CORONA-STERBERATE

Mehr Infektionen, aber nur wenige Tote: Wie kommt das?

In der zweiten Corona-Welle stieg die Zahl der Neuinfektionen sprunghaft an. Trotzdem blieb die Covid-Sterberate bis zuletzt niedrig. Warum?
Im Frühjahr starben viele ältere Menschen – wie hier in Wildeshausen (Niedersachsen) – corona-bedingt in
Im Frühjahr starben viele ältere Menschen – wie hier in Wildeshausen (Niedersachsen) – corona-bedingt in Pflegeheimen. Heute sind Risikogruppen besser geschützt. Sina Schuldt
Neubrandenburg ·

Seit Anfang Oktober steigt die Zahl der Corona-Neuinfektionen bundesweit wieder stark an. Im November wurde bisher fast jeden Tag das Zehnfache der Ansteckungszahlen gemeldet, die wir aus den Monaten August und September kennen. Bis Ende Oktober blieb aber die Zahl der Corona-Toten in Deutschland stabil niedrig, danach wurde nur ein leichter Anstieg ermittelt. Corona-Kritiker sehen dies als Beleg dafür, dass das Virus harmlos ist oder harmloser wurde und die Maßnahmen, die von der Regierung für den Monat November beschlossen wurden, ungerechtfertigt sind.

Auf den ersten Blick mag diese Begründung gar nicht unlogisch klingen. Doch sehen wir uns die Zahlen einmal genauer an. Auch in der ersten Welle gab es eine zeitliche Verzögerung zwischen Infektionsmeldung und Sterbedatum. Nach Zahlen des Robert-Koch-Instituts erreichte die Sterberate im Frühjahr ihren Höhepunkt in den Kalenderwochen 15 und 16, also zwischen dem 6. und 19. April. Der Höhepunkt der Infektionsmeldungen hingegen lag in den Kalenderwochen 13 und 14, also zwischen dem 23. März und dem 4. April. Als die Todesfälle Mitte April ihren Höhepunkt erreichten, flachte die Kurve der Neuinfektionen lockdown-bedingt bereits deutlich ab.

Gibt es in Deutschland bald 2000 Tote täglich?

Diese zeitliche Verzögerung von damals rund zwei Wochen sollte sich bei der über den Sommer angestrengten Zunahme der Tests verlängern: Je mehr getestet wird, desto häufiger wird das Virus auch früher erkannt, wodurch sich statistisch der zeitliche Abstand zwischen einer Infektionsmeldung und dem Tod des Infizierten vergrößert. Da die zehn Tage mit den meisten Neuinfektionen in den vergangenen zwei Wochen liegen, kann man also davon ausgehen, dass die Zahl der Sterbefälle in den kommenden zwei bis vier Wochen stark ansteigen wird.

Und derzeit sieht es tatsächlich so aus: Am 2. November überschritt die Zahl der Covid-Toten mit 156 erstmals seit Mai wieder die Marke von 100, am 4. November (232) die Marke von 200 und am 10. November (373) die Marke von 300 Toten pro Tag – Tendenz weiter steigend. Folgt man nun strikt einer Korrelation der Zahlen, dann drohen in den kommenden Wochen Tage mit 2000 oder mehr Toten. Der Grund: Am 15. April wurde mit 510 Toten der bisherige Höhestand erreicht und die Zahl der Neuinfektionen hat sich gegenüber den Höchstständen im April in etwa vervierfacht.

Immer mehr Jüngere stecken sich an

Doch diese Annahme ist zu krude. Erstens hat sich die Altersstruktur der Infizierten geändert: Während sich im Frühjahr noch die Über-80-Jährigen am häufigsten ansteckten, verzeichnen heute junge Menschen zwischen 15 und 34 bei Weitem die meisten Neuinfektionen, gefolgt von den 35- bis 59-Jährigen. In Berlin wurde zuletzt sogar bei den 15- bis 19-Jährigen am häufigsten eine Corona-Neuinfektion diagnostiziert, gefolgt von der Gruppe der 20- bis 24-Jährigen. Die Zahl der besonders Gefährdeten hat damit relativ gesehen deutlich abgenommen.

Dies liegt nicht nur daran, dass sich junge Menschen oft auf Feiern oder beim Reisen angesteckt haben, sondern auch daran, dass sich Risikopatienten selbst besser schützen und es zum Beispiel in Krankenhäusern und Pflegeheimen Einschränkungen bei Besuchen gibt. Zweitens könnte die Zunahme der Tests die Sterberate positiv beeinflussen. Je mehr getestet wird, desto früher werden Covid-Erkrankungen erkannt. Dementsprechend früh können Ärzte mit der Behandlung beginnen, was die Überlebenschancen besonders bei Risikogruppen erhöht.

Frage der Sterberate wird wohl erst nächstes Jahr beantwortet

Und drittens hat die Medizin heute schlicht mehr Erfahrung mit Covid-19 und weiß besser als im Frühjahr, wie die Krankheit effektiv behandelt werden kann. Somit wird die Relation zwischen den Zahlen der Neuinfektionen und der Corona-Toten durch verschiedene Faktoren bedingt. Welche davon ausschlaggebend sind, wird sich erst in den kommenden Wochen herausstellen.

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Experten sind sich allerdings einig, dass es noch zu früh ist, um eine fundierte Covid-Sterberate zu errechnen. Denn selbst die Übersterblichkeit, die im Frühjahr über den Durchschnitt der vergangenen Jahre stieg und dann darunter fiel, ist hier kein zuverlässiger Indikator. Durch die Lockdowns, Hygieneverordnungen und Selbstbeschränkungsmaßnahmen in der Bevölkerung sinkt schlicht auch die Zahl der Tode, die auf andere Ursachen zurückzuführen sind. Die Frage nach der Corona-Sterblichkeit bleibt also weiterhin offen.

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Kommentare (1)

wie hätte der NK es denn gern? Mehr Tote? Brauchen wir amerikanische Verhältnisse? Wir sollten froh darüber sein, dass die Sterblichkeitsrate im Vergleich zu anderen Ländern so gering ist