KOMMENTAR

Das Impfdebakel entlarvt den deutschen Corona-Hochmut

Viel zu wenig, Riesen-Chaos bei der Organisation, als ob die Corona-Pandemie erst letzte Woche ausgebrochen wäre: Das Impfdebakel ist ein neues Scheitern der Regierung, findet unser Kommentator Jürgen Mladek.
Jürgen Mladek: Wahrscheinlich war das wieder mal eine Mischung aus überwuchernder Bürokratie, Überforderun
Jürgen Mladek: Wahrscheinlich war das wieder mal eine Mischung aus überwuchernder Bürokratie, Überforderung und Schlendrian (Symbolbild). FRED TANNEAU
Neubrandenburg.

Also gut, dann eben noch eine Runde nachsitzen. Ich werde die Lockdown-Verlängerung geduldig hinnehmen – wie Millionen andere übrigens auch – mit Grummeln vielleicht oder wachsendem Fatalismus, der ja auch nichts Gutes mit einem macht, aber Anderen geht es ja noch viel schlechter. Immerhin gibt es meinen Beruf noch, auch wenn es mir peinlich ist, dass die Kanzlerin in ihrer Neujahrsansprache neben den Menschen in Pflegeberufen und im ärztlichen Dienst auch die Arbeit in den Redaktionen gelobt hat.

Eine Regierung, die mit den Medien zufrieden ist – da stimmt doch etwas nicht! Und tatsächlich sind die hohen Zufriedenheitswerte mit der Arbeit der Regierung in der Bevölkerung nicht etwa mit deren Großartigkeit zu erklären (das war sie nämlich zu keinem Zeitpunkt!), sondern damit, dass sehr viele Medien ein überaus freundliches Bild von der Kompetenz der Verantwortlichen gezeichnet haben, und das wider viele Fakten.

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Auf „Corona-Versager“ herabgeblickt

Dazu kommt, dass Nationalstaaten offensichtlich eine tiefe kollektive Sehnsucht in sich tragen, besser als die anderen zu sein. Was wurde da nicht stolz mit den jeweiligen Zahlen herumgewedelt, mit größter Verachtung auf „Corona-Versager“ wie die USA oder Großbritannien herabgeblickt. Kein deutsches Phänomen, andere Staaten hielten ihren Weg auch für besonders schlau. Inzwischen ist Deutschland selbst Corona-Sorgenkind geworden, aber noch immer fühlen sich deutsche Politik und in deren Fahrwasser staatsfromme Medien haushoch überlegen. Moralisch wie epidemiologisch.

Dabei wurde bei uns das Virus am Anfang genau so verharmlost wie in den USA – unter anderem von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und dem später gefeierten Corona-Warner Christian Drosten. Und die erbärmliche Ausstattung mit Schutzausrüstung – schon vergessen? Schließlich die komplette Arbeitsverweigerung beim Schutz von Pflegeeinrichtungen über Monate hinweg – kein Skandal?

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Im August wurde daran kein Gedanke verschwendet, im September nicht darüber gesprochen, im Oktober nichts gemacht, im November wieder nicht daran gedacht, und erst im Dezember wurde dann beschlossen, dass man ohne negativen Schnelltest nicht mehr in solche Einrichtungen darf. Aber die Schnelltests mussten dann erst bestellt werden. Im Dezember! Schützt man so jedes Menschenleben?

Als ob die Pandemie erst letzte Woche ausgebrochen wäre

Und jetzt, neues Scheitern, das Impfdebakel. Viel zu wenig, Riesen-Chaos bei der Organisation, als ob die Pandemie erst letzte Woche ausgebrochen wäre. „Ich halte die derzeitige Situation für grobes Versagen der Verantwortlichen“, sagte die Neurologin Frauke Zipp. Sie ist Direktorin der Klinik für Neurologie an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz und berät die rheinland-pfälzische Landesregierung.

Die Kanzlerin hatte die Bestellung von Impfstoffen der EU überlassen; das ist diese Einrichtung, die erst eine Woche nach Großbritannien mit den Impfungen begann und der mit Ursula von der Leyen eine Frau vorsteht, die nicht mal zur Wahl stand. Zipp jedenfalls ist der Meinung, dass diese EU zwingend schon im Sommer erfolgsversprechende Impfstoffe für 60 Prozent der Bevölkerung hätte bestellen müssen.

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„Wenn es um Leben und Tod geht und es gibt mehrere Optionen zur Rettung – und man weiß noch nicht, welche funktioniert – dann verfolgt man doch alle, wenn man kann, und nicht alle ein bisschen.“ Zu viel bestellten Impfstoff hätte man an arme Länder verschenken können. Wenn, ja wenn wirklich die Rettung von möglichst vielen Menschenleben im Mittelpunkt gestanden hätte.

