehr werden. Ich bin gespannt, was dann passiert. Da habe ich dann doch Angst.

Fühlen Sie sich manchmal entwurzelt?

Ich habe mich entwurzelt gefühlt. Ich hatte eine Zeit lang einen Partner aus dem Westen. Das war ein ganz anderer Lebensstil. Das war in München und da ist mir plötzlich aufgefallen, dass ich mein Zuhause verloren habe. Ich musste wieder wissen, wo ich hingehöre, das braucht man als Mensch. Das war vor 15 bis 20 Jahren ein ganz, ganz starkes Gefühl für mich. Ich habe mir ein Haus in der Schorfheide gekauft und bin hier sehr zu Hause. Dieses Gefühl der Entwurzelung kann ich hier nicht haben, das ist unmöglich. Ich bin umgeben von Familie, Nachbarn und Freunden. Ich habe Projekte hier in der Nähe, meinen Theaterverein. Ich fühle mich hier sehr verbunden.

Haben Sie auch ein geheimes Drehbuch in der Schublade?

Nein. Meine Talente liegen wirklich woanders. Wenn ich in Form bin, kann ich ganz gut erzählen. Ich kann, hoffentlich, da und dort ganz gut spielen. Ich kann auch noch ein paar andere Sachen. Aber ein Drehbuch schreiben? Nein.

Ich führe ab und zu am Theater Regie. Es ist gut, das ab und an zu machen, weil man einen absoluten Perspektivwandel hat. Ich komme gerade von einer Arbeit aus Hannover. Ich habe meine Regisseurin mal wieder unendlich bewundert für das, was sie da durchsteht. Das ist einer der schwierigsten Berufe, die ich mir vorstellen kann. Es ist unglaublich, was man da alles zusammenhalten muss und was man können muss.

Nun wartet das Abenteuer „Tatort“ auf Sie.

Oh ja! (lacht) Das war nicht meine Idee. Ich hatte bis dahin schon ab und an eine Kommissarin angetragen bekommen und habe immer Nein gesagt. Mir macht alles Angst, bei dem ich mich festlegen muss. Das ist schon seit der Schule so, als es hieß, man muss sich jetzt einen Beruf wählen. Die Vorstellung, die man damals hatte, war: „Dann macht man das sein Leben lang?“ Ich habe Angst vor solchen Festlegungen.

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Jetzt ist es aber so, dass ich eigentlich sehr viel weniger arbeiten möchte. Ich möchte noch weiter Theater spielen, aber nicht mehr so viel drehen. Das ist dann ein Maß, von dem ich mir vorstellen kann, es so ungefähr zu machen.

Das wäre sehr schade.

Das sage ich jetzt. Als ich noch nicht ganz 40 war, habe ich jemandem – es war dummerweise ein Journalist – erzählt, dass ich mit 40 aufhören will. Damals hatte ich so eine Phase. Es ist sehr peinlich, so etwas zu sagen.

Ich will mich auf mein Projekt, meine Familie, meine Enkel konzentrieren und ich will immer weiter Theater spielen. Dieses „Tatort“-Angebot finde ich fast ein bisschen lustig, weil ich doch schon 67 bin. Und dann krauche ich auf die Straßen Berlins und jage Verbrecher. Wir haben ein sehr gutes Konzept. Ich darf natürlich nichts davon verraten, aber ich bin sehr, sehr zufrieden damit, was da entwickelt wird. Es interessiert mich wirklich sehr.

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