CORONA-PANDEMIE

Schwedens Sonderweg ist gescheitert

Lange galt Schweden als Corona-Vorzeigemodell, heute steht das Land vor der Katastrophe. Was ist schief gegangen in diesem gewaltigen Corona-Experiment, unter dem nun das ganze Land leiden muss?
Die Corona-Infektionszahlen in Schweden steigen kontinuierlich.
Die Corona-Infektionszahlen in Schweden steigen kontinuierlich. Henrik Montgomery
Schwedens Ministerpräsident Stefan Löfven verteidigt seinen Weg weiter.
Schwedens Ministerpräsident Stefan Löfven verteidigt seinen Weg weiter. Maxim Thore
Stockholm.

Auf so mancher Corona-Demo in Deutschland reichte schon ein Wort, um die Masse in Aufruhr zu versetzen: „Schweden”. Der liberale Sonderweg, den das Drei-Kronen-Land zu Beginn der Corona-Pandemie einschlug, war für Kritiker der Corona-Maßnahmen Ausdruck von so Vielem. Von dem, was angeblich so alles falsch läuft im Staate Deutschland. Von der Möglichkeit, den verhassten Regeln, Maßnahmen und Anordnungen zu entgehen, die seit März das Leben in der Bundesrepublik bestimmen. Und im Stillen vielleicht auch von der Hoffnung, in der Krise mit einem blauen Auge davonzukommen. Dabei setzten die Kritiker immer voraus, dass der schwedische Sonderweg tatsächlich funktioniert. Doch in den vergangenen Wochen verfestigten sich die Anzeichen dafür, dass Schwedens liberaler Weg geradewegs in die Katastrophe führt.

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Während in fast allen westeuropäischen Ländern die Infektionszahlen kontinuierlich zurückgehen, steigt die Zahl in Schweden zunehmend stark an. Schweden hatte nach Angaben der WHO mit Stand Donnerstag in den vergangenen zwei Wochen mehr Neuansteckungen als alle anderen europäischen Länder mit Ausnahme Großbritanniens. Nicht nur das: In diesem Zeitraum lag die Zahl der schwedischen Neuansteckungen mit 14.734 Infektionen deutlich über der Gesamtzahl von rund 25 anderen europäischen Ländern, darunter Deutschland, Italien, Niederlande, Österreich, Schweiz, Irland, Tschechien und der nördlichen Nachbarn Dänemark, Norwegen und Finnland.

Ähnlich schlecht fahren derzeit nur Weißrussland, deren Präsident Alexander Lukaschenko das Coronavirus kurzerhand zu einer Verschwörungstheorie erklärte, und die neuen Corona-Hotspots Russland und Türkei. Auch die Zahl der Toten ist in Schweden ungewöhnlich hoch. Bei – Stand Donnerstag – 54.562 Infizierten verzeichnet das Land 5041 Tote. Verglichen mit Deutschland hat Schweden mit seinen 10,3 Millionen Einwohnern auf die Bevölkerungszahl gerechnet fünfmal so viele Todesfälle.

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Rechte bezeichnen Schwedens Sonderweg als „Massaker”

Es ist also wenig überraschend, dass nun auch im Königreich erstmals Unmut laut wird. Besonders die oppositionellen Rechten sparen nicht mit Kritik an der Haltung der rot-grünen Minderheitsregierung. So bezeichneten die rechtspopulistischen Schwedendemokraten den liberalen Sonderweg des Landes jüngst als „Massaker” an der Bevölkerung. Selbst Staatsepidemiologe Anders Tegnell übte zuletzt Selbstkritik: „Es wäre gut, wenn man genauer wüsste, was man noch hätte schließen sollen, um die Ausbreitung effektiver zu verhindern”, sagte Tegnell in einem Radiointerview.

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In Schweden war durchgängig alles offen: Grundschulen, Kitas, Bars, Restaurants, Geschäfte. Es gab ein Besuchsverbot in Altersheimen und eine Teilnehmergrenze für Großveranstaltungen, ansonsten verließ man sich auf die Vernunft der Bürger. Doch jetzt, da die Lage in einigen Regionen des Landes eskaliert, müssen härte Geschütze aufgefahren werden: Nachdem in einer Gemeinde im dünn besiedelten Lappland nördlich des Polarkreises die Zahl der Corona-Neuinfektionen außer Kontrolle geriet, schloss die Verwaltung in Abwesenheit von Regierungsmaßnahmen alle Freizeit- und Kulturanlagen. Der öffentliche Nahverkehr in der Stadt Gällivare wurde eingestellt, weitere Maßnahmen sollen getroffen werden.

