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Das mühsame Puzzle von Nizza

Anfangs vermuteten die Ermittler eine Art Express-Radikalisierung. Doch eine Woche nach dem Anschlag von Nizza sind sie sich sicher: Der Attentäter bereitete die Tat schon länger vor – und er hatte Komplizen.

Mühsame Spurensuche der Polizei auf Nizzas Strandpromenade. Hier fuhr der Tunesier am 14.  Juli in eine Menschenmenge und tötete dabei 84 Personen.
Alberto Estevez Mühsame Spurensuche der Polizei auf Nizzas Strandpromenade. Hier fuhr der Tunesier am 14.  Juli in eine Menschenmenge und tötete dabei 84 Personen.

Was wird den mutmaßlichen Komplizen vorgeworfen?

Die fünf in Untersuchungshaft genommenen Verdächtigen wurden in den Tagen nach dem Anschlag festgenommen, sie sollen den 31-jährigen Tunesier Mohamed Lahouaiej Bouhlel auf die eine oder andere Weise geholfen haben. Wie viel sie jeweils von dem Anschlagsplan wussten, ist aber noch nicht abschließend geklärt. Einige von ihnen hatten regen Kontakt untereinander. Drei Männer beschuldigt die Staatsanwaltschaft der Beihilfe zum Mord im Zusammenhang mit einem Terrorakt. Einem albanischen Paar werden Verstöße gegen das Waffenrecht vorgeworfen – ebenfalls im Zusammenhang mit einem Terrorakt. Es soll mit dem 21-jährigen Ramzi  A., einem der drei Männer, eine Rolle bei der Beschaffung der Pistole des Angreifers
gespielt haben.

Ein „einsamer Wolf“ war der Angreifer also nicht?

Die These eines klassischen Einzeltäters scheint nun widerlegt. Mit den drei wegen Beihilfe Beschuldigten stand der Attentäter in teils sehr engem Kontakt. Mit dem 40-jährigen Mohamed Walid G. telefonierte er innerhalb eines Jahres 1278 Mal. Dieser war ebenso wie Chokri C. (37) in den Tagen vor dem Anschlag nachweislich in dem als Waffe verwendeten Lastwagen. Ihnen und Ramzi A. schickte der Attentäter am 5. Juli eine SMS mit dem Namen eines Autoverleihs. Dort reservierte er am gleichen Tag einen weiteren Lastwagen für den 12. und 13. Juli, den er dann wieder stornierte. Ramzi A. dankte er wenige Minuten vor der Attacke für die Waffe und fragte nach weiteren. Laut Staatsanwalt François Molins machte er dabei auch Angaben, wozu diese gedacht waren – den genauen Inhalt verriet der Ermittler aber nicht. Und Mohamed Walid G. filmte sich am Tatort, als dort noch Rettungskräfte im Einsatz waren.

 Woraus schließt die Staatsanwaltschaft, dass der Attentäter die Tat schon länger vorbereitete?

Aus einer ganzen Reihe von Hinweisen, die vor allem auf seinem Handy entdeckt wurden. Darunter nach Angaben von Chefermittler Molins aufschlussreiche Fotos“, etwa von Menschenmassen bei Feuerwerken sowie ein Artikel über einen Mann, der vorsätzlich auf eine Restaurant-Terrasse raste. In den Tagen vor dem Anschlag fuhr Lahouaiej Bouhlel mehrmals mit dem Lastwagen auf die Promenade.

Was weiß man nun zur Gesinnung des Attentäters?

Die Motivlage ist weiterhin nicht endgültig geklärt, es gibt aber Hinweise auf Sympathien für den Islamismus. Die Ermittler fanden für die Zeit kurz vor dem Anschlag Hinweise auf ein „unbestreitbares Interesse“ an der dschihaddistischen Bewegung. Aber auch schon im Januar 2015 erhielt der Attentäter eine SMS, in der Mohamed Walid G. sich über den islamistischen Anschlag auf die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ freute. Zugleich war sein eigener Lebensstil weit von einer strikten Auslegung des Islam entfernt: Mohamed Lahouaiej Bouhlel aß Schweinefleisch, trank Alkohol, nahm Drogen und hatte ein reges Sexleben. Den Behörden war er nie als Extremist aufgefallen.

Spielt der Islamische Staat (IS) eine Rolle?

Die Terrormiliz IS hatte den Attentäter als ihren „Soldaten“ bezeichnet. Doch bislang gibt es keine Beweise dafür, dass der Anschlag von der Gruppe gesteuert wurde oder sie im Vorfeld informiert waren.