Ich will damit nicht fehlenden guten Willen unterstellen. Wahrscheinlich war das wieder mal eine Mischung aus überwuchernder Bürokratie, Überforderung und Schlendrian. Aber eines weiß ich: Wenn die Krise vorbei ist, werde ich das alles nicht möglichst schnell vergessen. Sondern bis zu den Wahlen, falls wir da nicht immer noch in der Misere stecken, daran denken, wer da wie agiert hat. Und noch sehr viele Fragen stellen.

Mehr lesen: Die Kritik an der Bundesregierung reißt nicht ab. Leere Impfzentren bei steigenden Infektionszahlen, und das, obwohl ein wirkungsvoller Impfstoff gegen das Coronavirus zur Verfügung steht. Hätte dies verhindert werden können? Nordkurier-Reporter Carsten Korfmacher beantwortet hier die wichtigsten Fragen zu dem Thema.

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Kommentare (11)

Fehler können Leben kosten ja. Sind aber auch menschlich und die Basis fürs Lernen und die Weiterentwicklung. Hinterher ist man immer schlauer und wenn man nicht verantwortlich ist, brüllt es sich leicht.

Der Empfänger packt immer aus. Wahrscheinlich bin ich verblendet aber eine Arroganz gegenüber anderen Ländern habe ich nicht wahrgenommen. Haben wir noch nach Italien/Österreich geschielt um zu lernen? Auch sind die Sommermonate nicht unnütz verstrichen-gerade in sozialen Einrichtungen wurden Maßnahmen entwickelt, die nun hilfreich sind. Und wäre der Sommer strenger reguliert worden, hätte es auch wieder Kritik gehagelt. Welche Partei hat da den Masterplan - diejenige, die erst die Impfung kritisiert und der es dann nicht schnell genug damit geht, wohl kaum.
Es ist aber auch schwer, 80+ Millionen zufrieden zu stellen.

Als die Bundesregierung im Frühling/Sommer 2020 verkündete, man lerne noch bei Corona, blieb es still im Blätterwald und der Öffentlichkeit, Ausnahme ein NK-Leser. Der staunte damals, dass die Bundesregierung im Azubi-Modus sei. Die Bundeskanzlerin seit 2005 im Auszubildendenverhältnis? Die Bundesregierung kann ihrer Verantwortung nicht gerecht werden? Sie konnte und kann nicht Entscheidungen nationaler Tragweite zum Wohle des Volkes treffen? Was kann sie dann, außer lächerliche Videos verbreiten? Soll das Volk entscheiden, was zu tun ist und Bundestagswahlen überflüssig machen lassen? Das Volk pariert nicht und trifft sich weiterhin, macht Urlaub oder Wochenende in den winterlichen Bergen. Es fragt täglich nach Zukunftsaussichten. Nach Beendigung von Beschäftigungsverboten. Nach geordneter Schulbildung. Das muss ein undankbares Volk sein! Anscheinend differieren Sache um Leben und Tod (Corona) mit den Corona-Zahlen und man gaukelt uns vor, es sei pandemisch/epidemisch. Der Bundestag schläft nebenher weiter vor sich hin, denn das IfSG ist für Corona nicht ausgelegt. Es ist ausgelegt für ansteckend, tödliche Krankheiten mit höchstens 500 Infizierten im gesamten Bundesgebiet über einen Zeitraum von maximal vier Wochen. Bei der jährlich, tödlichen Grippe mit Impfstoff kommt es jedenfalls nicht zur Anwendung, trotz sehr hoher Infektionszahlen.

"Bei der jährlich, tödlichen Grippe mit Impfstoff kommt es jedenfalls nicht zur Anwendung..."
Ist es denn so schwer, in das von Ihnen selbst erwähnte Gesetz zu schauen? Oder es zu verstehen?

§ 7 IfSG Meldepflichtige Nachweise von Krankheitserregern
25. Influenzaviren
44a. SARS-CoV, SARS-CoV-2

Und wieder werden sie behaupten, dass die zusätzliche, freiwillige Sentinelerhebung die Meldeverpflichtung des IfSG bricht, was natürlich Unfug ist.
Neben Influenza läuft u.a. auch für Sars-Cov-2 eine Sentinelerhebung mit 70 Laboren. Weiterhin zu Masern, HIV und vielen weiteren. Trotzdem bleiben die Meldeverpflichtungen bestehen.

