Stöcke, Steine, Pfefferspray

So sollen wir uns gegen Wölfe wehren

Eine Frau wurde von einem Wolf verfolgt. Sie schrie vergebens um Hilfe. Sowas kann jederzeit jedem passieren.
Ein Wolf verfolgt in Niedersachsen Rotwild. Ein anderes Exemplar im selben Bundesland verfolgte dieser Tage eine Frau.
Ein Wolf verfolgt in Niedersachsen Rotwild. Ein anderes Exemplar im selben Bundesland verfolgte dieser Tage eine Frau. Theo Grüntjens
Die Frau dokumentierte ihre Wolfsbegegnung mit dem Handy.
Die Frau dokumentierte ihre Wolfsbegegnung mit dem Handy. privat
Hamburg

Bei Christian Budde in der Pressestelle des niedersächsischen Umweltministeriums geben Telefon und E-Mail-Postfach keine Ruhe. Seitdem in der Öffentlichkeit ein Video kursiert, auf dem zu sehen ist, wie ein Wolf eine Frau verfolgt, fragen dutzende Medien nach, wie Experten des Ministeriums die Szenen einschätzen. Den Pressesprecher wundert das nicht. So etwas hat er schließlich selbst auch noch nicht gesehen.

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„Diese Begegnung zeigt sehr deutlich: Wölfe sind keine Kuscheltiere! Es handelt sich um wilde Raubtiere deren natürliches Verhalten große Verunsicherung auslösen und in solchen, für die Betroffenen äußerst unangenehmen Situationen resultieren kann”, kommentiert er das minutenlange Video, in dem eine Frau mit Hund auf einem einsamen Feldweg vergeblich versucht, durch Schreie einen Wolf zu vertreiben.

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Die Fachleute und Wolfsexperten des Ministeriums hätten das Video analysiert und stünden mit der Frau in Kontakt. Es gebe keinen Zweifel, dass Bilder und Wolf echt sind. Das Video sei am 13. April bei Wietzendorf in der Nähe von Hamburg entstanden. Er habe seine Zweifel, ob sich die Frau jemals wieder mit ihrem Hund in die Natur traut.

Wolf war wohl neugierig

Offenbar handele es sich um einen jungen Wolf, der neugierig ist. Sein Verhalten sei nicht unnormal. Bedeutet: Sowas kann jederzeit wieder passieren. „Solche Nahbegegnungen sind keine Einzelfälle. Sie werden aber nur in wenigen Fällen so dokumentiert, wie das hier der Fall war. Insofern danken wir der Spaziergängerin ausdrücklich.”

Diese habe im Übrigen den Umständen entsprechend genau richtig gehandelt. „Die perfekte Reaktion, gerade in solchen Stress-Situationen, ist nachvollziehbarerweise gerade für Nicht-Experten herausfordernd und kann man von Waldspaziergängern kaum verlangen.”

Wichtig sei, Ruhe zu bewahren. Das gelang der Frau nicht. Hörbar verängstigt schrie sie den Wolf an so laut sie konnte und versuchte zugleich, ihren Hund zu beruhigen. „Geh weg, geh weg, geh weg”, wieder und wieder. Ihre Stimme überschlug sich, der Hund bellte, die Frau schrie um Hilfe. Der Wolf zeigte sich kaum beeindruckt.

Immer mit dem Gesicht zum Wolf

„Wenn sie einem Wolf begegnen, bewahren sie Ruhe”, heißt es aus dem Ministerium. „Beobachten sie ihn und fotografieren ihn nach Möglichkeit. Sobald er sie bemerkt, zieht er sich in der Regel zurück.” Bei diesem Exemplar war allerdings das Gegenteil der Fall. Auf keinen Fall solle man sich einem Wolf nähern, der ein Tier gerissen hat. „Junge Wölfe sind neugierig und agieren oft weniger vorsichtig als erwachsene Tiere, manchmal sogar dreist.” Wer sich in Gesellschaft eines Wolfs unwohl fühlt, könne Folgendes tun:

Bemerkbar machen durch Reden, Rufen und In-die-Hände-Klatschen. „Zeigen sie dem Wolf durch beherztes Auftreten, dass sie die Situation unter Kontrolle haben. Entfernen sie sich dabei langsam und ruhig, immer mit dem Gesicht zum Wolf. Laufen sie nicht weg, denn das kann Verfolgung auslösen. Sollte sich der Wolf dennoch nähern, gehen sie mit Bestimmtheit auf ihn zu, machen sie Lärm und werfen sie nach Möglichkeit mit Steinen oder Stöcken nach ihm.”

Der Einsatz von Pfefferspray sei zur Abwehr ebenfalls sehr wirksam. Hunde sollten zu ihrem eigenen Schutz an der Leine bleiben. Jeder Vorfall mit Wölfen solle sofort gemeldet werden.

Muss nun jeder Spaziergänger Pfefferspray dabei haben und stets damit rechnen, dass er Steine und Stöcke werfend Wölfe zu vertreiben hat? Soll das in Deutschland Alltag werden? Ganz klar „nein”, sagt Christian Budde.

