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Während der Trend weg von Atomenergie und fossilen Brennstoffen und hin zu erneuerbaren Energien geht, setzt Polen bei der Energiewende voll auf Atomkraft. Armin Weigel
Die Bauruine von Polens einzigem Atomkraftwerk. Das in kommunistischer Zeit begonnene Projekt in Zarnowiec bei Danzig, wurde n
Die Bauruine von Polens einzigem Atomkraftwerk. Das in kommunistischer Zeit begonnene Projekt in Zarnowiec bei Danzig, wurde nach der Katastrophe von Tschernobyl wegen Protesten aufgegeben. Für Polens neue Atom-Pläne soll der Standort wieder belebt werden. Adam Warzawa
Die Pläne zum Bau neuer Atommeiler sorgt in Europa für Diskussionen. Deutschland sorgt sich über die Gefahren,
Die Pläne zum Bau neuer Atommeiler sorgt in Europa für Diskussionen. Deutschland sorgt sich über die Gefahren, die für die Menschen im Nordosten entstehen könnten. Z1000
Erneuerbare Energien

Energiewende mal anders – Polen setzt auf Atomkraft

In Polen sollen Atomkraftwerke die Unabhängigkeit von Steinkohle erreichen. Doch dieser alternative Weg der Energiewende birgt für Deutschland unmittelbare Gefahren.
Warschau

Auf dem Weg zu einer CO2-neutralen Zukunft geht Polen andere Wege und vertraut dabei auf die Leistungsfähigkeit von Atomkraftwerke. Dafür hat der Staat bereits sechs Atomkraftwerke in Auftrag gegeben. 2026 soll der erste Meiler gebaut und sieben Jahre später Strom in das polnische Netz einspeisen.

„Die Beispiele von hoch industrialisierten und hoch entwickelten Ländern und Regionen wie Frankreich, Schweden, der USA und der kanadischen Provinz Ontario beweisen, dass die Atomenergie zur effizienten, schnellen und sauberen Stromerzeugung beiträgt”, heißt es dazu aus dem offiziellen Strategiepapier der polnischen Regierung.

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Technisches Know-how erhält Polen von den USA, die bereits 2020 einen Vertrag zur Zusammenarbeit geschlossen haben. „Amerikanische Kernkraftwerke gehören zu den sichersten der Welt”, verkündete damals die polnische Regierung. Obwohl 1979 auch dort im Atomkraftwerk Harrisburg ein schwerer Atom-Unfall passierte. Über die gesundheitlichen Folgen streiten Experten noch heute.

Atomkraft-Pläne versetzen Deutsche Umwelt-Experten in Aufregung

Über mögliche Standorte der geplanten Reaktoren wird noch heiß diskutiert. So gut wie sicher ist aber, dass zwei Atomkraftwerke an der Ostsee entstehen sollen. In den Orten Żarnowiec oder Kopalino, rund 50 Kilometer nordwestlich der polnischen Hafenstadt Danzig. Das sind etwa 270 Kilometer Luftlinie bis zur Insel Usedom.

Die Pläne haben die Grünen in Deutschland in Alarmbereitschaft versetzt. In einem angeforderten Gutachten kamen Experten zu dem Schluss, dass im Falle eines Reaktor-Gaus in 75 Prozent der möglichen Wetterbedingungen die Nachbarstaaten stärker von radioaktiver Strahlung betroffen wären als Polen selbst. Das hängt mit dem Wind zusammen, der an der Ostseeküste Polens meistens in landabwärts, also nach Deutschland, Skandinavien und das Baltikum hin weht.

Super-Gau: Über eine Million Menschen müssten in Deutschland evakuiert werden

Deutschland wäre mit einer 20-prozentigen Wahrscheinlichkeit betroffen, heißt es weiter in dem Gutachten. Konkret hieße das, dass 1,8 Millionen Deutsche evakuiert werden müssten, vornehmlich in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Europaweit wären schätzungsweise – je nach Wetterlage – 4,5 Millionen Menschen von erhöhter radioaktiver Strahlung betroffen.

