CAPTAGON

Hat wirklich der IS 14 Tonnen Amphetamin nach Europa geschmuggelt?

In Süditalien sind 14 Tonnen Amphetamin beschlagnahmt worden, die von der Terrororganisation IS nach Europa geschmuggelt worden sein sollen. Doch es gibt Zweifel, ob das die ganze Geschichte ist.
Ein von der italienischen Finanzpolizei zur Verfügung gestelltes Video zeigt das ganze Ausmaß des Drogenfundes: Am
Ein von der italienischen Finanzpolizei zur Verfügung gestelltes Video zeigt das ganze Ausmaß des Drogenfundes: Am Hafen von Neapel wurden 14 Tonnen Amphetamin-Tabletten sichergestellt. GDF
Die insgesamt 84 Millionen Pillen mit einem Straßenwert von rund einer Milliarde Euro wurden in hohen Papierzylindern ge
Die insgesamt 84 Millionen Pillen mit einem Straßenwert von rund einer Milliarde Euro wurden in hohen Papierzylindern geschmuggelt. GDF
Salerno.

Am Hafen von Salerno in Süditalien sind 14 Tonnen Amphetamintabletten beschlagnahmt worden. Dies teilte die italienische Finanzpolizei (GDF) am Mittwoch mit. Insgesamt wurden 84 Millionen Pillen des Aufputschmittels „Captagon” mit einem Straßenwert von rund einer Milliarde Euro sichergestellt. Damit handelt es sich laut GDF um den weltweit größten Fund der synthetischen Droge, sowohl was die Menge als auch den Verkaufswert angeht. Den Angaben zufolge wurden die Pillen in Syrien hergestellt.

Sie seien vom Islamischen Staat nach Europa geschmuggelt worden, um die Aktivitäten der Terrorvereinigung in dem Bürgerkriegsland zu finanzieren. Die Tabletten seien in hohlen Papierzylindern transportiert und für den Weltmarkt bestimmt gewesen. Captagon ist der Markenname der Substanz Fenetyllin, die ursprünglich zur Behandlung von Narkolepsie, Depression und Hyperaktivität hergestellt wurde. Seit den 1980ern ist das Mittel in den meisten Ländern der Welt verboten. In Europa spielt Captagon auf dem Drogenmarkt nur eine untergeordnete Rolle.

Verbindungen zur italienischen Mafia

Nach Angaben der italienischen Finanzpolizei soll die Ladung für die Camorra, die in der Region Neapel agierenden kriminellen Familienclans, bestimmt gewesen sein. Salerno liegt rund 50 Kilometer südöstlich von Neapel. Während der Corona-Krise sei die Amphetamin-Produktion in Europa nahezu zum Erliegen gekommen, so die GDF. Dadurch sei Syrien zum führenden Hersteller von Amphetaminen weltweit geworden.

Der Fund mag aus zwei Gründen verwundern. Erstens scheint es in sich widersprüchlich, dass eine islamistische Organisation, die in ihren Einflussgebieten den Konsum von Alkohol, Drogen oder Zigaretten unter drastische Strafen bis hin zum Tod stellt, in den Drogenhandel verwickelt sein soll. Dieser Gedanke greift zu kurz. Amphetamine und vor allem Captagon-Nachahmungen sind im Nahen Osten weit verbreitet und werden sowohl von Teilen der Allgemeinbevölkerung als auch von Islamisten eingesetzt. IS-Kämpfer nutzen die Droge, um Angst, Schmerz und Müdigkeit zu unterdrücken. Aussteiger berichten, dass der IS eigens eine Fatwa, eine islamische Rechtsauskunft, erteilte, die es ihren Kämpfern erlaubt, Drogen zur Leistungssteigerung zu nutzen.

Ist der IS stark genug für diese Operation?

Ein zweiter Aspekt aber wirft größere Fragen auf. Nach Angaben der italienischen Behörden handelt es sich hier um den größten Captagon-Fund der Geschichte weltweit. Zwar hat der Islamische Staat zuletzt an Boden gewonnen. Von ihrer Basis in der Wüste Badia aus töteten IS-Kämpfer vor Kurzem mehrere syrische Regierungssoldaten, vor einigen Wochen lieferte sich ein IS-Trupp ein Feuergefecht nördlich der irakischen Hauptstadt Bagdad, bei dem zehn Kämpfer einer schiitischen Miliz ums Leben kamen.

Es soll der Organisation auch gelungen sein, einen Teil ihrer finanziellen Ressourcen zu retten. Doch der organisatorische Aufwand, um die Produktion und den Vertrieb einer Droge mit einem Straßenwert von einer Milliarde Euro zu organisieren, ist immens. So entstehen Zweifel, dass eine militärisch größtenteils geschlagene und zersplitterte Gruppe, die sich mittlerweile entweder in Gefangenschaft oder im Untergrund befindet, ein solches Unternehmen stemmen kann.

Nahost-Experte zweifelt an Angaben der Italienischen Polizei

Diese Frage beschäftigt auch Kenner des Landes. Der Islamische Staat besitze weder die Ausrüstung noch die Logistik, um eine solche Operation durchzuführen, sagt etwa der Nahost-Experte Tobias Schneider, Research Fellow beim Global Public Policy Institute in Berlin.

Schneider vermutet daher, dass die Drogen einen anderen Ursprung haben: „Die großen Captagon-Fabriken in Syrien südlich von Homs und die Haupthandelsstraßen werden von der Hisbollah-Assad-Connection kontrolliert”, schrieb Schneider auf Twitter. Baschar al-Assad ist der Präsident Syriens, die aus dem Iran finanzierte Hisbollah eine parteilich organisierte schiitische Miliz, die vor allem im Süden Libanons große Einflussgebiete besitzt.

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Salerno

Kommende Events in Salerno (Anzeige)

zur Homepage