Wandbilder waren gestern
Jetzt kommt das pinke Geweih

Bunt gestaltete Tierpräparate an der Wand sind echte Hingucker.
Bunt gestaltete Tierpräparate an der Wand sind echte Hingucker.
Franziska Kraufmann

Die Jagdtrophäe ist zurück in den Wohnzimmern. Und wie! Braun-grauer Wandschmuck? Muss nicht sein! Designer Rolf Miess hat da prächtig glitzernde und blinkende Exemplare im Sortiment.

Vergoldete Schaufeln und pinkfarbene Knochen. Tiefschwarze Hörner, der Schädel mit Nieten besetzt. Ein Hingucker sind die aufgemotzten Geweihe von Rolf Miess zweifellos. Mal arbeitet er mit Neonfarben, mal mit Strasssteinen. Nur Latex und Wachs nutzt er nicht. „Da geht die Struktur verloren“, sagt der 36-Jährige, der die Produktion vor Kurzem aus der Privatwohnung in angemietete Räume in Kernen im Remstal bei Stuttgart verlegt hat. 95 Prozent der Jagdtrophäen, die er hier verziert, stammen aus Nachlässen von Jägern. Darunter Rehe, Hirsche, Elche und Rinder. „Dabei ist es schwierig, an gute Qualität zu kommen“, sagt Miess. Denn während Jäger ausgefallene, krumme oder abgestoßene Hörner bevorzugen, lege seine Kundschaft viel Wert auf Symmetrie und Perfektion. Wenn links sechs Enden abgehen, dann bitte auch auf der rechten Seite.

Es begann alles mit einem Erbstück

Angefangen hat der hauptberufliche Bezirksleiter einer Bank, als ihm eine Kundin ein Hirschgeweih vererbt hatte. Einfach in den Keller sperren wollte Miess es nicht, im blanken Zustand an die Wand hängen aber auch nicht. Also begann er vor fünf Jahren, Hörner zu vergolden, Schädel mit Strass zu verzieren. Erst privat, mittlerweile hat er eine Angestellte und nach Feierabend gut 20 Stunden pro Woche zu tun.

Der Großteil der Kunden sind Frauen, sagt Miess. „Die nutzen solche Geweihe als ausgefallenes Bildersatzmittel.“ In den Regionen Hamburg, München, Wien, Köln und Frankfurt sei die Nachfrage groß. Auch Berlin komme. Die meisten seiner Kreationen verkauft Miess, der sich als Designer bezeichnet, nach eigenen Angaben an Privathaushalte, gefolgt von Gastronomie und Büroräumen. Die Preise sind so individuell wie die Werke selbst: „Ich sage immer: von zehn Euro bis unendlich.“

Geweihe sind längst keine verstaubten Relikte aus Großvaters Zeiten, sondern halten Einzug in Studenten-WGs und Wohnzimmer. Die Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen schrieb 2007 dazu: „Das Revival von Kuckucksuhr, Jagdtrophäe und Kreuzstich steht für die Wiederentdeckung des Regionalen, ist aber auch als Zusammenschluss der ‚lokal Kreativen‘ mit einer sozialkritischen Botschaft wider die Grenzenlosigkeit der Globalisierung versehen.“

Steinbockköpfe mit vergoldeter Sonnenbrille

Heidrun Jecht vom Badischen Landesmuseum ergänzt: „Das war ein Trend, der jetzt zur omnipräsenten Mode geworden ist.“ Weil aber auch kommerzielle Hersteller aufspringen und Massenware produzieren, gehe die ursprüngliche künstlerische Absicht, der ironische Bruch mit altbekannten Werten, verloren. So wolle der Offenburger Künstler Stefan Strumbel mit seinen Kuckucksuhren, die mit grellen Farben und Totenköpfen aufgepimpt sind, provozieren. Je individueller, desto besser, sagt Jecht. Am besten mit viel Bling-Bling. Das wird auch in der Geweih-Manufaktur von Rolf Miess deutlich. Selbst die präparierten Steinbock- und Hirschköpfe sind mit Federboa und vergoldeter Sonnenbrille gestylt.

„Sehr beliebt sind im Moment Nieten“, sagt Miess. Die Anfrage eines Dominastudios habe ihn darauf gebracht. Und auch sonst probiere er viel aus. „Da mussten anfangs einige Geweihe drunter leiden.“ Eines hat Miess bei seiner Arbeit mit Geweihen übrigens festgestellt: „Frauen achten sehr darauf, dass es gut aussieht. Männer wollen es eher groß und mächtig.“