Derzeit ist Corona allgegenwärtig, doch das könnte sich schon bald ändern.
Derzeit ist Corona allgegenwärtig, doch das könnte sich schon bald ändern. Christoph Soeder
Herdenimmunität

Ist die Corona-Pandemie im Frühjahr 2022 vorbei?

Zuletzt ist der Inzidenzwert überraschend gefallen, die Hoffnung auf ein Ausbleiben der vierten Corona-Welle wächst. Und mehr noch: Die Pandemie könnte schneller vorbei sein als gedacht.
Neubrandenburg

Als im Spätsommer das Wetter schlechter wurde und Zahl der Corona-Neuinfektionen kontinuierlich anstieg, befürchteten viele Bürger schon das Schlimmste: Ein früher Herbst und langer Winter könnten, angefeuert von einer deutlich ansteckenderen Delta-Variante des Virus, eine Eskalation der Corona-Zahlen bedeuten und das Land zurück in den lähmenden Zustand des vergangenen Jahresendes schicken. Doch jetzt zeichnet sich eine überraschende Wende ab: Der Inzidenzwert ist gesunken und pendelt sich auf niedrigem Niveau ein. Die von viele gefürchtete vierte Welle, so scheint es, ist schon vorbei, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat.

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Diese Ansicht vertritt zumindest der Statistiker Christian Hesse, Leiter der Abteilung für mathematische Statistik an der Universität Stuttgart. Dem Focus sagte Hesse, dass wir es vielmehr mit einer „Epidemie der Ungeimpften” zu tun haben. Was heißt das? Betrachtet man die Inzidenzwerte bei Geimpften und Ungeimpften separat, dann fällt auf: Während sich der Inzidenzwert für Geimpfte auf niedrigem Niveau, in den meisten Ländern zwischen 10 und 20, eingependelt hat, steigt er bei Ungeimpften an – derzeit bewegt er sich auf einem etwa 10 bis 15 Mal höheren Level als dem der Geimpften.

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Herdenimmunität bald erreicht?

Da die Menge der Geimpften deutlich größer ist als die Menge der Ungeimpften, wirkt sich eine Bewegung in der Menge der Geimpften stärker auf die Gesamtmenge aus als eine Bewegung in der Menge der Ungeimpften. Folglich fällt die Gesamtinzidenz, wenn die Zahl der Geimpften bei stabiler Geimpften-Inzidenz steigt. Die Folge: Der Inzidenzwert für die Gesamtbevölkerung sinkt langsam, aber kontinuierlich. Deshalb ist sich Statistik-Experte sicher: Es wird keine vierte Welle geben, solange das Impftempo anhält.

Mehr noch: Statistisch betrachtet müsse die Pandemie bereits im kommenden Frühjahr überwunden sein. Diese These hat bereits Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vertreten. Eine Herdenimmunität werde immer erreicht, die „Frage ist ja nur, wie: ob durch Impfung oder Ansteckung”, so Spahn. Nimmt man beides zusammen, so der Gesundheitspolitiker, könnte es bereits im Frühjahr 2022 so weit sein. Statistik-Experte Hesse pflichtet dem bei. Für eine Herdenimmunität würden rund 80 bis 85 Prozent Immunisierte benötigt.

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Drosten widerspricht optimistischer Einschätzung

Nehme man also vollständig Geimpfte und Genesene zusammen, dann könnte dieses Szenario relativ schnell eintreten. Derzeit sind rund 64 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, hinzu kämen rund 10 bis 15 Prozent Genesene. „Spahns Prognose für das Frühjahr ist also realistisch – wahrscheinlich erreichen wir die Herdenimmunität aber sogar noch früher”, prophezeit Mathematiker Christian Hesse.

Dieser optimistischen Einschätzung schließen sich Virologen nicht an. So glaubt Christian Drosten von der Berliner Charité, dass das derzeitige Abflachen des Inzidenzwertes ein vorübergehendes statistisches Phänomen ist und dass die vierte Welle noch gar nicht begonnen hat. Der Anstieg der Inzidenz Ende August, so Drosten, war nicht der Beginn der vierten Welle, sondern ging auf eingeschleppte Fälle und vermehrtes Testen an Schulen nach dem Ende der Sommerferien zurück. Ähnlich wie im vergangenen Jahr werde die vierte Welle aber erst im Oktober beginnen, in der zweiten Oktoberhälfte werde dann auch ein exponentieller Anstieg der Fallzahlen wahrscheinlich, so der Virologe.

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