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Bahnfahrern platzt jetzt der Kragen

„Nicht einsteigen“ heißt es an den Zügen, wenn der Zugverkehr, wie hier in Neubrandenburg, wieder mal gestört ist.  FOTO: j. Spreemann

VonJörg SpreemannFünf Monate auf der Schiene, fünf Monate Zugausfälle und Verspä- tungen. Eine Pendlerin aus Loitz steigt von der Bahn zurück aufs Auto ...

VonJörg Spreemann

Fünf Monate auf der Schiene, fünf Monate Zugausfälle und Verspä- tungen. Eine Pendlerin aus Loitz steigt von der Bahn zurück aufs Auto um.

Neubrandenburg.„Das kann doch nicht wahr sein“, empört sich Marianne Ribnitz. Als die Deutsche Bahn vor wenigen Tagen eine selbstzufriedene Winterbilanz zieht, platzt ihr der Kragen. Hinter der Mitarbeiterin aus der Kreisverwaltung Seenplatte liegt eine kalte Jahreszeit, die sie so schnell nicht vergessen wird. Sie nimmt Kontakt zum Nordkurier auf, um ihre Erlebnisse zu schildern.
Die Loitzerin aus der Nähe von Demmin fasst im Oktober 2012 einen folgenschweren Entschluss: Gemeinsam mit rund 20 „Mitbetroffenen“ steigt sie ab Demmin vom Auto auf den Zug um, um auf der Schiene zu ihrem neuen Dienstort Neubrandenburg zu fahren. Der Kosten wegen und um Rutschpartien auf glatten Straßen zu entgehen, begründet sie. Marianne Ribnitz erlebt gleich am Anfang einen Kulturschock. Zum Einsatz kommen auf der Strecke „alte Huddeln“. „Die Sitze mag man eigentlich nicht mehr benutzen“, schildert sie den „recht ekligen“ Zustand der Züge, in denen die Toiletten oft nicht benutzbar seien. Bei Frost klemmen die Türen. „Da mussten die Schaffner schon mal mit dem Hammer ran“, so Marianne Ribnitz.
Hinzu kommen die regelmäßigen Unregelmäßigkeiten im Alltagsbetrieb. Schnee, Sturm oder „Störungen im Betriebsablauf“ führen immer wieder dazu, dass Züge ausfallen. Gleich zu Anfang des Abenteuers Bahn kommt es besonders dicke: Für die 70 Kilometer von Loitz bis zum Landratsamt auf dem Neubrandenburger Lindenberg-Süd braucht sie drei Stunden und 15 Minuten nachdem zwei Züge auf der Strecke Stralsund-Neustrelitz ausgefallen waren. „Man staunt, wenn mal ein Zug pünktlich fährt“, sagt sie. Als sich im März die Probleme häufen, führt die Bahnfahrerin Protokoll. Verspätung bis zu drei Stunden, Stellwerksdefekt, Zugausfall – immer wieder rufen Reisende von unterwegs Verwandte oder Bekannte an, um sich letztlich doch mit dem Auto ans Ziel bringen zu lassen.
Am 25. März gibt Marianne Ribnitz nach fünf Monaten mit einer Bilanz auf, die in keiner Selbstdarstellung der Deutschen Bahn Platz findet. Sie geht wieder das „Risiko Straße“ ein und gewinnt an Lebensqualität. Mit dem Auto brauche sie nur eine Stunde. Eine Kostenersparnis habe sich, gemessen an zusätzlichen Auto- und Taxifahrten aus Termingründen, nicht eingestellt.
Die Chance, die Gründe für die massiven Probleme auf der Strecke Neustrelitz-Stralsund zu erläutern, hat die Deutsche Bahn trotz mehrfacher Nordkurier-Nachfrage ungenutzt verstreichen lassen.

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j.spreemann@nordkurier.de