Die Diskussion im Deutsch-Russischen Haus wurde von Jan Dresel, dem Leiter der Verbindungsstelle der Hanns-Seidel-Stiftung in Moskau, moderiert.
Die Diskussion im Deutsch-Russischen Haus wurde von Jan Dresel, dem Leiter der Verbindungsstelle der Hanns-Seidel-Stiftung in Moskau, moderiert. Carsten Gansel

Moskauer Gespräche und die „Öko-Fragen“

Die Studenten unseres Autors sind sich einig: Öko-Produkte sind ein Luxus-Gut. Und vor allem ein Frauen-Thema. Eine Diskussionsrunde im Deutsch-Russischen Haus in Moskau scheint diesen Eindruck zu bestätigen.

++ Der Neubrandenburger Germanist Carsten Gansel ist im November und Dezember für eine Gastprofessur in Moskau. Im Blog "Unser Mann in Moskau" berichtet er für den Nordkurier von seinem Aufenthalt in der russischen Hauptstadt. Die Geschichte dahinter lesen Sie hier. +++

Das Schöne und Interessante an den Seminaren mit meinen Studentinnen und den zwei Studenten – es ist ein junger Mann dazu gekommen – besteht u.a. darin, dass wir gemeinsam alle jene Probleme bereden können, auf die ich bei meinem Aufenthalt stoße. Und natürlich können sie alle Fragen auf den Tisch legen, die ihnen wichtig sind. Es geht schließlich um „Kommunikation“, und aktuelle Themen sind mit Sicherheit spannender, als das, was in den Lehrbüchern der Studenten steht.

Ich habe bisher zwar kein Lehrbuch gesehen, aber es soll eines geben. Als ich vorschlage, dass wir uns auch daran halten können, höre ich ein vielstimmiges Veto. Nein, wir sollen besser das Buch weglassen und über das wirkliche Leben reden. Nun denn, ich erzähle kurz davon, dass ich nach unserem Seminar in der letzten Woche bei einer Gesprächsrunde gewesen bin, die sich mit dem Thema „Öko-Produkte&Öko-Landwirtschaft“ in Russland beschäftigt hat.

Organische Produkte nur für wohlhabende Leute

Verwiesen wurde darauf, dass die russische Politik aktuell über Möglichkeiten einer Förderung von Landwirtschaft berät, die ökologisch ausgerichtet ist. Ich frage meine Studentinnen, was sie denn von ökologischen Produkten halten. Die Studentinnen sind, wie gesagt, um die 20. Tanja meldet sich und bringt das so auf den Punkt: Ja, ökologische Produkte seien ganz gut, auch sie würde manchmal welche kaufen. Aber sie sind einfach zu teuer, und Leute die weniger Geld haben, können sich so etwa nicht leisten.

„Öko-Produkte, die sind einfach Luxus!“, so die Meinung, die von allen im Seminar geteilt wird. Ich kann dem nur zustimmen. Und habe mir bei der Gesprächsrunde auch die Frage gestellt, was jene in Russland machen, die so schon nicht hinreichend Geld haben. Aber, und nun kann ich kurz von meiner Beobachtung erzählen, diese Frage wurde so gut wie nicht besprochen während der Talk-Runde im Deutsch-Russischen Haus (DRH) in Moskau. Das DRH kannte ich schon von früheren Aufenthalten in Moskau, 2013 war ich zufällig bei der Feier zum 15-jährigen Bestehen des Deutsch-Russischen Hauses.

In der Selbstbeschreibung des DRH steht, dass sich hier russlanddeutsche, russische und deutsche Kultur begegnen. „Unser Ziel ist“, so die Aussage, „durch vielseitige Aktivitäten die Interessen der deutschen Minderheit in Russland zu unterstützen sowie zur Gestaltung enger freundschaftlicher Beziehungen zwischen Russland und Deutschland beizutragen.“ Entsprechend sind die Veranstaltungen ausgerichtet. Diesmal also „Öko“. Die Fragen diskutieren Tatjana Lebedewa, Chefredakteurin von Look.Bio & LookBio, Natalja Paramonowa, sie ist Journalistin und Organisatorin des „grünen“ Dokumentarfilmfestivals „Eco Cup“, sodann Julia Gratschewa, Leiterin der Organisation „Ecological Union“ in St. Petersburg und schließlich Helena Drewes, die aus Dänemark kommt und Beraterin und Leiterin der Organisation „Organic Russia“ ist.

Aufklärung über Öko-Produkte als neue Form der Ideologie?