Schweden gilt als Corona-Risikogebiet

Bei den europäischen Nachbarn hat man bereits auf die Probleme in Schweden reagiert: Die skandinavischen Nachbarn Dänemark, Norwegen und Finnland halten ihre Grenzen für Schweden geschlossen, die Bundesrepublik hat das Königreich als einziges EU-Land noch als Corona-Risikogebiet deklariert. Einreisende aus Schweden müssen 14 Tage in Quarantäne, darüber hinaus gilt eine Reisewarnung für das Drei-Kronen-Land.

Mittlerweile schwindet auch in der eigenen Bevölkerung die Unterstützung. „Das Vertrauen in die Regierung und die Gesundheitsbehörde ist eingebrochen”, vermeldete vergangene Woche der öffentlich-rechtliche Sender SVT. „Der Anteil derer mit großem oder relativ großem Vertrauen in die Corona-Maßnahmen ist um rund 20 Prozentpunkte gesunken.” Schwedens Ministerpräsident Stefan Löfven versprach, eine Kommission einzusetzen, die sich mit der schwedischen Corona-Strategie kritisch auseinandersetzen soll. Löfven verteidigt seinen Weg weiter, doch die Nerven scheinen schon jetzt blank zu liegen: Die Medizinprofessorin Harriet Wallberg sollte als neue Koordinatorin der Regierung mehr Testmöglichkeiten im Land schaffen. Sie schmiss den Job schon nach drei Wochen.

Wie es nun weitergehen soll, ist ungewiss. Ein Grund für den Unfrieden dürfte auch sein, dass sich die schwedischen Hoffnungen schlicht nicht erfüllten. Nicht nur hat man ein exponenzielles Wachstum der Neuansteckungen und eine hohe Zahl an Todesfällen nicht verhindern können. Auch ist Schweden weit von einer Herdenimmunität entfernt. Experten gehen davon aus, dass 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung immun sein müssen, um die unkontrollierte Ausbreitung des Virus zu stoppen. Selbst in der Corona-Hochburg Stockholm sind nach Hochrechnungen der schwedischen Gesundheitsbehörden aber nur gut sieben Prozent der Einwohner Corona-positiv. Darüber hinaus leidet das Königreich wirtschaftlich mindestens genau so stark wie seine europäischen Nachbarn. Im Land wächst langsam aber sicher die Befürchtung, auf der falschen Fährte gewesen zu sein.

 

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Kommentare (9)

No words needed..

Schweden oder die schwedische Bevölkerung irretiert mich immer mehr. Sei es in ihrer Asylpolitik oder jetzt bei Corona. Wahrscheinlich sind die uns Deutschen von der Mentalität oder Erziehung her 10-20 Jahre voraus. Wir Schweden setzen bei Corona auf Vertrauen. So wurde das hier in den Medien breit getreten. Ich sage jetzt L E I D E R: Lernen durch Schmerz. Hoffentlich kommen die wieder zur Besinnung.

Schon interessant wie verschieden Rechtspopulisten agieren... Hier in Deutschland wirft man der Bundes-und Landesregierung starke Beschränkung der Grundrechte vor. Populisten unterstützen Verschwörungstheoretiker und organisieren Montagsspaziergänge, Streit bei Zweitwohnung usw. ... Jede weitere Lockerung in Deutschland geht nicht schnell genug und es gibt Corona- Demonstranten, die eine schwedische Flagge schwingen, als Zeichen der freien Demokratie... In Schweden kippt jetzt aber die Stimmung und die Populisten werfen ihre Regierung einen " Massaker" an der Bevölkerung vor... Herrlich, so unterschiedlich kann Rechtspopulismus sein... Massaker/ Grundrechte ...

... wenn die 2.Corona-Welle durchs Land rauscht und erneut Lockdown, Shutdown und Work- und Socialdown eintreten. Dann wird es kein Balkongefiedel und Beifall mehr geben.

Auch an diesem Artikel hier kann man sehen, wie „trendy“ es derzeit in der deutschen Medienlandschaft ist, über Schweden abzulästern. Der Autor ist sich nicht mal zu blöd, das Wort vom „Massaker“ der rechtsextremen „Schwedendemokraten“ ohne große Einordnung zu wiederholen, obwohl klar ist, dass das absolut unangemessene Parteipropaganda ist. Auch ansonsten beinhaltet der Artikel reihenweise Fehlinformationen bzw. -interpretationen.
So steigt die Zahl der Infektionen definitiv nicht „zunehmend stark an“ (das würde bedeuten „exponentiell“). Tatsächlich steigt die Zahl der realen Infektionen überhaupt nicht an, sondern sinkt - ausweislich der Hospitalisierungen, die kontinuierlich zurückgehen. Was ansteigt, ist die Zahl registrierter Infektionen, weil man sich seit einigen Wochen um eine deutliche Ausweitung der Tests bemüht. Was im Gegensatz zum Tenor des Artikels auch erfolgt.
Man erkennt somit jetzt auch Infektionen, die man zuvor mangels schwerer Symptome ohne Test eben nicht registriert hat, die es aber gleichwohl genauso gab.
Ebenso völlig fehlinterpretiert wird die Zahl von nur 7% Immunität im Raum Stockholm. Dies wird als aktueller Stand dargestellt, ist aber tatsächlich ein Wert, der auf Untersuchungen von Ende April zurückgeht. Und diese Antiköpertests spiegeln das Infektionsgeschehen im März (!) wieder.