Es mag ja sein, dass Influenza eine meldepflichtige Erkrankung nach dem Infektionsschutzgesetz ist. (Oder genauer gesagt der Nachweis einer Infektion mit Influenzaviren.) Aber was bringt das, wenn man praktisch als Patient, der mit Erkältungs- bzw. Grippesymptomen eine Arztpraxis aufsucht, in der Regel überhaupt nicht daraufhin getestet wird, ob es sich um Influenza handelt?! Es wird also selbst bei Patienten mit einschlägigen Symptomen nicht einmal geschaut, ob sie vielleicht an Influenza erkrankt ist. Von ihren zahlreichen symptomlosen Kontaktpersonen mal ganz zu schweigen! Die Sache ist hier also ganz einfach: Wenn man nicht testet, gibt's eben auch nix zu melden.

Und außerdem hatte und hätten eine aus einer Sentinel-Praxis gemeldete Influenza-Infektion keine Freiheitsberaubungen und Kontaktverfolgungen zur Folge. Auch wird nach jeder Saison neu gezählt. Bei Corona addiert man munter weiter.

Die aus der Sentinel-Praxis gemeldete Sars-Cov... Infektion hätte auch keine Maßnahmen zur Folge, erst Recht keine Beraubungen und Verfolgungen.
Im Sentinelverfahren werden keine personenbezogenen Daten übermittelt.

Betrachtet man die letzte Pk im Kanzleramt zu Coronaimpfstoffen, da geht einem der Hut hoch. Die vorgeschickten irgendwoher kommenden Präsentatoren, tun so als würden sie, und nur sie von allem den Verstand haben, wie man Corona bekämpft. Das einfach Impfstoff fehlt und das wird einfach geleugnet und anderen zugeschoben ist doch bekannt. Hat Deutschland nicht mal mehr eine eigene Meinung in dem verkorksten egoistischen Europa? Kann man nicht auf eigene Rechnung für das Volkswohl und zur Erhaltung der Menschenpopulation im Land sorgen? Mich würde wirklich mal interessieren woher diese Menschen den Sachverstand über Nacht her haben und was sei vorher beruflich gemacht haben, sicher fachlich ungeeignet für medizinische Betrachtungen und w3er was wann bekommt. Mangelwirtschaft hatten wir schon mal vor zig Jahren. Es wird höchste Zeit, damit Spahn und Co einen vor den Bug bekommen, denn immer hinter anderen Ländern in der Pandemiebekämpfung zurückliegen ist nicht der anspruch eines Deutschen! Sicher ist es einfacher Kinder mit der Schulausbildung zu drangsalieren und Unternehmer in den Abgrund zu schicken, als aktiv alle mit Impfstoff zu versorgen die es möchten.

"Am deutschen Wesen soll die Welt genesen" ist wohl noch - oder wieder? - in vielen Köpfen verankert. Das hab ich oft gedacht bei der Berichterstattung der letzten Monate, zum Beispiel beim Fingerzeig auf Schweden, Brasilien, die USA und alle, die es anders machen, als unsere hochgelobte Regierung.

Die gleiche Arroganz, die sich zunächst gegen andere Nationen richtete, gilt nun den Kritikern von Maßnahmen, seien sie auch noch so unsinnig.

Danke für den Artikel!

Da kommt mal ein kritischer mutiger Kommentar - Journalismus vom Feinsten. Warum wundert man sich über eine öffentlich lesbare Kritik, die unter den Bürgern schon lange umgeht? Warum gibt es nun wiederr die Regierungsmaßnahme: weiter Wegsperren? (Das hatten wir schon mal.) Wie im Kommentar beschrieben, hätte es vorausschauend mehrere Wege gegeben. (Mit Wegsperren meine ich das normale Volk, nicht die Sportprofis, die ihre Batzen sichern und reisen dürfen und Quarantänezeiten verkürzen usw.) Wie wäre es, wenn die Regierungspolitiker nach Leistung und Qualität ihrer Arbeit bezahlt würden? Und in die Rentenkasse einzahlen, auch die Beamten - wie jeder sonst Angestellte? Das wäre der nächste mutige Frageschritt in Hinblick Wahlen mit Abrechnung der Regierungsarbeit und welche Partei hat welche Meinung dazu. (auch zur Rente) Das wird interessant.
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Die kleinen Krankenhäuser werden kaputtgespart, keine wohnortnahe Versorgung, viel zu wenig und mies bezahltes Pflege- und Krankenhauspersonal - das ist die derzeit verordnete Gesundheitspolitik.
Irgendwo muss man mit Verbesserungsschritten anfangen: Personal der Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen u.ä. erhält ohne Bedingungen ab sofort und zeitlich unbegrenzt das Doppelte ihrer derzeitigen Bezüge. Wer das bezahlen soll? Bezüge der Bundestagsabgeordneten und des zugehörigen Wasserkopfapparates halbieren.

Die Inkompetenz und Arroganz der hoffentlich letzten Merkel-Regierung ist nur schwer zu ertragen.