Moderiert hat das Gespräch Jan Dresel, er ist Leiter der Verbindungsstelle der Hanns-Seidel-Stiftung in Moskau. Im Gespräch dann werden einige Probleme markiert: Der Bio-Markt in Russland würde sich erst langsam entwickeln, in Russland werden die Produkte aktuell unter dem Markenzeichen „organische Produkte“ angeboten. Derzeit ist die Kultur des Anbauens von Öko noch nicht so entwickelt. Mehrfach verwiesen wird auf eine Aussage von Wladimir Putin, der gesagt habe, Russland sei perspektivisch der größte Produzent von Bio-Produkten. Dann müsse Russland aber auch die internationalen Standards einhalten, so ein Einwand.

Von daher debattieren die Damen das Problem der Zertifizierung und sie verweisen darauf, dass es derzeit noch kein einheitliches Label gebe. Auf die Frage von Jan Dresel, ob der Russe bereit sei, mehr Geld auszugeben für organische Produkte, ist die Antwort – so scheint es mir – doch recht ausweichend. Deutschland spiele eine große Rolle beim Aufbau der „russischen organischen Welt“, die Bio-Produkte kommen häufig aus Deutschland, so die erste Richtung der Antwort.

Ich frage mich nebenbei, ob diese Produkte auch vom EU-Embargo betroffen sind. „Ja schon“, kommt die Einschränkung, Öko-Produkte seien nun mal 20-30 Prozent teurer. Aber anders als die Studentinnen, die sehr realistisch darauf hinweisen, dass sie und andere sich so etwas nicht leisten können, setzen die Damen auf Aufklärung! Man müsse den Leuten eben sagen, wie wichtig Öko ist für die Gesundheit und überhaupt. Mich überzeugt das freilich nicht, ist das nicht wieder eine neue Form von – sagen wir mal – „Ideologie“?

Und auch in der Diskussion, aber das ist normal, bleiben Fragen offen. Ein männlicher Diskutant meldet sich und will wissen, ob Öko ohnehin eher war für Frauen sei – das sehe man auch an der Zusammensetzung des Podiums – und russische Männer sich dafür nicht interessieren. Es wird ein wenig gelacht, die Frage bleibt auch hier unbeantwortet. Mein Student, Iwan, hat da ganz knallhart reagiert. Meistens würden doch zu Hause auch heute noch die Frauen kochen, daher interessiere sie das Thema mehr.

Bei Debatten in Russland wird genau auf den Westen geschaut

Russischen Männern sei es egal, ob das Bio ist oder nicht. Ob Makkaroni oder Kotelett, Hauptsache was auf dem Teller! Seine Kommilitoninnen wenden dann doch ein, dass das ganz so heute nicht mehr sei, denn Frauen würden schließlich auch arbeiten. Aber letztlich, ja schon, dass Essen sei doch oft Sache der Frauen. In der Diskussionsrunde hatte Helena Drewes die Frage durchaus pointiert so auf den Punkt gebracht: In Russland würden sich vor allem Frauen für Öko interessieren, weil die für sich und ihre Kinder bessere Lebensmittel haben wollen, ohne Pestizide.

Die andere männliche Gruppe, das seien die Nerds, mithin zumeist eine bestimmte Gruppe von Männern. Der Moderator, der die Fäden des Gesprächs gut verbindet, gesteht ein, ja, bei ihm gebe es auch noch Reserven. Im Seminar zeige ich das Foto von der Gesprächsrunde, und eine Studentin sagt, sie könne sich gut vorstellen, dass „die da“ an Öko interessiert sind und auf Öko machen. „Warum“ frage ich: „Na, so wie die aussehen“. Alle lachen!

Wir lassen das so stehen in unserer Runde. Aber in der Tat, bei manchen Problemdebatten hier in Russland kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass sehr genau danach geschaut wird, welche Position im Westen gut ankommt und wofür man mit Unterstützung rechnen kann. Das muss nicht die Öko-Debatte betreffen, dazu kenne ich die Verhältnisse zu wenig. Aber einige der russischen Bekannten haben auf solche Tendenzen mehrfach verwiesen. Sollte das sein? Aus einem anderen Land kann ich diese Vermutung bestätigen, denn da haben wir wirklich Einblicke, seit immerhin 10 Jahren. Gemeint ist Kuba!

Für den Nordkurier schildert Carsten Gansel seine Eindrücke aus Russland in dem Blog "Unser Mann in Moskau".

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