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Kommentar zu #menaretrash

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Eine Antwort auf "Fotzen und Spermazielscheiben"

Wenn Frauen von persönlichen sexistischen Erfahrungen berichten, dann sollte man(n) zuhören, meint unsere Reporterin.
Wenn Frauen von persönlichen sexistischen Erfahrungen berichten, dann sollte man(n) zuhören, meint unsere Reporterin.

Männer sind Müll: Unter diesem Motto findet auf Twitter aktuell eine hitzige Debatte über Sexismus statt. Begonnen hat das mit dem Hashtag #menaretrash. Unsere Reporterin hält das zwar für radikal, aber notwendig.

Wenn die Band Die Ärzte „Männer sind Schweine” anstimmt, grölen alle fröhlich mit. Ist klar, die meinen damit ja nicht alle Männer, und es ist ja auch witzig, denn es wird schließlich von Männern gesungen. Wenn dann noch Lara Croft die Bandmitglieder im dazugehörigen Musikvideo niederschießt, ist das noch besser. Wenn aber eine Frau eine ähnlich polemische Aussage macht, führt das zu einem Shitstorm ohnegleichen.

Die Journalistin Sibel Schick hat es aber trotzdem gemacht: In dem feministischen Magazin „Missy Magazine” veröffentlichte sie ein Gedicht namens „Männer sind Arschlöcher”, das eine Reaktion auf die täglichen Hasskommentare von Männern zu ihren Artikeln war. Sie setzte dann noch einen drauf, indem sie bei Twitter im Zusammenhang mit ihrem Gedicht den Hashtag #menaretrash benutzte, was im Deutschen „Männer sind Müll” bedeutet.

Männer reagieren wütend

Daraufhin brach die Hölle los: Auf der einen Seite posten unzählige Männer und auch einige Frauen, dass dieser Hashtag ein Unding und eine Beleidigung sei, die gegnerische Partei nimmt die Autorin in Schutz und andere Frauen berichten unter dem Hashtag von ihren eigenen schlechten (und teilweise gewaltsamen) Erfahrungen mit Männern.

Der Hashtag selbst ist nicht neu: Bereits 2016 wurde er genutzt, um über Twitter auf (sexuelle) Gewalt an Frauen in Südafrika aufmerksam machen. Nun wird er also in Deutschland genutzt. Das stößt auf viel Ablehnung, denn viele Menschen sehen die Notwendigkeit für Feminismus in diesem Land nicht mehr vorhanden. Frauen seien schon lange gleichberechtigt, Feministinnen sogenannte „Feminazis”, die einfach den Hals nicht vollkriegen. Und männerhassende Lesben sowieso. Man sollte sein Bemühen doch lieber auf Länder richten, in denen Frauen wirklich nicht gleichberechtigt seien.

Bitte zuhören!

Hierbei sollte für viele Männer gelten: Einfach mal die Klappe halten. Wenn Frauen von persönlichen sexistischen Erfahrungen berichten, dann sollte man(n) zuhören. Wenn in Deutschland deutlich mehr Frauen als Männer in Partnerschaften gestalkt oder bedroht werden , wenn jede vierte Frau mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Partnerschaftsgewalt erlebt hat, wenn sogenannte „Frauenberufe” immer noch deutlich schlechter bezahlt werden und sowieso eine ungleiche Bezahlung der Geschlechter existiert, dann sollten sich Menschen nicht echauffieren über Frauen, die darüber reden, sondern bestenfalls überlegen, wie sie selbst zu mehr Gleichberechtigung beitragen können.

Ja, in Deutschland ist die Gleichberechtigung sehr viel fortgeschrittener als in anderen Ländern. Doch sie ist noch nicht am Ziel. Und das Land ist nun einmal auch nicht wichtig bei einer Debatte, bei der Frauen von ihren persönlichen Leidenserfahrungen berichten, die eben manchmal auch von „unwichtigeren” Problemen des Sexismus' handeln, wie unbezahlte Hausarbeit, ungleich verteilte Elternzeit oder eben auch herabsetzende Kommentare.

Sexismus ist real

Natürlich sind nicht alle Männer Müll. Frauen wissen, dass es gute Männer gibt. Wirklich. Feministinnen wie Sibel Schick kritisieren mit solchen Aussagen allerdings nicht alle männlichen Individuen, sondern ein strukturelles System, in dem Frauen sich auch heute noch in unserer ach so aufgeklärten Welt diskriminiert und nicht als ebenbürtige Menschen respektiert fühlen.

Dass aber bei einer Diskussion um alltägliche Diskriminierung, Gewalt und Drohungen gegen Frauen dann fast nur noch darum geht, dass Männer darauf bestehen, dass sie „zu den Guten” gehören – wobei manche noch im selben Atemzug Feministinnen als „ungebumst”, „Spermazielscheibe” und „Dreckvotzen” betiteln -, dann haben viele den Anlass dieses Hashtags nicht verstanden. Stattdessen führt der Hashtag zu einem trotzigen Verhalten mit Beleidigungen unterster Schublade.

Betroffene Frauen denken sich Diskriminierung nicht aus. Sie sind nicht hysterisch. Des Weiteren mussten sich Feministinnen schon immer Beleidigungen und Frotzeleien aufgrund ihrer Forderungen anhören. Verstorbene Frauenrechtlerinnen wie Simone de Beauvoir oder Betty Friedan werden zwar heute respektiert, doch zu ihren Lebzeiten wurden sie ebenfalls als hysterisch und als lächerliche Forderungen stellend abgetan. Die Sufragetten zündeten aus Verzweiflung schließlich sogar Häuser an und legten Bomben, um sich das Wahlrecht in Großbritannien und den Vereinigten Staaten zu erkämpfen.

Gewalt erzeugt Gegengewalt

Ein Hashtag verletzt niemanden. Und wer sich durch die in Verbindung damit geposteten Geschichten angegriffen fühlt, sollte sich wahrscheinlich über seine eigenen Handlungen Gedanken machen. Leider bewirkt ein Hashtag im Gegenzug meistens auch nicht viel, außer eine Diskussion anzuzetteln. Damit hatte #menaretrash aber Erfolg. Natürlich ist der Hashtag populistisch und radikal, schon fast ein verbaler Gewaltakt.

Menschen wie die Journalistin Katja Belousova fordern deshalb, dass Feministinnen sachlicher sein sollen, da sie sonst mit ihrer Radikalität allen Frauen schaden würden. Doch genau ein solcher Akt stößt hoffentlich weitere Debatten an. Er stellt aufs Neue eine Art Aufschrei von Frauen dar, der Aufmerksamkeit erregen und zum Nachdenken anregen soll.

Radikalität ist manchmal notwendig, denn Veränderungen in der Gesellschaft entstehen eben nicht durch ruhiges und angepasstes Verhalten. Wenn eine Gruppe (sei es nun strukturell, verbal oder physisch) gewaltsam in Schach gehalten wird, bäumt sie sich irgendwann auf. Oder um das Ganze wieder mit Ärzte-Zitat abzuschließen: Gewalt erzeugt Gegengewalt. Und wenn auch nur auf Twitter.