Auf Wiedersehen Moskau oder Kleine Resümees

Carsten Gansel sagt "do svidaniya", doch in Gedanken sagt er sich noch nicht los. Während seiner Zeit in Moskau erlebte er viele konstruktive Diskussionen - über Russland, Deutschland, Kriege der Vergangenheit und die Rolle der Medien.

TASS (russisch ТАСС) ist eine der größten russischen Nachrichtenagenturen mit Hauptsitz in Moskau.
TASS (russisch ТАСС) ist eine der größten russischen Nachrichtenagenturen mit Hauptsitz in Moskau.
Carsten Gansel

Wenn ich einige der Gespräche der letzten Wochen in Moskau resümiere, dann überwiegt bei russischen Freunden, Kollegen, Bekannten und auch Studentinnen Trauer und Unverständnis über „den Westen“. Das fängt an mit der im „Westen“ als „normal“ empfundenen Auflösung des Warschauer Paktes bei gleichzeitigem Erhalt und dem sukzessiven Ausbau der NATO bis an die Grenzen Russlands und reicht bis zur vermeintlichen Verantwortlichkeit Russlands für den Krieg in Syrien. „Der Westen“ und auch und gerade Deutschland würden Russland und Putin für alles Mögliche in der Welt verantwortlich machen, so eine weit verbreitete Meinung. Es ergab sich somit, dass ich im Austausch über ganz alltägliche Themen immer auch mal hinein geriet in Gespräche über die Neuen Kriege, den Hunger in der Welt, die Flucht von Millionen Richtung Europa oder den Ukraine-Konflikt.

Wenn wir uns über die Weltsituation austauschten, dann wurde mir von ganz unterschiedlichen Gesprächspartnern die Frage gestellt, wie das denn mit dem sogenannten Balkankrieg oder dem Krieg im Irak gewesen ist. Damit hatte doch Russland nichts zu tun. Es waren George W. Bush und die USA, Tony Blair und Großbritannien, die völkerrechtswidrig Bagdad bombardiert haben und in den Irak einmarschiert sind. Bush und Blair, die haben gegen das Völkerrecht, das sie sonst vor sich hertragen, gehandelt, so die Sichtweise. Und was haben die USA in der Ukraine zu suchen, wurde von manchen dann sofort nachgeschoben. Man stelle sich vor, Russland würde – wie es bei der Kuba-Krise 1962 der Fall war – sich gewissermaßen vor der „Haustür“ der USA in Stellung bringen.

Wie Bush und Blair im Irak-Krieg agiert haben

Irgendwie erwartete man von mir als „Vertreter des Westens“ eine Antwort. Ich nahm solch eine Erwartungshaltung oder die offensichtliche Kritik nicht persönlich, zumal ich mich in solchen Gesprächen nicht in der Rolle sah, einen Mann wie Bush zu verteidigen oder Blair. Dies um so mehr, da ich relativ gut wusste, was mit dem Irak oder dem Krieg auf dem Balkan gemeint war. Ich habe mich über mehrere Jahre – noch vor 2015 – im Rahmen von Beiträgen mit der Darstellung von „Terroristischen Selbstmordattentätern in der Literatur“ beschäftigt und in diesem Zusammenhang sowohl mit dem Irak-Krieg, dem Krieg in Libyen, als auch mit der Rolle der medialen Inszenierung von Bushs „Kampf gegen das Böse“.

Ich erinnerte mich auch daran, dass es vor einiger Zeit den Bericht einer Kommission gab, die einen Bericht über das Agieren von Bush und Blair im Falle des Irak-Kriegs vorlegte. Und ich erinnerte einen Beitrag im „Spiegel“, ich wusste aber nicht mehr, von wem der war. Von daher konnte ich nicht mitteilen, was zu Bush und Blair gesagt worden war. Noch am gleichen Tag, da ich das Gespräch mit den russischen Freunden über den Irak-Krieg hatte, suchte ich im Internet und fand die Kolumne von Georg Diez auf „Spiegel online“ aus dem Jahre 2016, genauer vom 10. Juli 2016. Die Kolumne hatte den Titel „Klagt sie an!“

