ÜBERRASCHENDER TV-ABEND

ZDF stellt "Wetten, dass..?" ein

Mehrere Generationen begleitete die ZDF-Kultshow durch die Samstagabende. Jetzt verkündete Markus Lanz ganz lapidar und nebenbei ihr Ende. Doch warum besitzt die Sendung keine Überlebenschance?
Marcel Auermann Marcel Auermann
Markus Lanz
In Demut: Jetzt beginnt für Markus Lanz die Abschiedstour. Noch drei Mal, dann ist nicht nur mit ihm als Moderator, sondern generell mit "Wetten, dass..?" Schluss. Sebastian Kahnert
Offenburg.

Markus Lanz palaverte viel in seinen vergangenen 13 „Wetten, dass..?“-Ausgaben. Hängen blieb nichts. Viel Belangloses, heiße Luft, Stanzen, Phrasen, beiläufige Albernheiten wie von einem Jungen, der sich einmal vor großem Publikum austoben darf, waren dabei. Doch ausgerechnet dieser Nachklapp, ganz am Ende der Show am vergangenen Samstagabend, als vermutlich schon einige seiner 6,84 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 23,1 Prozent) auf der heimischen Couch weggenickt waren, hallt in den Ohren einer Fernsehnation nach. Und das wohl ziemlich lange. Denn sie bereiten auf ein Ende einer TV-Ära vor. „Das war ,Wetten, dass..?‘ aus Offenburg“, sagte der 45-Jährige mitten in den Abschiedsapplaus hinein. „Wir gehen jetzt in die Sommerpause und sehen uns am 4. Oktober wieder mit den letzten drei Ausgaben von ,Wetten, dass..?‘.“ Im Klartext: Am 13. Dezember läuft die 215. und endgültig letzte Ausgabe.

Nach 33 Jahren kommt das Aus der Kultshow. Ausgerechnet zu einer Zeit, da die ARD die Klassiker „Dalli, Dalli“ und „Einer wird gewinnen“ wiederbelebt, verschwindet der Repräsentant einer alten Fernsehzeit vom Bildschirm. Das rüttelt nicht nur die Medienbranche, sondern in vielerlei Hinsicht auch die Gesellschaft wach.

Entweder man schaute oder man schaute nicht, und redete am Montag danach im Betrieb trotzdem mit. „Wetten, dass..?“ lässt und ließ kaum einen kalt. Viele Generationen wuchsen mit dem Format auf. Es gehörte zum Samstagabend wie ein gemütliches Fondue in kuscheliger Familienrunde, das warme Bad und der Frottee-Schlafanzug, mit dem man danach auf der Couch Platz nahm, um dem Ereignis – ja, in den 80er- und 90er-Jahren war Fernsehen noch ein Ereignis – beizuwohnen. Doch diese Gesellschaft gibt es in dem Maße kaum bis gar nicht mehr. Und auch die Shows, die kleine Leute von nebenan vor die Kamera schicken, wuchsen unüberschaubar: Von „Deutschland sucht den Superstar“ über „Schlag den Raab“ bis hin zu „Wer wird Millionär“. Es braucht kein „Wetten, dass..?“ mehr.

Das ZDF zieht viel zu spät die Notbremse

Grundsätzlich geht das ZDF den richtigen Schritt. Aber zu spät. Seit Jahren kämpft das einstige Vorzeigeformat mir schrumpfenden Einschaltquoten. Schon Thomas Gottschalk hatte es immer schwerer, die Massen anzulocken. Mit Markus Lanz kam der Totalabstieg, weil er zwischen Hollywood-Stars blässlich wirkt, die große Bühne nicht ausfüllt. Dadurch verlor die einstmals glamouröseste Sendung des deutschen Fernsehens das Glitzern. Alles wirkt nichtig und klein. Lanz biedert sich viel zu oft an, er verhält sich wie ein Handlanger der PR-Abteilungen der Stars, er stellt brave, vermutlich noch vorher abgesprochene Fragen. Nachdem der öffentlich-rechtliche Sender schon dem Konzept keinen Schwung verpasste, ertrug es nicht auch noch einen lahmen Moderator.

Viel zu lange vertrauten alle allein auf den Namen und den guten Ruf von annodazumal. Niemand erkannte, dass „Wetten, dass..?“ nur noch eine leere Hülle war, die das ZDF künstlich am Leben hielt. Das konnte nicht gutgehen. Alles in Kombination kam es jetzt zur vorhersehbaren Katastrophe.

Die Mainzelmännchen hätten sich schon nach dem schlimmen Unfall von Samuel Koch vor laufender Kamera am 4. Dezember 2010 von der Show verabschieden müssen. Damals keimte die Frage auf, ob sich der Unterhaltungsdampfer jemals wieder so locker-flockig geben kann wie davor. Nein, konnte er nicht. Erst recht nicht mit einem statischen, behäbigen, hölzern agierenden Moderatorenroboter wie Markus Lanz. Unterhaltung ist Schwerstarbeit. Rudi Carrell sagte einmal: „Wer als Moderator Trümpfe ausspielen will, muss vor der Show erst einmal welche in den Ärmel stecken.“ Markus Lanz vergaß das mit Regelmäßigkeit.

Damals – nach Kochs schwerem Sturz – wäre es ein würdevoller, wenn auch trauriger Abschied von „Wetten, dass..?“ gewesen. In Mainz besaß keiner der Verantwortlichen den Mut, das rote Licht an der Kamera für immer auszuknipsen. Jetzt setzt das ZDF der Sendung auf ihrem Tiefpunkt ein Ende. Klipp und klar: Sie ist totgeritten, nicht mehr wiederbelebbar.

Das Ende zeigt, woran es dem deutschen TV mangelt

Erfinder und Moderator Frank Elstner muss diese Tatsache in der Seele wehtun. Schon seit Jahren sieht er mit an, was sein ehemaliger Haus- und Hofsender mit seinem Baby veranstaltet. Es gleicht einem Trauerspiel. Allein die Moderatorensuche, aus der schließlich Markus Lanz hervorging, war unwürdig, verbrannte unzählige Namen und Moderatoren.

Die Tragik zeigte auch deutlich, dass die Fernsehsender ein Problem mit gutem Moderatorennachwuchs haben. Genauso wenig gute, neue, frische Ideen besitzen die Programmredaktionen landauf, landab. Auch das ist ein Grund, weshalb die Mainzer „Wetten, dass..?“ am Leben hielten. Es gibt nichts, was das im Kern doch brillante Konzept ersetzen kann.

„Die Hauptredaktion Show arbeitet jetzt an neuen Ideen für den Samstagabend“, kündigt Programmdirektor Norbert Himmler fürs kommende Jahr an. Das Publikum darf gespannt sein. Vermutlich handelt es sich wie so oft um einen billigen Abklatsch aus Amerika, England oder Holland, mit dem man mächtige Quote machen möchte.

Ein Hintertürchen hält sich das ZDF dann aber doch noch offen: Die Rechte an der Marke will der Sender behalten und gegebenenfalls auch wieder aktivieren. „Das Konzept, das Frank Elstner Anfang der achtziger Jahre für das ZDF erfunden hat, bleibt einzigartig“, meint Himmler. „Deshalb schließe ich nicht aus, dass es irgendwann noch einmal auflebt.“

Ideen, Mut und Selbstkritik besitzen bei öffentlich-rechtlichen Sendern – wie gesagt – Seltenheitswert.

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