Besuch im Gulag-Museum lässt Carsten Gansel ratlos zurück

Unser Mann in Moskau, Carsten Gansel, läuft auf dem Weg ins Gulag-Museum zunächst in eine Sackgasse - beim zweiten Anlauf klappt es aber. Was in dem Museum gezeigt wird, ist für Generationen, die diesen Schrecken nicht miterleben mussten, nur schwer vorstellbar.

Das Gulag-Museum in Moskau.
Das Gulag-Museum in Moskau.
Carsten Gansel

Da ich in den letzten Jahren immer wieder in russischen Archiven gewesen bin und es auch mit zahlreichen Personen zu tun bekommen hatte, die in der Zeit der Großen Terrors im Gulag verschwunden waren, nie wieder kamen oder aber dort mitunter mehr als zehn Jahre verbracht hatten, war klar, dass ich erneut das Gulag-Museum in Moskau besuchen würde. Ich war 2013 mit meinem Freund Sascha dort gewesen. Diesmal machte ich mich allein auf den Weg.

Das Gulag-Museum befand sich – so meine Erinnerung – in der Nähe der Tverskaya (Straße) und war gut zu Fuß erreichbar, nämlich die Petrowka 16. Ich fand die Straße auch, die Nummer ebenfalls, und ich glaubte auch irgendwie den Innenhof zu erinnern, aber ein Museum befand sich da nicht. Ich ging mehrmals hin und her, sah das bewachte riesige Gebäude der Generalstaatsanwaltschaft rechter Hand und entschloss mich schließlich zu fragen, wo denn die Nr. 16 sei.

Gulag-Museum an anderer Stelle

„Nun, genau daneben“, sagten die ‚Kollegen’ in den schicken Uniformen. Aber da sei nicht das, was ich suchte, gab ich zu verstehen. Ob ich zum Gulag-Museum wolle, fragte der nette Polizist. Als ich bejahte, teilte er mir mit, dass das schon seit zwei Jahren geschlossen sei. Ich war verwundert, aber vielleicht hatte ich etwas verpasst. Und in der Tat, das Gulag-Museum war umgezogen, es befand sich in einer anderen Gegend, in der 1-й Самотечный переулок, 9, in der Nähe der Metro „Dostoyevskaya“.

Ein Porträt von Dostojewski in der Metro.

Dass sie so heißt, hat einen Grund, denn dicht dabei befindet sich das Museum der Wohnung von Dostojewski. Und wenn man die Metro verlässt, sieht man ein großes Porträt des großen russischen Dichters. Diesmal war wieder ein Musiker vor dem Porträt, wie man sie in vielen Metro-Stationen findet. Und immer wieder habe ich beobachtet, dass Passanten Geld in die Gitarrenkästen warfen. Ich selbst habe das mehrfach getan. Aber immer geht auch nicht.

Aber zurück zur Wohnung: Eigentlich war es nicht Dostjewskis Wohnung, sondern die seiner Eltern. Der Vater war Arzt an der Moskauer Mariinski-Klinik für Arme und so hatte die Familie eine Wohnung im entsprechenden Krankenhaus. Zusammen mit einem Bekannten, der inzwischen zu einem Freund geworden ist, haben wir uns am Gulag-Museum verabredet, aber zufällig treffen wir uns am Metro-Ausgang und gehen zusammen zur Dostojewski-Wohnung.

Die sieht wirklich noch fast so aus wie damals, als der kleine Fjodor dort mit seinem Bruder in für die heutige Zeit recht düsteren Verhältnissen verbrachte. Der Ort – so sagen wir beide – ist nicht dazu geeignet, Fröhlichkeit zu entwickeln. Von da aus dann zum Gulag-Museum, hier verabschieden wir uns, denn wir werden uns vor meiner Abreise nicht mehr sehen. Zudem will der Freund noch einmal in Ruhe und allein hier her kommen. Der Großvater, der als Offizier eine Zeit lang bei den Weißgardisten gekämpft hatte, wurde später, als er damit längst nichts mehr zu tun hatte, für zehn Jahre in einen Gulag gebracht. Erzählt hat er darüber nie, sagt der Freund.

Was Menschen anderen Menschen antun können

Ich bin also im Museum, und es ist wie immer in solchen Räumlichkeiten ungeheuer bedrückend. Allein schon deshalb, weil man weiß, was hinter den Bildern, den Fotos, den Gerätschaften, den Zahlen an schrecklichen Geschichten steckt und einem immer wieder bewusst wird, was Menschen anderen Menschen antun können. Im Dienste einer Idee oder aber – das darf man nicht vergessen – um an billige Arbeitskräfte zu kommen. Denn: Die Verfügungen über die Einrichtung der ersten Gulags liefen parallel mit den großen Modernisierungsvorhaben in der Sowjetunion.

Carsten Gansel im Gulag-Museum von Moskau.

Die Darstellung im neuen Gulag-Museum zielt auf die Präsentation von persönlichen Schicksalen. Aber wie soll man repräsentativ über Millionen Schicksale berichten? Ja, es finden sich Erinnerungsstücke oder das, was die Häftlinge in den Gulags angefertigt haben, es findet sich etwas von ihren persönlichen Sachen, auch Versuche, sich künstlerisch zu betätigen. Sodann ist in den dunkel gehaltenen Räumen der Nachbau einer Arrestzelle zu sehen oder man kann sich in die Dokumente vertiefen, die die Verhaftung und die Anklage und die Verurteilung verfügen wie auch die Propaganda gegen Personengruppen, die sich dann im Gulag wieder fanden.

Aber, wenn ich ehrlich bin, mich hat das frühere Gulag-Museum mehr beeindruckt, vermutlich weil es roher und weniger artifiziell war und das Gebäude damals eher baufälliger wirkte. Aber wie soll man – das ist ein grundsätzliches Problem solcher Nicht-Orte – den Schrecken, das Grauen, die Hoffnungslosigkeit und gleichzeitig die Hoffnung jener Zeit authentisch in die Gegenwart holen? Und wie soll man das Geschehene an jene Generationen vermitteln, die zum Glück nicht wissen können, was das einmal war und was es persönlich bedeutete, zehn Jahre unter solchen Bedingungen existieren zu müssen? Eine Frage, auf die ich keine Antwort weiß!

Für den Nordkurier schildert Carsten Gansel seine Eindrücke aus Russland in dem Blog "Unser Mann in Moskau".