Tobias R. hat zehn Menschen und sich selbst in Hanau getötet. Er war Mitglied eines Schützenvereins und durfte legal
Tobias R. hat zehn Menschen und sich selbst in Hanau getötet. Er war Mitglied eines Schützenvereins und durfte legal Waffen besitzen. Screenshot
Viele Menschen trauerten in der Nähe des Tatortes Heumarkt und zeigten Fotos der Opfer. Bei einem Anschlag hatte ein 43-jähriger Deutscher im hessischen Hanau mehrere Menschen und sich selbst erschossen.
Viele Menschen trauerten in der Nähe des Tatortes Heumarkt und zeigten Fotos der Opfer. Bei einem Anschlag hatte ein 43-jähriger Deutscher im hessischen Hanau mehrere Menschen und sich selbst erschossen. Nicolas Armer
Waffenrecht verschärfen?

So reagieren Sportschützen auf die Hanau-Morde

1,3 Millionen Menschen sind in Schützenvereinen aktiv. Sobald einer aus ihren Reihen zum Mörder wird, stehen alle im Fokus der Politik, wie auch jetzt nach den Hanau-Morden.
dpa
Hanau

Schüsse, Tote, der rassistische und wohl psychisch kranke Täter kommt aus dem eigenen Schützenverein. Reiner Weidemann weiß, was das für Folgen hat. Er ist Vorsitzender des Schützenclubs 1952 Sandershausen. In dem nordhessischen Verein trainierte Stephan E., der mutmaßliche Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Dass nun am Mittwoch in Hanau erneut ein Sportschütze zum Mörder wurde und neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschoss, nimmt auch Weidemann mit. Alles werde wieder aufgewühlt, sagt er.

Wenn Sportschützen töten, stehen ihre Vereine und der Schießsport im Fokus der Öffentlichkeit. So war es nach dem Mord an Lübcke im Juni, nach den Schüssen auf einen Eritreer in Wächtersbach im Juli, so ist es nun nach Hanau. Der Todesschütze trainierte im Schützenverein Diana Bergen-Enkheim in Frankfurt.

Innenminister will Waffenrecht prüfen

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat nach den Morden in Hanau (Hessen) eine neue Überprüfung des Waffenrechts angekündigt. Zuvor hatte unter anderem der frühere Grünen-Chef Jürgen Trittin vorgeschlagen, dass Sportschützen ihre Waffen nicht mehr mit nach Hause nehmen dürfen, sondern im Verein einschließen müssen. Seine Fraktion im Bundestag regt in einem Aktionsplan auch an, dass Munition nur noch gelagert werden darf, wo auch geschossen werden darf.

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Der Deutsche Schützenbund (DSB) kennt solche Forderungen – und hält dagegen. „Das ist quasi ein Lockangebot für jeden, der durch einen Einbruch an Waffen herankommen will”, sagt Robert Garmeister, DSB-Leiter für Recht und Verbandsentwicklung. Bisher gibt es beide Varianten – die Aufbewahrung zuhause und im Vereinsheim. Ob sich Waffen in einem Schützenhaus befänden, wisse der Einbrecher also nicht.

Schützen sehen Schießsport als Kulturgut

Der DSB lehnt eine Verschärfung des Waffenrechts ab. „Als Sportschützen macht es uns besonders betroffen, dass der mutmaßliche Täter ein Mitglied unserer Vereine war”, sagte Robert Garmeister DSB-Leiter für Recht und Verbandsentwicklung in Wiesbaden. Doch gegen menschliches Fehlverhalten und kriminelle Energie würden die besten Gesetze nicht helfen. Gleichzeitig würden weitere gesetzliche Restriktionen zusätzliche bürokratische und finanzielle Hürden aufbauen. Diese gefährdeten die Zukunft des Schießsports und Schützenwesens als Kulturgut.

Für die Initiative „Keine Mordwaffen als Sportwaffen” ist der DSB Teil einer Waffenlobby, die Gefahren bagatellisiere und wirksame Waffenrechtsverschärfungen verhindere. Die Bewegung entstand nach dem Amoklauf von Winnenden und fordert ein Verbot tödlicher Sportwaffen.

Kein Raum für sachliche Diskussion?

Auf der DSB-Homepage heißt es hingegen in einer Stellungnahme: „Das deutsche Waffenrecht gilt als eines der schärfsten weltweit, Sportschützen als legale Waffenbesitzer zählen ohne Zweifel zu dem am stärksten kontrollierten und zugleich gesetzestreuesten Personenkreis in Deutschland.”

Garmeister betont, dass Verbrechen wie in Hanau auch Schützen erschüttern. „Wir sind zutiefst schockiert, unsere Anteilnahme gilt den Familien und Freunden der Opfer.” Angesichts einer solchen Tat die Interessen als Sportschützen angemessen zu vertreten, „fällt sicherlich sehr schwer”. Dass Emotion, Trauer, Wut und Fassungslosigkeit vorherrschten und kaum Raum für eine sachliche, inhaltliche Argumentation ließen, sei verständlich.

Ein 43 Jahre alter Deutscher, ein Sportschütze, hatte am Mittwochabend im hessischen Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen. Tobias R. tötete auch seine 72 Jahre alte Mutter und dann sich selbst. Der Täter hatte laut seinem Manifest eine klar rassistische Gesinnung und war psychisch krank. Der Deutsche Schützenbund hat 1,3 Millionen Mitglieder, 100 000 in Hessen.

 

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