KAHLRASUR UND SPRINGERSTIEFEL SIND VERGANGENHEIT

Der moderne Nazi kocht vegan

Jutebeutel und umweltbewusst: Junge Rechte haben sich mit dem urbanen Lebensstil angefreundet. Sie machen deutlich: Radikale lassen sich nicht mehr so leicht an ihrem Äußeren erkennen. Das birgt Gefahren.
dpa
Hipster oder Nazi? Die Grenzen verschwimmen.
Hipster oder Nazi? Die Grenzen verschwimmen. Wolfram Steinberg
Berlin.

Vollbart, Jutebeutel – und rechtsextrem. Vegan, umweltbewusst – und rechtsextrem. Wer sich mit der politisch rechten Szene beschäftigt, stößt auf scheinbare Widersprüche. Und einen neuen Typen: Den „Nipster“. Das Kunstwort setzt sich aus Nazi und Hipster, dem manchmal etwas abfällig genutzten Begriff für szenebewusste Großstadtbewohner, zusammen. Gemeint sind Rechtsradikale, die so ganz anders auftreten, als die kahlrasierten und Springerstiefel tragenden Neonazis früherer Jahre.

Zugang zu Jugendlichen wird leichter

Prominenz verschaffte den Nipstern jüngst das US-Magazin „Rolling Stone“ mit einer langen Reportage aus Deutschland („Heil Hipster“). Die grobe Charakterisierung: Nipster bedienen sich angesagter Modestile und wirken wie ein Teil der urbanen Subkultur. Die Frage dahinter: Wie gefährlich ist rechte Ideologie, wenn sie trendy verpackt wird? Zumindest lässt sie sich von außen schwerer erkennen. Neonazis könnte es deutlich leichter fallen, Zugang zu Jugendlichen zu finden, warnen Experten – weil sie zunächst gar nicht als radikal wahrgenommen werden. Ob sich das für die Rechten auszahlt, ist allerdings noch offen. Gleichzeitig verliert die Szene nämlich für ihre Anhänger an Kontur.

Nazi-Lebensweise sieht aus wie Prenzlauer Berg Style

Veganismus hätte man früher nicht zur Kultur der rechten Szene gezählt. Dass es diese Lebensweise mittlerweile auch dort gibt, beweisen zwei Männer mit Sturmhauben, die als Beispiele für die neuen Nazis angesehen werden. In ihren Youtube-Videos kredenzen sie Gerichte wie „Gebräunte Auberginen“ und „Neuschwabenland Käsekuchen“. Was in der Kochschule in den Topf kommt, könnte auch im Hamburger Schanzenviertel oder im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg Zuspruch finden.Ob die beiden das ernst meinen, wird nicht ganz klar. Eine politische Botschaft haben sie jedenfalls: „Achtet auf die Herkunft der Sachen!“. Genauer: „Israel-Wixxe“ gehöre nicht in den Einkaufswagen.

Der Skinhead hat abgedankt

Hintergrund der Nipster-Bewegung bildet eine Entwicklung, die Experten sei Jahren beobachten. „Erscheinungsbilder des Rechtsextremismus haben sich dramatisch verändert – bis hin zu dem, was dann unter dem Etikett „Nipster“ firmiert“, sagt Thomas Pfeiffer, Lehrbeauftragter an der Uni Bochum zum Thema Rechtsextremismus. Klar: Es gebe immer noch jene, die den alten Germanen mimen – aber auch jeden zeitgenössischen Look. „Der Inhalt hat sich in vielen Teilen fast nicht verändert. Aber die Verpackung hat sich gewaltig gewandelt“, stellt Pfeiffer fest. Kriminologe Nils Schuhmacher von der Hochschule Esslingen formuliert es so: „Der Skinhead als hegemoniale jugendkulturelle Figur des Rechtsextremismus hat abgedankt.“

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