Polizei und Feuerwehr

Das unbekannte Risiko von Unfällen bei Blaulicht-Fahrten

Sie dürfen über rote Ampeln fahren und Tempolimits missachten. Diese Sonderrechte für Rettungsdienst, Polizei und Feuerwehr erhöhen das Unfallrisiko. Doch das Thema scheint niemanden wirklich zu kümmern.
dpa
Ein zerstörtes Notarzteinsatzfahrzeug liegt in Kiel auf dem Dach.
Ein zerstörtes Notarzteinsatzfahrzeug liegt in Kiel auf dem Dach. Carsten Rehder
So wie hier im bayerischen Nesselwang kommt es immer wieder zu schweren Unfällen bei Blaulicht-Fahrten. Grund sind oftmals andere Verkehrsteilnehmer, die sich falsch verhalten.
So wie hier im bayerischen Nesselwang kommt es immer wieder zu schweren Unfällen bei Blaulicht-Fahrten. Grund sind oftmals andere Verkehrsteilnehmer, die sich falsch verhalten. Thomas Pöppel
Polizisten nehmen den Unfall zwischen einem Pkw und einem Rettungswagen an einer Kreuzung in Berlin auf.
Polizisten nehmen den Unfall zwischen einem Pkw und einem Rettungswagen an einer Kreuzung in Berlin auf. Paul Zinken
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Würzburg.

Ein Feuerwehrauto und ein Rettungswagen krachen auf dem Weg zu einem Einsatz in Unterfranken ineinander. Auf einer Kreuzung in München prallt ein Rettungswagen mit einem Taxi zusammen. In Berlin verteilen sich Trümmerteile, als ein Rettungswagen mit einem Auto zusammenstößt, der Pkw-Fahrer wird schwer verletzt.

Drei Unfallmeldungen aus den vergangenen Wochen, drei Unfälle, bei denen die Retter selbst zu Opfern wurden oder ein Rettungseinsatz zu weiteren Verletzten führte. Solche Unfälle bedeuten gleichzeitig auch, dass nötige Hilfe nicht ankommt. Wie oft kommen solche Unfälle vor?

Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) hat für die dpa Zahlen ausgewertet. Demnach gab es von 2015 bis 2017 bundesweit rund 470 Einsatzfahrt-Unfälle. Allerdings sind dies nur Unfälle, bei denen nicht verbeamtete Einsatzkräfte mehr als drei Tage arbeitsunfähig waren. Unfälle von Beamten und glimpflicher ausgegangene Unfälle sind nicht enthalten. Und es sind nur Hochrechnungen.

„Fälle werden unter den Teppich gekehrt”

Wer eine repräsentativere Antwort sucht, trifft meist auf folgende Angaben: 17 Mal häufiger als andere Verkehrsteilnehmer würden Rettungsfahrzeuge im Blaulichteinsatz in Unfälle mit Sachschaden verwickelt, in einen Unfall mit Verletzten vier Mal so oft. Alle 19 Sekunden erlebten Rettungskräfte eine kritische Situation wie das Überholen auf enger Fahrbahn. Besonders Fahrten mit Blaulicht und Martinshorn seien gefährlich: Verglichen mit anderen Einsätzen sei das Risiko eines tödlichen Unfalls vier Mal höher, das für Schwerverletzte acht Mal.

Diese Zahlen sind weit verbreitet. Doch sie sind alt. So alt, dass die ostdeutschen Bundesländer darin teils noch nicht enthalten sind. Sie stammen aus zwei 1986 und 1994 veröffentlichten Projekten der Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast). Neuere Daten bleiben stichprobenhaft und zerstückelt: Mal hat eine Mitarbeiterin des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) Zeitungen ausgewertet, mal ein Diplomand Fragebögen an Feuerwehren und Polizeidienststellen verschickt.

„Unfälle bei Einsatzfahrten werden eher unter den Teppich gekehrt“, sagt der Münchner Anwalt Alexander Stevens. Er hat für seine Doktorarbeit untersucht, wie Gerichte, Staatsanwaltschaften, Polizei und Rettungsdienste Unfälle behandeln. Verfahren und Urteile gibt es dem Ergebnis zufolge so gut wie nie.

Fehler von Autofahrern

Umfassende offizielle Zahlen zu solchen Unfällen gebe es nicht, erklären Experten und Versicherungen übereinstimmend. Kleine Anfragen in Landesparlamenten geben laut Verkehrsrechts-Professor Dieter Müller von der Polizeihochschule Sachsen zumindest kleine Einblicke. Die Polizei in Thüringen verzeichnete demnach von 2009 bis 2011 knapp 1700 Unfälle. In Hamburg gab es 2012 laut einer Kleinen Anfrage 41 Unfälle bei der Polizei, 61 mit Feuerwehrfahrzeugen und 137 im Rettungsdienst der Feuerwehr.

Fachleute vermuten, dass die Unfallhäufigkeit zunimmt – da die Verkehrsdichte und die Zahl der Einsatzfahrten steigen. Mit Fahrsicherheitstrainings wollen Organisationen vorbeugen.

Viele Experten weisen aber auch auf Fehler von Autofahrern hin. Das Herannahen eines Einsatzwagens löse Stress aus und führe „zu teilweise unvorhersehbaren Reaktionen beziehungsweise Fahr- und Bremsmanövern“, sagt ein Sprecher der Polizei Unterfranken. Bernd Spengler, Fachanwalt für Rettungsdienstrecht in Würzburg, beobachtet, dass viele Leute glauben, sofort rechts ranfahren zu müssen. „Aber manchmal macht man die Fahrbahn schneller frei, wenn man erst ein paar Meter weiterfährt.“