:

István als Heiliger und Rockidol

Da steht er, als eherne Statue. Oben auf dem Burgberg. Der stolze Recke hoch zu Ross.

Viele Stunden des Tages umwimmelt von Besuchern. Umsummt, umsäuselt von Wortschwaden in Französisch, Japanisch, Englisch, Spanisch, natürlich Ungarisch und auch Deutsch - letzteres häufig im singenden Jargon der Österreicher, die liebend gern nach Budapest fahren. Und sie scheinen immer auf der Suche zu sein nach Devotionalien aus der Zeit von 1687 bis 1918, als die Kaiser Österreichs auch Ungarns Könige waren, seit 1867 als Doppelmonarchie.All das Treiben spielt vor ihm, dem ersten der ungarischen Könige - lange vor der Zeit der Habsburger - Stephan I., für die Ungarn István I.

Und mehr als das. "Er ist der Gründer des ungarischen Staates", sagt Naturwissenschaftler Sándor nachdenklich, und er setzt nachdrücklich hinzu, "Szent (Heiliger) István, er ist unser Nationalheiliger." Der eherne Reiter, sieht aus, als wollte er direkt von der Fischerbastei hineintraben in die Matthiaskirche. Schon der Standort des Denkmals - hin zum Gotteshaus - hat ungeheure Symbolkraft: Stephan machte die Ungarn zu Christen, soweit die das mitmachten. Dafür belohnte ihn der Papst im Jahre 1000 mit der Krone. Stephan/István steht mit dem Rücken zur Donau. Und dabei entgeht ihm das Schönste. Obwohl natürlich Mátyás templom, wie die Ungarn sagen, ein bestaunenswertes Bauwerk ist: fantasievoll das bunte Muster der glasierten Dachziegel, filigran der schlanke Turm, reich verziert die Portale. Die ungarischen Könige wurden in dieser Kirche gekrönt.

Schon als die erste Kirche am Standort gebaut wurde, 1255 bis 1269, wurde damit ein politisches Signal ausgesandt. Errichtet wurde sie als Liebfrauen-Pfarrkirche für die deutschen Siedler, die ins Land geholt worden waren. Die nomadisierenden ungarischen Stämme waren aus der Tiefe des Gebietes zwischen Wolga und Ural in die Pannonische Tiefebene eingewandert, um sich hier sesshaft zu machen - und hatten sich nach dem Westen orientiert. Stephan I. hatte die bayerische Prinzessin Gisela zur Gemahlin genommen; mit Hochzeiten wurden damals Machtinteressen bedient und Allianzen geschmiedet. Die Westorientierung vieler Völker des Ostens ist also keine Erfindung des 20. Jahrhunderts, im Einklang mit materiellen Zuwendungen aus Brüsseler Kassen, sie erweist sich im Falle der Ungarn über die Jahrhunderte als strategische Orientierung - bei Einbringung der eigenen Identität.

Folgt der Besucher erst einmal weiter der Blickrichtung der Stephanstatue, dann öffnet sich hinter der Kirche eine kleine Stadt, quer auf dem Hügel. Da steht das Alte Rathaus zu Buda, in dem man sich den Typus des österreichischen Beamten gut vorstellen kann. Heute gehen Wissenschaftler ein und aus. Vor dem Westflügel des einstigen Amtsgebäudes erhebt sich ein weiteres Reiterdenkmal. Es ist einem Angehörigen des Dritten K. u. K. Husarenregimentes von Arad gewidmet, András Hadik. Der machte 1757 seiner Herrin, Maria Theresia, eine besondere Freude, als er an deren Namenstag Berlin einen Tag lang besetzte und Friedrich II. damit gar sehr erschreckte. Schön, wie die Fremdenführer diese die Seele von Ungarn und Österreichern gleichermaßen erquickende Geschichte ausschmücken, eingeschlossen den Dank der Kaiserin: Sie machte den Husaren ratzbatz zum Feldmarschall. Sehr gegenwärtig geht es zu in einer kleinen Konditorei vom Rang einer Institution - dem Café Ruszwurm.

Es besteht seit 1827, seit 1890 unter dem heutigen Namen. Das Haus stammt aus dem Mittelalter, die Möbel im Stil des Biedermeier strahlen altmütterliche Gemütlichkeit aus - legendär sind die Cremeschnitten und die anderen süßen Leckereien, die man an den Auslagen auswählen kann. Ähnlich traditionsreich ist in der geschäftigen Innenstadt das Kaffeehaus Gerbeaud, das seit 1858 besteht, sich im Interieur wienerisch gibt - wienerischer als in Wien ist vieles in Budapest, wie Kenner beider Metropolen behaupten; der Ungar hört das mit stillem Vergnügen. Doch nach dem kleinen Braunen im "Ruszwurm" und vor dem Espresso im "Gerbeaud" folgt der schönste Anblick von Budapest, von der Fischerbastei in ihrem Zuckerbäckerstil hinunter auf die Donau und die Pester Seite.

