DIE VERDRÄNGTEN ARMEN

Londons Parallelgesellschaft lebt auf den Flüssen der Stadt

In der britischen Hauptstadt steigen die Wohnungspreise unaufhaltsam. Die eigenen vier Wände sind für viele Londoner trotz Job Luxus. Ihre Alternative: heruntergekommene Hausboote.
dpa
Es sieht idyllisch aus, wie Boote angetaut am Kai liegen. Aber für viele ist es eben kein Rückzugsort für die sonnigen und warmen Tagen, sondern ihr Zuhause ohne fließendes Wasser und Badezimmer.
Es sieht idyllisch aus, wie Boote angetaut am Kai liegen. Aber für viele ist es eben kein Rückzugsort für die sonnigen und warmen Tagen, sondern ihr Zuhause ohne fließendes Wasser und Badezimmer. Marie Zahout
London.

Mehr als zehn Hausboote reihen sich aneinander. Manche sind bunt bemalt, bei einigen ist die Farbe ganz abgeblättert. Seetüchtig sind nur noch wenige, ab und zu schaukeln sie über eine Welle hinweg. Die Gezeiten der Nordsee machen sich an diesem Stück der Themse bei London noch bemerkbar.

Am Nachmittag halten die ersten Autos an einer Straße in Ufernähe. Menschen schleppen Kisten auf die Boote, andere tragen Müllsäcke von ihrem schwimmenden Zuhause. Die Menschen verdienen ihren Unterhalt meist mit einfachen Arbeiten. Einem Artikel des „Guardian“ zufolge wohnen hier Straßenreiniger, Küchenhilfen und andere schlecht bezahlte Berufsgruppen. Genaue Informationen über die Lebensverhältnisse der Menschen hier haben die Behörden kaum.

Umgerechnet rund 1200 Euro kostet die Monatsmiete für eine Einzimmerwohnung in Richmond, am südwestlichen Rand Londons gelegen. Im Schnitt verdienen die Einwohner der britischen Hauptstadt jedoch nur rund 2400 Euro netto. Wer zu den Geringverdienern gehört, kann sich kaum noch eine Unterkunft leisten. Bezahlbar bleibt dagegen eine Kammer für umgerechnet 300 bis 400 Euro auf einem heruntergekommenen Hausboot, einige Kilometer von Richmond entfernt.

„Mich kostet ein ganzes Boot zehn Pfund (rund zwölf Euro) die Nacht“, sagt ein Mann um die 30. Seinen Namen möchte er nicht verraten. Zusammen mit seiner Freundin wohnt er seit mehr als zwei Jahren auf dem kleinen Boot. Er stammt aus dem nur wenige Kilometer entfernten Twickenham. Eine feste Arbeitsstelle hat er nicht. „Wenn ich mal Geld brauche, verdiene ich das mit Schreinereiarbeiten“, erklärt er.

Fließendes Wasser oder ein Badezimmer gibt es nicht

Im Gegensatz zu vielen anderen wohnt er hier freiwillig, nicht aus der Not heraus. Für Aussteiger wie ihn bedeutet das Leben auf dem Hausboot Freiheit. Um hier wohnen zu können, muss er keine Selbstauskunft ausfüllen.

4000 bis 5000 Hausboote gibt es auf der Themse und anderen Gewässern Londons, wie eine Untersuchung der London Assembly aus dem vergangenen Jahr zeigt. Rund 10  000 Londoner leben das ganze Jahr über auf einem Boot. Wie viele davon finanzielle und wie viele ideelle Gründe antreiben, ist nicht bekannt. Auf den zwei größten der Hausboote bei Teddington Lock leben jeweils etwa zehn Menschen. Sie teilen sich eine Chemietoilette. Zentralheizung, fließendes Wasser oder gar ein Badezimmer gibt es nicht. Duschen müssen die Bewohner in der örtlichen Turnhalle.

Beim Wehr Teddington Lock endet der Zuständigkeitsbereich der Hafenbehörde. Wie eine Barriere trennt die mächtige Stauanlage die schäbigen Hausboote von den vielen schicken Booten. Es ist eine Parallelgesellschaft, in der die Menschen hier leben.

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