CORONA-PANDEMIE

Greifen Menschen in der Krise vermehrt zu Alkohol?

Die Pandemie stellt viele Menschen vor große Herausforderungen. Greifen sie dann eher zum Alkohol, um dem Stress zu entkommen? Aktuelle Zahlen zum Kaufverhalten zeigen einen überraschenden Trend.
Nach der Steuerstatistik ging der Absatz von Bier in Deutschland kräftig zurück. Dafür wurden etwas mehr Spirit
Nach der Steuerstatistik ging der Absatz von Bier in Deutschland kräftig zurück. Dafür wurden etwas mehr Spirituosen verkauft. Angelika Warmuth
Berlin.

Einfach nur ein Schlückchen zum Feierabend oder Verdrängen der Corona-Krise? Bundesweit gingen Ende Februar bis Ende März laut dem Nürnberger Marktforschungsinstitut GFK gut ein Drittel mehr Weinflaschen über die Ladentheken als im gleichen Zeitraum 2019. Auch bei klaren Spirituosen wie Gin oder Korn betrug die Steigerung 31,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Allerdings gaben die Experten zu Bedenken: Den Zuwächsen im Einzelhandel stehen Umsatzverluste in der Gastronomie gegenüber. Wer nicht im Restaurant oder in der Bar trinken kann, tut es also womöglich einfach zu Hause.

„Dass Substanzkonsum keine adäquate Bewältigungsstrategie für Krisensituationen ist, ist den meisten Menschen natürlich bekannt. Dennoch ist es für Einige gerade in solch belasteten Zeiten nicht ganz einfach, den Alkoholkonsum oder den Konsum von anderen Substanzen im Griff zu behalten”, sagte Christiane Lieb, Geschäftsführerin der Suchtberatungsstelle Sucht-Hamburg, nach Bekanntwerden dieser Zahlen.

Studie zu Alkoholkonsum laufen noch

Aber ist der Alkoholkonsum in Deutschland wirklich gestiegen, seit die Corona-Einschränkungen gelten? Die FDP-Bundestagsfraktion stellte deswegen eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung. „Suchtexperten gehen davon aus, dass es unter der COVID-19-Pandemie zu einem Anstieg schädlichen Alkoholkonsums kommen kann”, hieß es von der FDP. Anhand der erhobenen Alkoholsteuern müsste doch ein Überblick über das Verhalten der Deutschen möglich sein.

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Die Antwort der Bundesregierung: Das Kaufverhalten ist dadurch in der Tat nachvollziehbar. Doch „die gesellschaftlichen Auswirkungen auf den Alkoholkonsum, Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit infolge der Covid-19-Pandemie sind derzeit noch nicht abschätzbar”, hieß es weiter. Dazu würden aktuelle Studien unter anderem am Klinikum Nürnberg und der Technischen Universität Dresden noch laufen, teilte die Bundesregierung in ihrer Antwort auf die FDP-Anfrage mit. „Insofern kann aus den Verkaufszahlen des Einzelhandels nicht automatisch die Schlussfolgerung gezogen werden, dass die Covid-19-Pandemie die Alkoholsucht verstärkt.”

Bierabsatz in MV und Brandenburg

Was den Alkoholkauf angeht, ist seit der Corona-Krise anhand der Steuereinnahmen für dieses Jahr ein nüchterner Trend zu erkennen. Beispielsweise bei Bier gingen die Steuereinnahmen von 47,07 Millionen Euro im Januar stetig zurück: Im Februar waren es noch 44,05 Millionen Euro, im März 39,32 Millionen Euro, im April 31,95 Millionen Euro und im Mai 20,96 Millionen Euro.

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Auch in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg wurde dieses Jahr zeitweise deutlich weniger Bier gekauft als noch 2019. Gegenüber 2019 ging der Bierabsatz – gemessen in Hektolitern – deutlich zurück im Vergleich zu Januar und Februar 2019 (-8,8 und -16,6 Prozent). Im März wurde zwar 9,8 Prozent mehr Bier verkauft also im Vorjahresmonat, im April sank der Absatz aber wieder um 10,2 Prozent. Brandenburg kauften im Januar dieses Jahre 2,0 Prozent weniger Bier. Im Februar und März stieg der Absatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 16,2 und 10,3 Prozent, bis er im April wieder um 9,7 Prozent sank.

Brauwirtschaft geht von weniger Konsum aus

Steuereinnahmen für Spirituosen stiegen zeitweise zwar an (Januar: 197, 84 Millionen Euro, Februar 221,83 Millionen Euro). Im März (141, 96 Millionen Euro) und April 131,86 Millionen Euro) wurde aber deutlich weniger Alkohol gekauft. Erst im Mai mit 167,08 Millionen Euro stiegen die Steuereinnahmen wieder. Bei Schaumweinen zeigte sich ein ähnliches Bild (Januar: 43,81 Millionen Euro, Februar: 50,48 Millionen Euro, März: 23,35 Millionen Euro, April: 21,5 Millionen Euro und Mai: 31,23 Millionen Euro).

„Neben dem Zusammenbruch der Exportmärkte hat die dramatische Situation des Gastgewerbes in einem Dominoeffekt auf die Brauwirtschaft übergegriffen und den Fassbierabsatz über Wochen vollständig einbrechen lassen”, erklärte der Brauer-Bund. Marktdaten deuteten daraufhin, das die Menschen also insgesamt nicht mehr, sondern tendenziell weniger Alkohol in Krisenzeiten konsumieren.

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Langfristig geht der Alkoholkonsum in Deutschland zurück

In den Jahren 2017 bis 2019 waren die Steuereinnahmen durch den Kauf von Alkohol fast durch die Bank höher, wie aus der Antwort der Bundesregierung weiter hervorging. „Langfristig geht der Alkoholkonsum in Deutschland zurück”, hieß es. Bei Frauen sei der Rückgang stärker als bei Männern. Trank nach amtlichen Daten 1999 durchschnittlich noch jeder Deutsche 123 Liter alkoholhaltiges Bier, waren es zwanzig Jahre später noch 94 Liter.

Dennoch warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weiterhin davor, die Corona-Krise „wegzutrinken”. Man möge vielleicht denken, dass Alkohol dabei hilft, Stress zu bewältigen. Tatsächlich sei aber bekannt, dass gesteigerter Alkoholkonsum Symptome von Panik-Attacken, Depressionen und das Risiko für Gewalt in Familien erhöhe”, hieß es von der WHO.

 

 

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