Georg Diez schrieb unter Bezug auf die Chilcot-Studie, die u.a. Blairs Handeln im Krieg gegen den Irak nachgegangen war. Und notierte Folgendes: „Tony Blair und George W. Bush wollten den Irakkrieg. Jetzt bestätigte eine Kommission, dass er illegitim war. So wie die Kriege auf dem Balkan oder in Ruanda. Deren Planer landeten vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.“ Und die nächsten Sätze waren noch erschreckender, wenn man bedenkt, dass es letztlich auch um die Gegenwart des Jahres 2017 geht: „Der verbrecherische Krieg gegen den Irak, den Bush und Blair 2003 gewollt und bekommen haben, hat die Welt verändert wie wohl kein anderer Krieg seit 1945 - er zeigt das westliche Bündnis als Schurkenmacht“, notiert Diez, der keineswegs zu jenen gehört, denen man eine USA-Phobie unterstellen kann. Im Gegenteil.

Und nach dieser Aussage, die es bereits in sich hat, schreibt er: „Der IS, der ‚Krieg gegen den Terror’, die eingeschränkten Bürgerrechte, das schwindende Freiheitsgefühl, die Flüchtlinge, die zerstörten Staaten, die zerstörten Leben und über all dem das zerstörte Vertrauen in eine Ordnung, die auf solchen krass kalkulierten Schwindeleien beruht - all das sind Folgen jenes tödlichen Messianismus, den der britische Historiker Perry Anderson gerade als Grundlage der amerikanischen Außenpolitik nach dem zweiten Weltkrieg benannt hat.“

Frage nach der Glaubwürdigkeit der Medien

Wer also heute über Syrien und die Flüchtlingskrise spricht, wird wohl nicht umhinkommen, einige Jahre zurück zu gehen und nach den Ursachen für gegenwärtige krisenhafte Prozesse zu suchen. Es bringt wenig mit der Devise „Haltet den Dieb“ von eigenen Anteilen ablenken zu wollen. Und der Dieb ist immer Moskau, diesen Eindruck haben viele Russen. Ein russischer Kollege übrigens fragte mich, was denn „meine“ Kanzlerin zu Bush und Blair und den Ergebnissen der Kommission gesagt hätte. Auf das „meine“ bin ich nicht weiter eingegangen. Zu Haltung von Merkel konnte ich nichts sagen, aber ich vermute: NICHTS ist keine falsche Antwort. Und auch auf die Frage, was mit Bush und Blair und all jenen ist, die ihnen gefolgt sind, konnte ich nur schweigen. Gut fand ich das nicht.

Mehrfach und aus ganz unterschiedlichen Ecken wurde von russischer Seite während meines Aufenthaltes in Moskau noch eine weitere Frage angesprochen, nämlich jene, nach der Glaubwürdigkeit der Medien. Auch hier verwiesen die Fragesteller darauf, wie die Medien den Krieg gegen den Irak – und nicht nur den – vorbereitet und ‚begleitet’ hatten. In der Tat, die meisten Medien in den USA hatten damals „Gewehr bei Fuß“ gestanden, wie man militant sagen könnte. Und von diesem Beispiel war es dann nur ein kleiner Schritt, von dem aus – ich hatte das schon geahnt – auf die Rolle von Politik und Medien in Deutschland und anderen Staaten des „Westens“ gewechselt wurde.

Ein fast witziges Beispiel gab es in einem der Seminare. Als ich tagesaktuell mit den Studentinnen über Doping und den Umstand spreche, dass das russische Team von der Olympiade ausgeschlossen worden ist, da sind diesmal alle einer Meinung: „Die Dopinganklagen sind politisch motiviert“. Eine ansonsten sehr zurückhaltende Studentin wirft folgende Sätze ein. „Selbst den russischen Fußballern wurde Doping vorgeworfen“, sagt sie, um dann an mich gerichtet folgende Frage zu stellen: „Haben Sie die schon mal Fußball spielen gesehen?“