Natur und Architektur fügen sich zu einem lebensprallen, prachtvollen Gesamtkunstwerk. In dieses Idyll, hinein in den Garten des Restaurants "Corso" an der regen Váci utca mit ihren Hunderten Geschäften, Bars und Cafés erklingt plötzlich, zu Palatschinken, Jungfernmedaillons und Wein vom Plattensee - wohl aus einem Fernseher in der Nähe - die Nationalhymne. "Das Parlament tagt", sagt Sándor erläuternd. Und zerstört das Traumbild. Für ihn wie für viele Einwohner der Hauptstadt ist es ein Graus, dass bei den Wahlen nicht nur die rechtskonservative Fidesz die Sozialisten vom Thron stieß, sondern zudem die rechtsextreme Partei Jobbik (Die Besseren) in die Nationalversammlung einzog. Deren Führer sorgte für einen Skandal, als er bei der Vereidigung der Abgeordneten die Anzugjacke abwarf und plötzlich in der Weste der gerichtlich verbotenen paramilitärischen Ungarischen Garde dastand, die antisemitische und ausländerfeindliche Parolen verbreitet und soziale Ängste schürt.

Die Nationalhymne erklingt auch am Abend, im Finale der Rockoper "István, a király" (König Stephan), gegeben im Ungarischen Theater. Mitreißende Musik, schnelle Tänze und Kampfszenen, wunderschöne Kostüme und ein tolles Bühnenbild vereinigen sich zu einem monumentalen Musikwerk über den Kampf zwischen dem christlich gesinnten Stephan und dem heidnischen Koppány. Am Ende senkt sich eine gewaltige Stephanskrone auf die Bühne. Der Beifall will nicht enden.So ist es im Ungarischen Theater. So war es bei einer Freiluftveranstaltung auf der Margareteninsel. So war es 2003 bei einer Aufführung in Siebenbürgen im Nachbarland Rumänien, als 500 000 Zuhörer zusammenströmten. Allein wegen der schönen Szenen und der Musik von Levente Szörenyi und Janos Bródy? Wegen einer mythischen Geschichte? Oder gar wegen eines "ungarischen Traumas", einer im kollektiven Bewusstsein nicht verarbeiteten Vergangenheit, wie kritische Beobachter fragen?

Es ist lange her und dennoch nicht zu übersehen: Nach dem Ersten Weltkrieg, 1920 mit dem Vertrag von Trianon, hatte Ungarn mehr als zwei Drittel seines Staatsgebietes verloren. Über die Hälfte der Bevölkerung fand sich in fremden Staaten wieder. Heute bilden nicht in ihrer einstigen Heimat lebende Ungarn Europas größte Minderheit. Viele von ihnen sind unzufrieden und schauen verklärt nach Budapest. Hier bedient sich Jobbik populistisch der Mystik der Stephanskrone und der Erinnerung an den ehedem größeren Staat im Karpatenbecken. Hören die Nachbarn das - in dem Europa, in dem Ethnien, Nationalitäten und Grenzen kein Konfliktpotential mehr bergen sollen - wird ihnen unbehaglich. Denn auch die mit Mehrheit regierende Fidesz sorgt für Irritationen.

Ein neues Gesetz ermöglich es ethnischen Ungarn in den Nachbarländern, die ungarische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Soll so der Vertrag von Trianon nach 90 Jahren revidiert werden? Geht es um ein "Groß-Ungarn"? Selbst Brüssel ist verstimmt. Die Slowakei reagierte sofort harsch: Slowaken, die eine andere Staatsbürgerschaft annehmen, verlieren die slowakische. Und Sándor, ein Mann, dem Geschichte und Zukunft des Landes am Herzen liegen? Die ungarische Nation als Schicksalsgemeinschaft per Pass über Grenzen hinweg zusammenzuführen, wie die konservative Politik ihr Tun begründet, hält der logisch denkende Wissenschaftler für das falsche Signal: "Wer Ungar sein will, soll hierher ziehen und Steuern zahlen."

Fidesz, sieben Brücken, Auslandsungarn

Das Land Ungarn hat eine Fläche von 93 000 Quadratkilometern und 10,1 Millionen Einwohner. Rund 97 Prozent sind Ungarn (Magyaren), die größte Minderheit bilden Sinti und Roma (zwei Prozent). Fast zwei Drittel der Bevölkerung wohnen in Städten. Seit 1999 ist das Land Mitglied der NATO. 2004 wurde es in die Europäische Union aufgenommen. Seit 2010 regiert die konservative Partei Fidesz mit absoluter Mehrheit.Die Hauptstadt Budapest, beiderseits der Donau liegend und mit sieben Brücken verbunden, hat rund zwei Millionen Einwohner. Die Metropole entstand 1872 durch den Zusammenschluss von Buda, Pest und Óbuda.

Mit Recht könnte die Stadt den Titel Bad führen, denn in Buda sprudeln zahlreiche heilkräftige Thermalquellen. Schon vor 1900 Jahren befand sich hier eine Hauptstadt, die der römischen Provinz Pannonia Interferior: Aquincum.In den Nachbarländern Ungarns leben viele Menschen mit ungarischen Wurzeln: 1,4 Millionen in Rumänien, 520 000 in der Slowakei, 300 000 in Serbien, 150 000 in der Ukraine, 40 000 in Österreich, 16 000 in Kroatien, 6000 in Slowenien. Die Slowakei ist erst seit 1918 eigenständig, vorher wurde sie von Ungarn beherrscht. Diet"Wer Ungar sein will, soll hierher ziehen und Steuern zahlen."