Die Geschichte dahinter: Warum ein Neubrandenburger aus Moskau berichtet

Im Jahr 2012 fand der Neubrandenburger Germanistik-Professor Carsten Gansel das Ur-Manuskript von "Durchbruch bei Stalingrad", der Roman wurde zum Bestseller. Nun kehrt Gansel zurück nach Moskau, diesmal für eine Gastprofessur. Für den Nordkurier schildert er seine Eindrücke in dem Blog "Unser Mann in Moskau".

Der Neubrandenburger Carsten Gansel reist im November und Dezember für eine Gastprofessur nach Moskau.
Der Neubrandenburger Carsten Gansel reist im November und Dezember für eine Gastprofessur nach Moskau.
Frank Wilhelm

Im Jahr 2012 gelang dem in Gießen lehrenden Neubrandenburger Germanistikprofessor Carsten Gansel (61) ein Coup in Moskau. Zusammen mit seinem Mitarbeiter Norman Ächtler fand er nach jahrelanger Recherche in einem russischen Militärarchiv das 600 Seiten starke Ur-Manuskript des 70 Jahre lang unter Verschluss gehaltenen Romans „Durchbruch bei Stalingrad“ von Heinrich Gerlach. Der Autor geriet als Wehrmachtsoffizier im Kessel von Stalingrad in Gefangenschaft. Im Sonderlager Lunjowo schrieb er in den Nachtstunden in nur eineinhalb Jahren seinen Antikriegsroman. 1949 kassierte der sowjetische Geheimdienst das Manuskript ein, Gerlach kam ohne seine Niederschrift im April 1950 zurück nach Deutschland. Die Herausgabe von Gerlachs Original durch Gansel im März 2016 glich einer literarischen Sensation.

Für Gansel schließt sich ein Kreis

„Seitdem hat mich Russland in seinen Bann geschlagen“, sagt er. Nicht nur in Verbindung mit der Herausgabe des Gerlach-Romans war er mehr als zehn Mal in dem Land, um zu verschiedenen kulturhistorischen Themen zu forschen – vor allem in Moskau, aber auch in Wolgograd, Saratow und Engels. Nach wie vor geht es um das große Thema der Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion, aber auch um die Geschichte der Gulags und die Literatur der Russlanddeutschen. So leitete Gansel ein Projekt der Bundesbeauftragten für Kultur zum Thema „Literatur und Gedächtnis – Zur Inszenierung von Erinnerung in der Literatur der Russlanddeutschen“. Erst Anfang Oktober dieses Jahres veranstaltete Gansel zusammen mit Prof. Caroline Roeder (Ludwigsburg) am Deutschen Literaturarchiv Marbach eine Tagung unter dem Titel „1917-2017, Deutschland – Russland. Topographien einer literarischen Beziehungsgeschichte“. Dort wurde übrigens auch die Frage thematisiert, warum die Russen den Deutschen nach dem II. Weltkrieg verziehen haben.

Nun, Anfang November, reist der Gießener Hochschullehrer, der in Neubrandenburg lebt, erneut nach Moskau. Er folgt dem Ruf auf eine Gastprofessur an die Staatliche Landesuniversität Moskau, eine der drei großen Unis in Moskau. An der Einrichtung wird Gansel bis Mitte Dezember Vorlesungen und Seminare zum Thema der deutschen Literatur und Kultur des 19. und 20. Jahrhunderts halten. Seit mehreren Jahren steht er in Kontakt mit der Universität sowie mit Kollegen von der Lomonossov-Universität. Als ihn der Rektor der Landesuniversität gefragt habe, ob er sich eine Gastprofessur vorstellen könne, habe er nicht lange überlegt.

Mit der Lehrtätigkeit schließt sich für ihn ein Kreis: Der aus Güstrow stammende Gansel studierte nämlich Germanistik und Slawistik, ging dann aber in die Deutsche Literaturwissenschaft. Die russische Sprache beherrscht er nach wie vor. „Wenngleich manches in Vergessenheit geraten ist, für Gespräche im Alltag und an der Universität sowie das Forschen in den Archiven reicht der Fundus aus“, sagt Gansel. Die Vorlesungen wird er aber auf Deutsch halten. Die Seminare dürften aus einem Sprachmix bestehen, schätzt er ein. Das sind viele Studierende der Moskauer Uni auch gewöhnt sein. Denn an der Hochschule mit ihren rund 15.000 Studenten lehren regelmäßig ausländische Professoren.

Prägende Erfahrungen aus Wolgograd

Aus vielen Gesprächen mit russischen Kollegen weiß Gansel, dass der Enthusiasmus an den Universitäten trotz der gegenüber Deutschland vergleichsweise geringen Bezahlung hoch ist. Er hat auch die Erfahrung gemacht, dass sich die gegenwärtige Eiszeit zwischen Deutschland und Russland in den politischen und wirtschaftlichen Beziehungen nicht negativ auf das Verhältnis zu den Kollegen in Moskau und anderen russischen Städten ausgewirkt habe. „Ich plädiere dafür, die Kontakte zu russischen Kollegen zu vertiefen und gemeinsame Projekte auf den Weg zu bringen“, sagte er. Dies sei auch ein Ziel des Aufenthalts in Moskau.

Für bemerkenswert hält er in diesem Zusammenhang die Erfahrungen, die er in Wolgograd, dem früheren Stalingrad, gemacht hat. Bei der Schlacht um die Stadt ließen 1942/1943 700.000 Menschen ihr Leben. Nach wie vor werden dort Gefallene geborgen. „Dabei wird kein Unterschied zwischen russischen und deutschen Soldaten gemacht“, sagt Gansel, „alle bekommen ihr Kreuz.“

Für den Nordkurier schildert Carsten Gansel seine Eindrücke in dem Blog "Unser Mann in Moskau".