Flüchtlingskrise in Deutschland nicht neutral beobachtet

Ernsthafter formuliert es ein Freund und Kenner der deutsch-russischen Beziehungen: „Wie kommt Ihr dazu“, so seine Frage, „mit Blick auf Russland immer vom Staatsfernsehen oder einer Steuerung durch Putin zu sprechen. Hier in Russland gibt es ausgesprochen viele Positionen zur Rolle der Politik, zu Korruption, zur Ukraine. Aber bei Euch? Schaut doch mal Eure Medien an.“ Als ich nachfrage, was konkret gemeint ist, da sagt der Freund, er verfolge aus beruflichen Gründen sehr genau die deutschen Zeitungen und Nachrichtensendungen, etwa das „Heute-Journal“ beim ZDF. Er könne nicht erkennen, dass hier differenziert und kritisch berichtet werde. Wann werde denn dort die Regierung kritisiert.

Und als Beispiel nennt er die Flüchtlingskrise. Auch hier habe ich als imaginärer „Vertreter des Westens“ keine guten Karten. Denn er kann gleich mit einem wissenschaftlichen Beleg nachlegen. Der Freund verweist nämlich auf eine erst vor kurzem erschienene Studie der Otto Brenner Stiftung, die das Agieren der deutschen Medien untersucht hat und zu einem kritischen, ja einem erschütternden, Ergebnis kommt. Ich kenne die Studie, weil ich sie kurz vor dem Beginn meiner Moskau-Reise im Kontext mit der Planung von Lehrveranstaltungen gelesen habe. Der Titel lautet: “Die „Flüchtlingskrise“ in den Medien – Tagesaktueller Journalismus zwischen Meinung und Information“. Realisiert wurde die Untersuchung von einem Team unter Prof. Dr. Michael Haller (Hamburg, Leipzig), der ein international anerkannter Medienwissenschaftler ist.

Haller kommt u.a. zu folgendem Ergebnis: „Statt als neutrale Beobachter die Politik und deren Vollzugsorgane kritisch zu begleiten und nachzufragen, übernahm der Informationsjournalismus die Sicht, auch die Losungen der politischen Elite“. Haller verweist in einem Gespräch auch auf Untersuchungen, die belegen, „dass der politische Journalismus in Deutschland sich schon seit längerer Zeit gern im Dunstkreis der politisch Mächtigen aufhält“.

Geschichten leben von Entgegensetzungen

„Dunstkreis der politisch Mächtigen“, die Bezeichnung scheint mir passender, als „politische Eliten“. Denn das Wort Elite, das hängt für mich irgendwie immer noch mit eigener Leistung und Qualität zusammen.
Inzwischen scheint die Annäherung von Medien und Politik schon so weit zu gehen, dass Medienvertreter ohne es zu wissen selbstentlarvend vom „politisch-medialen Komplex“ sprechen. Insofern ist Deutschland nun wahrhaftig nicht das Exempel kritischer Berichterstattung, wenn es um die eigene Haustür geht. Das ändert freilich nichts an der Frage, wie es in Russland mit der Staatsnähe aussieht. Ich persönlich kann derzeit diese Frage nicht hinreichend zu beantworten. Aber ich werde das auf jeden Fall im Januar weiter verfolgen.

Dass ich überhaupt mit russischen Kollegen und Freunden über die Nähe der Medien zu den Mächtigen gesprochen habe, das hängt schlichtweg damit zusammen, dass in und von Deutschland aus der Blick auf und nach Russland sehr einseitig und klischeebehaftet erscheint und – davon sprach ich an anderer Stelle – ahistorische Darstellungen dominieren. Dass der heutige Tag ein Resultat des gestrigen ist, diese simple Wahrheit, wird leider zu oft ausgeblendet. Mit historischem Denken hat dies nichts zu tun.

Nun wird auch häufig betont, dass man im Journalismus eben Geschichten erzählen müsse, also das sogenannte „Storytelling“ wichtig sei. In der Tat ist das so, aber dann muss man auch wissen, dass Geschichten oftmals von Entgegensetzungen leben, von „Gut“ und „Böse“ von „Schön“ und „Hässlich“. Das Wissen auch um solche Zusammenhänge macht einen freilich zurückhaltend, wenn es darum geht, den Darstellungen über Russland zu „glauben“. Zudem: Immer dort, wo „Überzeugungen“ und „Gesinnungen“ zum Maßstab von Bewertungen werden, da wird es gefährlich, weil jene, die die angesagten „Überzeugungen“ und „Gesinnungen“ nicht vertreten und teilen, man könnte pointiert auch sagen, die aktuelle „Ideologie“, an den Rand gedrängt und ausgeschlossen werden. Wer in der DDR groß geworden ist, der weiß, wie hier ideologische Freund-Feindbilder aufgebaut und „Andersdenkende“ ausgeschlossen wurden. Oder?

