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So mancher Zugvogel endet im Süden im Kochtopf

In Frankreich gilt die Gartenammer als Delikatesse.
In Frankreich gilt die Gartenammer als Delikatesse.
AAG

Allein an der ägyptischen Mittelmehrküste wartet eine 700 Kilometer lange Fanganlage auf die Piepmätze.

Schwerin. Einer Gartenammer muss diese Menschheit schizophren erscheinen. In Mecklenburg-Vorpommern sorgen sich Naturschützer sehr um den Singvogel mit dem graugrünen Kopf, weil es hier nicht mehr allzu viele Exemplare gibt. Zieht die Gartenammer aber im Herbst gen Süden, wird sie in Frankreich gezielt gefangen, gemästet, in Alkohol ertränkt und als Delikatesse verspeist.

Dass Länder wie Frankreich, Italien oder Malta vielen Vögeln nachstellen, die hier im Norden geschützt werden, ist nichts Neues. Doch nach der Dokumentation einer 700 Kilometer langen Fang-Anlage an der ägyptischen Mittelmeerküste sprechen Experten von neuen Dimensionen bei der Jagd auf Zugvögel. „Die ganze Küste ist damit abgepflastert“, beschreibt Ulf Bähker vom Nabu Mecklenburg-Vorpommern die gigantischen Ausmaße der Fangnetze. Der Experte bestreitet, dass hier lediglich „arme Einheimische“ ihre Nahrung jagen. „Singvögel sind in Ägypten Delikatessen, die sich nicht alle leisten können. Daran verdienen nur wenige“, sagt er. Mit der Perfektionierung der Fangmethoden seien die Gefahren für Vögel auf dem Zug größer geworden.

An die eigene Nase fassen

Tragen also die grausamen südländischen Vogelfänger Schuld daran, wenn der Himmel über Mecklenburg-Vorpommern immer leerer wird? Ganz so einfach sollte man es sich nicht machen, meint Ulf Bähker. „Wir müssen uns hier auch an die eigene Nase fassen“, sagt er. Hierzulande gebe es immer mehr landwirtschaftliche Monokulturen – und immer weniger Feuchtwiesen. Die nutzen aber seltene Vögel wie die Uferschnepfe oder der Große Brachvogel als Brutgebiete. Auch der deutliche Rückgang der Störche im Land ist laut Nabu keineswegs nur auf Verluste beim Vogelzug zurückzuführen. „Die Nahrungsangebote für den Storch werden eingeschränkt“, sagt Helmut Eggers, Nabu-Experte im Storchenschutz. Je weniger feuchte Wiesen, desto schwerer findet Meister Adebar die für ihn so wichtigen Mäuse, Frösche oder Regenwürmer. Als Folge dieser Entwicklung ist die Zahl der Störche in Mecklenburg-Vorpommern innerhalb von zehn Jahren erheblich gesunken: Von 1091 Brutpaaren im Jahr 2002 auf 837 im Jahr 2012.

Dass diese Entwicklung auch in die umgekehrte Richtung möglich ist, zeigt die Naturschutzarbeit bei anderen Arten. „Seeadler und Kraniche haben sich durch den Schutz der Brutplätze gut entwickelt“, berichtet Ulf Bähker. Nach Angaben des Kranichschutzes Deutschland sind es auch in diesem Jahr wieder mehr als 55 000 Kraniche, die sich in der Rügen-Bock-Region versammelt haben, um gemeinsam die gefahrvolle Reise gen Süden anzutreten. Und hoffentlich im Frühjahr wiederzukehren.