ERZIEHER WARNT

Freut euch bloß nicht auf die Kita-Öffnungen!

In Deutschland blicken Familien erleichtert den Kita-Öffnungen nach dem Corona-Lockdown entgegen, in MV ist es am 18. Mai so weit. Der Brandbrief eines Erziehers macht jedoch Angst.
„Es wird endlose Diskussionen und Dramen geben”, warnt ein Erzieher im Internet vor den Kita-Öffnungen nach d
„Es wird endlose Diskussionen und Dramen geben”, warnt ein Erzieher im Internet vor den Kita-Öffnungen nach dem Corona-Lockdown. Christoph Soeder
Dresden.

Auf Twitter veröffentlichte User Paul R. Landmann am Donnerstag einen mehrteiligen Tweet, in dem er seinen Befürchtungen Luft macht und Klartext mit Eltern und Politikern redet. Die düstere Prognose des Erziehers aus Sachsen: Die Kita-Wiedereröffnung in der Corona-Krise wird zum Fiasko für Kinder, Eltern und Erzieher. Der Nordkurier veröffentlicht seinen Brandbrief unverändert und inklusive Gendersternchen:

„Liebes Internet, Liebe Eltern, sicher sind Sie erleichtert über die Möglichkeit, Ihre Kinder wieder in die Kita zu bringen. Damit Sie wissen, was auf Sie (und uns) zukommt, hier ein kleiner Servicebeitrag von mir.

Es wird Diskussionen und Dramen geben

Ich bin seit 7 Jahren Erzieher und fasse mal zusammen, welche Vorgaben uns erreicht haben und warum nicht eine davon zu Ende gedacht ist. Gleich morgens wird es endlose Diskussionen und Dramen geben, denn: Wir dürfen Sie nicht in die Einrichtung lassen.

Sie werden Ihr Kind also in extra dafür eingerichteten Zone an der Tür abgeben müssen, mit Mundschutz. Wenn Sie die Warteschlange hinter sich gebracht haben, wird Ihr Kind Ihr beruhigendes Lächeln nicht sehen.

Auch nicht, wenn es weint. Und das wird es, denn nach knapp 8 Wochen Auszeit ist das, was jetzt passiert, für Ihr Kind wie eine zweite Eingewöhnung – nur dass Sie diesmal nicht dabei sein dürfen.

Viele Kinder werden weinen

Ihr Kind kommt mit den 12-17 anderen weinenden Kindern und den (nachvollziehbarerweise!) völlig überforderten ErzieherInnen in die Gruppe. Die ErzieherInnen werden leider kaum Zeit haben, sich ausreichend um die Bedürfnisse ihres Kindes zu kümmern.

Das geht nicht anders, denken Sie? Doch. Mit einem stufenweisen Plan hätte das vermieden werden können. Wir, die Leute, die in diesem Beruf arbeiten, sagen das (als Anwälte Ihrer Kinder!) schon die ganze Zeit, aber durch einen blöden Zufall wurden wir wohl vergessen.

Frische Luft nach Stundenplan

Das zu volle Zimmer soll Ihr Kind für 30min verlassen dürfen, um in einem abgesteckten Bereich im Freigelände zu spielen. Danach ist die nächste Gruppe dran. Es regnet gerade? Tja, leider Pech gehabt...

Danach geht es wieder in das Zimmer, in dem jedem Kind (laut Kita-Bauverordnung für neuere Kitas) 2,5qm zustehen. Wer sich kurz mit Aerosolen und Tröpfcheninfektion befasst hat, dem muss ich jetzt nichts weiter erklären.

Wo wir einmal beim Baulichen sind: Wir können Ihnen auch nicht versprechen, dass Ihr Kind Mittagsschlaf machen kann. Es kann sein, dass Ihre Einrichtung dafür nicht genügend freie Räume hat.

Da wir die Gruppen nicht durchmischen dürfen müssen ALLE Kinder einer Gruppe zur gleichen Zeit schlafen. Laut sächsischem Bildungsplan dürfen wir Ihre Kinder dazu nicht zwingen, aber während der Corona-Pandemie ist dieser weitestgehend außer Kraft gesetzt.

Dienstpläne kollabieren

Jede*r wird einsehen, dass feste Gruppe gebildet werden müssen, um Infektionsketten besser nachvollziehen zu können und im Falle des Falles so die Gruppe inkl. Eltern in Quarantäne zu schicken. Für unsere Dienstpläne aber bedeutet das den Kollaps:

Jede Gruppe hat 2 fixe Erzieher. Die dürfen nie rotieren oder Gruppen wechseln. Wir dürfen aber auch keine Springer, Aushilfen oder gruppenübergreifenden Fachkräfte einplanen.

Sollte nun ein/e ErzieherIn krank werden oder wegen Überlastung (oder Urlaub, die dürfen wir nämlich auch nicht verlegen) ausfallen, heißt das: Die Gruppe Ihres Kindes wird aufgeteilt und kommt zu einer anderen.