Was „lehrt“ mich das im Hinblick auf Russland – aber keineswegs nur Russland? Ich sage es mal so: Wie komme ich dazu, mir von Leuten, die mitunter nicht einmal wissen, was kyrillische Buchstaben sind, ein so komplexes und widersprüchliches Land wie Russland erklären zu lassen? Zum Glück werde ich im Neuen Jahr erneut in Moskau sein. Das eine oder andere Problem, wird dann erneut zur Sprache kommen. Aber auf eine Frage, die rhetorisch in Deutschland immer wieder gestellt wird, da kann ich schon jetzt eine Antwort geben und einen Vorschlag machen: Einfach mal Jewgeni Jewtuschenkos Antikriegsgedicht von 1961 lesen oder in der Interpretation von Ben Becker auf YouTube hören!

Meinst du, die Russen wollen Krieg?

Meinst du, die Russen wollen Krieg?
Befrag die Stille, die da schwieg
im weiten Feld, im Pappelhain,
Befrag die Birken an dem Rain.
Dort, wo er liegt in seinem Grab,
den russischen Soldaten frag!
Sein Sohn dir drauf Antwort gibt:
 
Meinst du, die Russen woll’n,
meinst du, die Russen woll’n,
meinst du, die Russen wollen Krieg?
 
Nicht nur fürs eig’ne Vaterland
fiel der Soldat im Weltenbrand.
Nein, daß auf Erden jedermann
in Ruhe schlafen gehen kann.
Holt euch bei jenem Kämpfer Rat,
der siegend an die Elbe trat,
was tief in unsren Herzen blieb:
 
Meinst du, die Russen woll’n…
 
Der Kampf hat uns nicht schwach gesehn,
doch nie mehr möge es geschehn,
daß Menschenblut, so rot und heiß,
der bitt’ren Erde werd’ zum Preis.
Frag Mütter, die seit damals grau,
befrag doch bitte meine Frau.
Die Antwort in der Frage liegt:
 
Meinst du, die Russen woll’n…
 
Es weiß, wer schmiedet und wer webt,
es weiß, wer ackert und wer sät -
ein jedes Volk die Wahrheit sieht:
Meinst du, die Russen woll’n,
meinst du, die Russen woll’n,
meinst du, die Russen wollen Krieg?

Kommentare (2)

Sehr geehrter Herr Gansel, danke für Ihren tollen Blog. Sehr mutig ! Schade, dass er nur im Internet zu lesen ist. Ich fand ihn nur über einen Leserbrief. Ich werde für ihn werben. Roswitha Clüver

Solch pubertäre Finger-auf-andere-zeig-Diskussionen (Der hat angefangen!, Die waren zuerst in Syrien, zuerst in der Ukraine, zuerst auf der Krim, zuerst auf dem Mond usw.) bringen niemanden zu Weisheit und erhellenden Erkenntnissen. "Meinst du, die Europäer und Amerikaner wollen Krieg?" wird vermutlich noch als Gedicht von mir verfasst werden. Es wird wohl inhaltlich in Russland genauso wenig aussagen, wie das Gedicht von Jewtuschenko über Russland anderswo - jedenfalls so lange man eigene Verantwortungen ausblendet. Vielleicht irrt Menschheit zu glauben, Friede sei mit Menschen lange machbar. Schliesslich sind wir Geschöpfe der Natur, in der sich z.B. Tiere gegenseitig töten und fressen (bis zur eigenen Nachkommenschaft), wegen Weib die Hörner und Geweihe abstoßen bzw. Nebenbuhler töten oder Männchen nach dem Geschlechtsakt vom Weibchen gefressen werden (Gottesanbeterin). "Meinst du, die Tiere wollen Krieg?"