Sie fressen die Kuh von hinten auf

Das Thema sei zwiespältig. Einerseits sei man froh, dass das in Deutschland ausgerottete Tier wieder da ist. Andererseits könne man sich von dem Räuber nicht auf der Nase herumtanzen lassen. „Wölfe gehören zur neuen Normalität. Wir arbeiten darauf hin, dass einzelne Tiere oder Rudel, wenn sie auffällig werden, entnommen werden können” – sprich erschossen. „Da wollen wir gerne hin, zu einem sachlichen Umgang mit den Wölfen”. Staatliche Eingriffe in die Wolfsbestände seien besser, als wenn sich Privatleute zum Handeln gezwungen sehen.

In Niedersachsen gebe es 35 Rudel mit mehr als 300 Tieren. Konflikte, besonders mit Weidetierhaltern, seien vorprogrammiert. Er möge Wölfe, habe aber auch schon Bilder zu sehen bekommen, die nichts für schwache Nerven sind und ihn zweifeln ließen. „Die töten die Kuh nicht, sondern fressen sie bei lebendigem Leib langsam von hinten auf.”

Tausende Weidetiere seien den Wölfen in Niedersachsen schon zum Opfer gefallen. „Wir können und wollen nicht alle in Ställe sperren oder ein Land der Zäune werden.”

Auch in MV sind Zwischenfälle an der Tagesordnung

Auch in Mecklenburg-Vorpommern kommt es seit Monaten fast täglich zu Zwischenfällen mit Wölfen. Bei Ueckermünde im Landkreis Vorpommern-Greifswald umkreisten gleich mehrere eine Frau mit ihrem Hund. In Vogelsang-Warsin im selben Landkreis filmte eine Familie einen Wolf in ihrem Garten. In Züsedom riss ein Wolf Schafe mitten im Dorf. In Altwigshagen beklagte ein Landwirt am Dienstag den dritten Wolfsriss in diesem Jahr – und zwar in direkter Nähe zu Gebäuden.

Dennoch oder gerade deshalb hielt man sich in Mecklenburg-Vorpommern am Dienstag beim Thema Wolf bedeckt. Der Wolfsexperte im Müritz-Nationalpark verwies auf das Umweltministerium des Landes. Von dort gab es allerdings auch kein Kommentar. „Es ist guter Brauch, dass sich die Wolfsexperten nicht über Landesgrenzen hinweg über Vorfälle äußern. Ich bitte um Verständnis und empfehle eine andere Quelle”, teilte Pressesprecher Claus Tantzen aus dem Umweltministerium in Schwerin am Dienstag mit.

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Kommentare (6)

Dem Video nach zu urteilen, war das Verhalten des Wolfes keineswegs angriffslustig. Die Tiere haben einfach nicht mehr genügend Raum und so ist es nicht verwunderlich, dass sie auf ihren Wegen auch die der Menschen kreuzen. Vielleicht hat ihn generell die Neugierde getrieben oder der Hund, der mit der Frau lief. Ich denke nicht, dass das Tier böse Absichten hatte, wie gesagt, danach sah es nicht aus. Aber ich kann die Frau trotzdem verstehen, dass sie vor dem ihr unbekannten Lebewesen Angst hatte. Was ich hierbei nicht gut finde ist, dass hier wieder „der Wolf“ als Ungetüm bzw. Monster dargestellt wird.

Genügend Raum für Wildtiere schaffen, die in dieser Region seit zwei-drei Jahrhunderten vertrieben wurden um genügend Raum (Wohnraum, Landwirtschaft, Tierzucht) für die Population Mensch zu schaffen - irgendwas stimmt nicht. Selbstverständlich hat ein Wolf keine bösen Absichten, so wenig ein Wolf gute Absichten verfolgt. Man kann darüber viel philosophieren, was der Wolf wollte oder was ihn anzog. Das hohe, schrille Schreien der Frau könnte ein zusätzlicher Anreiz für den Wolf gewesen sein, neugierig zu bleiben.

fragt Eure Experten, Merkel, Laschet, Tauber, Merz.....

Gestern noch war die Frau voll cool und hatte sogar noch Zeit ein Video und Fotos zu machen. So sieht also Gefahr aus.

Man muss sich nicht wehren gegen den Wolf, man muß sich bloß richtig verhalten.

"man muß sich bloß richtig verhalten"
Genau! Am Besten so wie in Kanada, wo ich mal eine Zeitlang gelebt habe.
Wenn dort ein Wolf einem zu nahe kommt, holt man sich sein Jagdgewehr aus dem Schrank, und das war's dann auch mit dem unerwünschten Besuch eines Wolfes.
Und siehe da: Wölfe gibt es dort noch häufig, allerdings sind sie sehr scheu, und meiden den Kontakt mit Menschen. Es wird nicht lange dauern, dann wird der Wolf hier auch bejagt, und dann hat sich das Problem erledigt.