Betreuungsschlüssel außer Kraft

Damit erweitern sich die Kontakte Ihrer Kinder (und es müssen im Falle des Falles noch mehr Kinder und Familien in Quarantäne). Das gibt der Betreuungsschlüssel gar nicht her, sagen Sie? Stimmt.

Aber um Personal zu sparen muss der derzeit nicht eingehalten werden – was ein Glück, so dürfen nun bis 20 Kinder in einem Raum sein.

Kurzum: alles, was wir als ErzieherInnen über gute frühkindliche Pädagogik in unserer 5-jährigen Ausbildung (die wir selbst bezahlen müssen!) gelernt haben, wird ab nächster Woche per Handstreich weggewischt.

Realitätsferne Politik auf dem Rücken der Kinder

Eine realitätsferne politische Entscheidung wird auf dem Rücken derer ausgetragen, die an unterster Stelle der Liste der systemrelevanten Berufe standen – und letztlich über den Rücken der Kinder.

Nun kommen ab nächster Woche alle Kinder wieder. Wir würden uns unter normalen Umständen darüber freuen, wir lieben unseren Beruf. So aber haben wir einfach nur Sorgen. Wir wissen nicht, wie wir das handeln sollen.

Der für uns zuständige Minister hat dieser Tage im TV gesagt, obwohl die Kitas wieder komplett öffnen sei das trotzdem noch ein Notbetrieb. Und dass er auf die kreativen Lösungen von uns setzt. Keine Ahnung, was das bedeuten soll.

Klar, die Situation ist schwer und in den Ministerien kann auch niemand auf Erfahrungswerte zurückgreifen. Ich beneide die Entscheidungsträger nicht.

Und das alles zu lächerlichem Lohn

Ich will Ihnen nur sagen, dass ab kommender Woche unrealisierbare Handlungsanweisungen von denen umgesetzt werden müssen, die in der ganzen Zeit der Notbetreuung schon kaum Aufmerksamkeit, geschweige denn Wertschätzung erfahren haben.

Also haben Sie bitte Nachsicht mit uns, wenn wir mal etwas dünnhäutiger sind. P.S.: Wir beschweren uns selten, aber weil es in den letzten Wochen einfach vergessen wurde und es für uns ab kommender Woche echt crazy wird, nur für's Protokoll: Wir ErzieherInnen sind diejenigen, die es den arbeitenden Eltern ermöglichen wieder ihrem Beruf nachzugehen.

Und wenn Sie jetzt noch was zum Lachen haben wollen, bittesehr ...

Der Nordkurier konnte vorab die neuen Hygieneregeln für die Kitas in Mecklenburg-Vorpommern einsehen. Es wird deutlich, dass das Land viele Corona-Abstandsregeln entschäft hat, um den Betrieb zu ermöglichen. Lesen Sie hier eine Analyse.

Mehr lesen: Kita-Öffnungen sind ein Start ins Ungewisse.

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Kommentare (4)

Aber das können die Politiker wirklich gut.

Nicht erst seit März 2020 weinen Kinder. Also kein Problem für Profis.

Lieber Erzieher, den Eltern,denen Sie die Ausführung ihres Beruds ermöglichen, ermöglichen Ihnen, Ihren Beruf auszuüben. Bei uns gibt es Tränen (auch bei Krippenkindern !) wenn sie abgeholt werden. Aber es ja angenehmer bei vollem Gehalt (das so gering auch wieder nicht ist) zu Hause zu bleiben. Also bitte: Übertreiben Sie nicht.

Lieber Herr Landmann,

vielen Dank für Ihren Bericht. Mit vielen Dingen, die Sie thematisieren, gehe ich konform. Irritiert bin ich über Ihren letzten Satz. Sinngemäß "Wir ermöglichen den Eltern wieder arbeiten zu gehen."
Ich möchte gern Ihr -meiner Meinung nach unterbezahltes Gehalt- sehen, wenn nur Kinder der nicht- arbeitenden Gesellschaft Kindergärten besuchen würden.
Ich würde doch mal behaupten, dass die ErzieherInnen ohne uns genauso wenig existieren könnten wie umgekehrt.
Und zu meiner persönlichen Situation: ich bin Sozialarbeiterin in der JVA. Systemrelevant. Und mein Mann und ich haben uns dennoch so abgewechselt, dass wir durchgehend gearbeitet haben und dennoch keine Notbetreuung in Anspruch genommen haben.
Ein Dank habe auch ich übrigens von niemandem bekommen. Weder, dass ich arbeite, noch dass ich die Notbetreuung nicht in Anspruch genommen habe.
Vielleicht sollten wir alle weniger darauf warten, dass uns gedankt und dankbar sein, für das was wir haben und vor allem, dass wir gesund sind.
Liebe Grüße
Meike Klein