:

Der Moscheen-Tourismus kommt

In der Mannheimer Yavuz-Sultan-Selim-Moschee vertiefen sich Muslime ins Freitagsgebet. Am 3. Oktober ist sie zum Tag der offenen Moschee für Besucher geöffnet.
In der Mannheimer Yavuz-Sultan-Selim-Moschee vertiefen sich Muslime ins Freitagsgebet. Am 3. Oktober ist sie zum Tag der offenen Moschee für Besucher geöffnet.
Uwe Anspach

Mit dem Fremdenführer in die Moschee? In Deutschland ist dieses Bild eher unüblich. Aber das könnte sich ändern. Am Donnerstag präsentieren sich viele Gebetshäuser zum Tag der offenen Moschee.

Bevor sie den Gebetsraum betreten, ziehen die Besucher ihre Schuhe aus. Der Teppich ist weich, die Füße sinken beim Gehen etwas ein. Die Blicke gehen an die kunstvoll bemalte Decke und bleiben an dem prachtvollen Kronleuchter hängen. Die Mannheimer Yavuz-Sultan-Selim-Moschee ist einer der touristischen Höhepunkte der Stadt – oder besser: Sie könnte es sein. „Interesse kommt meistens von Schulen“, sagt Moschee-Führer Talat Kamran. „Tourismusbüros haben Moscheen noch nicht für sich entdeckt.“

Dabei habe das Thema Potenzial – sofern es eine besonders schöne Moschee sei, findet Tourismus-Experte Christian Buer von der Hochschule Heilbronn. „Auch Kirchen haben erst sehr spät erkannt, dass sie selbst eine touristische Attraktion sind.“

Nach dem Shoppen ins Gotteshaus

Zur Mannheimer Moschee kommen an vielen Wochenenden schon jetzt Busse mit türkischstämmigen Touristen aus anderen deutschen Städten, wie ein anderer Moschee-Führer, Faruk Sahin, erzählt. Sie gingen in türkischen Geschäften shoppen und wollten am selben Tag auch die Moschee besichtigen. „Das Interesse von türkischen Touristen ist sehr viel höher als von deutschen“, erzählt Sahin. „Anders als in der Türkei kann man sich hier noch nicht richtig vorstellen, dass eine Moschee touristisch besuchbar ist.“ Der Geschäftsführer des Mannheimer Stadtmarketings, Georg Sahnen, sagt: „In erster Linie liegt es in der Verantwortung der einzelnen Institutionen, inwiefern sie ihre Einrichtungen selbst aktiv vermarkten.“

Doch nicht jeder in der muslimischen Gemeinde würde sich über einen boomenden Moschee-Tourismus freuen. „Ich weiß nicht, ob unsere Onkels so glücklich wären, wenn es noch touristischer wird“, sagt Sahin und lacht. Wie zahlreiche andere muslimische Einrichtungen in der Bundesrepublik lädt das Mannheimer Gebetshaus an diesem Donnerstag, den 3. Oktober zum Tag der offenen Moschee.

Aus Angst vor Anschlägen kleine Fenster gebaut

Schuhe ausziehen, keine Bänke – viele Menschen seien beim Thema Moscheen unsicher, sagt Tourismus-Experte Buer. Auch das sei ein Grund für das bislang eher geringe touristische Interesse. Moscheen seien außerdem in der politischen Diskussion oft populistisch mit Terrorismus in Verbindung gebracht worden – auch das habe Berührungsängste geschürt. Nicht zuletzt gibt es immer wieder Proteste beim Bau von Moscheen in Deutschland. Auch in Mannheim wurde Anfang der 1990er Jahre viel darüber gestritten. Die Moschee-Führer erinnern sich noch gut. Einer zeigt auf die Fenster, die damals extra sehr klein gehalten worden seien – aus Angst vor Anschlägen.

Es gebe aber auch historische Gründe dafür, dass Moscheen eher selten auf dem touristischen Programm stehen, sagt Buer. Die Moscheen hierzulande seien noch jung, es habe dort keine vergleichbaren historischen Ereignisse gegeben wie in der Türkei. In Istanbul kommen Touristen an einem Besuch der Hagia Sophia nicht vorbei. Das Interesse türkischstämmiger Touristen an der Mannheimer Moschee wertet Buer als Indiz für eine größere Entwicklung: Vor allem Pilger und Religionstouristen könnten angezogen werden, auch Architekturinteressierte. „Da entwickelt sich nach und nach ein Tourismusfaktor und die Städte werden das aufnehmen.“