Jetzt haben wir bald Ende Juni...

Leider unterlaufen dem Herrn Korbmacher viele handwerkliche Fehler und zudem scheint es mir, dass
es sich um eine einseitige Meinungsmache des Redakteurs handelt. Welche Motive er hat, erschliesst sich mir nicht...
Auf jeden Fall ein katastrophaler Artikel ...ganz schwache Leistung!

Immerhin hat er Shakespeare zitiert, das zeugt von journalistischer Raffinesse.

Ich schliesse mich der Stellungnahme vonm RLohse an und möchte darüber hinaus festhalten, dass absolut jeder,
der an den globalen und lokalen Massnahmen zweifelt in die Pfanne gehauen wird.
Von Stefan Kohn hört man nichts mehr, wurde ja auch sofort suspendiert und als Verschwörungstheoretiker diffamiert.
Ich zumnindest habe mir die ca. 90 Sieten inclusive Querverweisen durchgelesen und kann keinerlei Verschwörungstheorie
erkennen, sondern Fakten. Wahr ist, das man IMMER die Kollasteralschäden im Auge haben muss und wenn die größer sind
als die Schäden durch Covid, dann ist ein Lockdown unsinnig. Niemand unternimmt aber den Versuch, das zu quantifizieren,
das ist fahrlässig, denn es liegt offen auf der Hand, das diese höher sind als die Covid Schäden - und damit meine ich
nicht die kommerziellen Schäden. Am Ende wird sich erweisen, dass die Letalität allenfalls 0.1 % ist und alle Massnahmen
vollkommen überrissen sind.
Weiter unberücksichtig bleibt die Verhältnismässigkeit. Zerstörung von Existenzen und ganzer Wirtschaften, bei in D 9000 Toten
von denen man nicht wiess ob sie an oder mit Covid gestorben sind, Durchschnittsalter 81 (Schweden 87) von denen der Pathologe
Püschel nach Obduktion festegestellt hat, dass ALLE mindestens eine schwere Vorerkrankung hatte und wahrscheinlich im Verlauf des folgenden Jahres sowieso gestorben wäre. Haben Sie mal einen alten Menschen im Heim, die wir ja angeblich schützen wollen, gefragt ob der damit einverstanden ist, dass er weggesperrt wird, sozial isoliert und ggfs einsam stirbt ? Meine Mutter ist 88, dement
und das ist das letzte, was Sie will. Was meinen Sie wie diese Menschen abbauen !
Wie leicht ist es den Politkern gelungen, die Bürger in Panik zu versetzen und auf Ihre Freiheitsrechte zu verzichten !
Wie die Lemminge läuft eine großer Teil der Bevölkerung hintern denen her und klatscht noch Beifall wenn er eingesperrt wird !
Errinert Sie das nicht an etwas in unserer Geschichte ?
Konkret zu dem obigen Artikel: Wer sich die Mühe macht und die Primärquellen ansieht, das sind die Daten des schwedische Gesundheitsministeriums, wird leicht erkennen, dass die Infektionszahlen mit ca.76500 hoch sind, in Schweden will man aber
eine Herdenimmunität, insofern ist das angestrebt.
Seit Anfang April sinken aber die Intensivfälle und die Zahl der Toten und sind bei fast Null angekommen (avlidna per dag) , ganz klar der Beweis dass der schwedische Weg der richtige ist und sie einen hohen Grad der Durchseuchung erreicht haben.
Macht Euch selbst ein Bild und lasst Euch nicht verarschen:

https://www.folkhalsomyndigheten.se/smittskydd-beredskap/utbrott/aktuella-utbrott/covid-19/statistik-och-analyser/bekraftade-fall-i-sverige/

hier der direkte link, bei dem vorigen musste man noch auf "Daglig statistik vardagar" klicken

https://experience.arcgis.com/experience/09f821667ce64bf7be6f9f87457ed9aa

Entschuldigung für die vielen Rechtschreibfehler, habe mich mal wieder über diese Schwachsinnsmaßnahmen in Rage geschrieben.
Ich könnte dazu noch vile mehr schreiben und Fakten bringen ........