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Doch warum setzt Polen ausgerechnet auf Atomenergie? Jahrelang vertraute das deutsche Nachbarland auf seine schier unerschöpflichen Vorräte an Stein- und Braunkohle. Laut einer Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe ist Polen in Europa nach wie vor der größte Steinkohlelieferant. Doch auch Polen hat begriffen, dass das für sie lukrative Geschäft mit dem fossilen Brennstoff nicht ewig anhält.

Polen ist immer noch Europas größter Steinkohle-Lieferant

Fast 80 Prozent seiner Energie gewinnt Polen aus Braun- und Steinkohle. Mehr als 80.000 Menschen sind 2021 in den Bergwerksfirmen angestellt. Am Anfang des Jahrhunderts waren es aber noch fast doppelt so viele, wie das polnische Energieministerium auf Nordkurier-Nachfrage mitteilte. Denn immer mehr Zechen müssen im deutschen Nachbarland schließen. Die Kohle geht zur Neige. Wie lange noch gefördert werden kann, ist offenbar ein gut gehütetes Staatsgeheimnis. Denn das Energieministerium wollte das auf Nordkurier-Nachfrage nicht kommentieren.

Polen ist also gezwungen, langfristig auf andere Energien umzusatteln. Zumal eine EU-Richtlinie von 2020 besagt, dass alle EU-Staaten ihren CO2-Ausstoß deutlich verringern müssen. Damals stimmte Polen als einziges EU-Land gegen den Vorschlag.

Die EU setzt Polen die Pistole auf die Brust

Das Dilemma der Polen ist also offensichtlich: Um nicht gegen die EU-Umweltrichtlinien zu verstoßen , müssen sie ihren CO2-Ausstoß drastisch senken. Also weniger Kohlestrom, mehr alternative Energien. Doch für eine Umrüstung auf erneuerbare grüne Energien fehlt den Polen Zeit und Geld.

Das bestätigt auch ein Sprecher des polnischen Energie-Ministeriums: „Wir haben nicht die nötige Infrastruktur, um in so kurzer Zeit genügend Windanlagen aufbauen zu können, um unsere Bevölkerung mit ausreichend Strom zu versorgen.”

Polen hat keine echte Alternative zu Atomstrom

Eine kurzfristige Lösung muss also her. Die Entscheidung für die Kernenergie ermöglicht es der Republik Polen, die Verpflichtungen in Bezug auf die ausgewogene Sicherstellung von Lieferungen elektrischer Energie zu vertretbaren Kosten zu verwirklichen, und zwar unter Berücksichtigung der versprochenen Umweltschutzaspekte.

Atomkraft also aus Umweltschutzgründen? Nicht nur, heißt es dazu aus der polnischen Regierung. Man sehe Atomkraftwerke, zudem als „billigste Energiequelle”, heißt es weiter. Doch detaillierte Zahlen zu den Kosten der neuen Atomreaktoren wolle man noch nicht veröffentlichen.

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Auch konkrete Pläne für eine Endlagerung des Atommülls sind noch nicht bekannt. Offenbar schließt die polnische Regierung auch eine Entsorgung im Ausland, wo die Umwelt-Standards deutlich niedriger als in der EU sind, nicht aus. Auf Nordkurier-Nachfrage antwortet das Ministerium nur: „Es werden verschiedene Möglichkeiten in Erwägung gezogen.”

Öffentliche Meinung in Polen zum Thema Atomkraft kippt

Trotz der Kritik aus dem Ausland hält Polen weiterhin an den Plänen zur atomaren Energiewende fest. Die polnische Bevölkerung ist hingegen gespalten. Laut aktuellen Umfragen befürworten nur 39 Prozent der Polen den Einstieg in die Kernenergie. Das hat auch mit den Erfahrungen nach Tschernobyl zu tun. Damals formierte sich massiver Widerstand gegen ein geplantes Atomkraftwerk.

Doch der Trend zeigt nach oben. Anfang 2020 waren es gerade einmal 25 Prozent. Nun locken neue Jobs und die Aussicht auf möglichst CO2-neutralen Strom.

In Deutschland hingegen bleibt der Protest groß. Wollte man doch als europäisches Musterland Vorbild sein für andere Nationen, aus der Kernenergie auszusteigen. Nun geht ein direkter Nachbarstaat den entgegengesetzten Weg.

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