Vierter Prozesstag

Wie sah der Alltag des Halle-Attentäters aus?

Er ist 28 Jahre alt und lebte zuletzt im Kinderzimmer einer kleinen Wohnung seiner Mutter. Am vierten Prozesstag soll noch tiefer in die Seele des angeklagten Halle-Attentäters geblickt werden.
Die Familie des angeklagten Attentäters aus Halle macht von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch.
Die Familie des angeklagten Attentäters aus Halle macht von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Ronny Hartmann
Magdeburg

Mal wirkt Stephan Balliet stoisch ruhig, mal lässt er sich durch Aussagen und Nachfragen der Nebenklägervertreter provozieren, gerät in Rage und befindet sich sofort wieder im „Kampfmodus”. Im Modus, seine rechten Verschwörungstheorien und antisemitischen Einstellungen in der Öffentlichkeit beinahe kanonartig zu wiederholen. Zeugen sollen dem Gericht am vierten Prozesstag nun einen tieferen Einblick in die Personalie Balliet geben.

Geladen sind neben dem Vater, in dessen Haus Stephan Balliet sein ehemaliges Kinderzimmer dazu nutzte, um Sprenggranaten zu lagern, als auch seine Mutter, die für ihren arbeitslosen Sohn neben der Krankenversicherung auch im Alltag finanziell unterstützt haben. Nach seiner Tat wollte sich die Ethik-Lehrerin das Leben nehmen. Ein entsprechender Abschiedsbrief an ihre Tochter wurde bei Gericht verlesen. In diesem schrieb die Mutter, dass sie ihren Sohn liebt. Obwohl die Eltern als auch die Schwester im Vorfeld ankündigten, keine Aussage gegen ihren Sohn machen zu wollen, sind sie zum vierten Verhandlungstag zu Gericht geladen.

Grundwehrdienst in Hagenow in Mecklenburg-Vorpommern

Außerdem sollen am Mittwoch ehemaligen Mitschüler und Balliets das Wort erteilt werden. Vieles über die Art und Weise, wie sich der junge Mann vom Dorf radikalisierte, ist nach wie vor unklar. Ein 51-jähriger Polizeibeamter, der Balliet im November 2019 zur Tat an fünf Tagen vernommen hatte, erklärte am Dienstag vor Gericht, dass sich der Hass des Angeklagten auf explizit Moslems durch die Flüchtlingskrise 2015 entwickelt haben kann. Seine tiefe Abneigung gegen Menschen mit jüdischen Wurzeln soll laut des Beamten jedoch schon vor 2015 in ihm präsent gewesen sein.

Nun also zur Personalie „Balliet”: Vor gut zehn Jahren leistet er seinen Grundwehrdienst im mecklenburgischen Hagenow. Jahre später bewirbt er sich nach Aussagen des Kriminalbeamten erneut bei der Bundeswehr. Dort war er sogar zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Doch Balliet habe seine Bewerbung ein, zwei Tage zuvor zurückgezogen. Aus medizinischen Gründen, wie der Angeklagte sagte, der zu dieser Zeit durch eine Bauchoperation beeinträchtigt war. Aber auch ohne zurückgezogene Bewerbungsunterlagen: laut des Kriminalbeamten wären die Chancen auf eine Bundeswehrkarriere niedrig gewesen.

Zwei abgebrochene Studien

Stephan Balliet begann ein Studium, zunächst in Magdeburg. Dort widmete er sich der Produktgestaltung. Als er ein Jahr keine Studienleistungen erbringt, bricht er ab. In Halle studiert er kurze Zeit später, also 2013, Chemie. Sein Chemiestudium musste er schließlich aber krankheitsbedingt abbrechen. Damit fühlte sich Balliet weit weg vom gesellschaftlichen Leben, schätzte der Vernehmungsbeamte ein. Hinzu kamen Unzufriedenheit über die eigene Situation, Resignation – und eine aufkeimende Fremdenfeindlichkeit. Was letztlich aber in ihm vorging, ihn zu seinen Entscheidungen verleitete, darüber schweigt er immer noch, so gut es ihm möglich ist. Fragen der Nebenkläger bleiben unbeantwortet oder nur mit nahezu einsilbiger Kommentierung.

Ein bereits über ihn gefertigtes psychiatrisches Gutachten diagnostiziert bei Stephan Balliet vorläufig eine komplexe Persönlichkeitsstörung.

 

 

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